
Um 9 Uhr heißt es in Mainz „Leinen los!“. Vor uns liegt der schönste Streckenabschnitt des Rheins – oder jedenfalls der bekannteste: der Rheingau. Ich setze mich vorn an den Bug und genieße die Fahrt.
Eine Siedlung namens Oestrich gleitet vorbei und just zur gleichen Zeit auch ein rot-weiß-rot beflaggtes Schiff, die "Jochenstein". Der Kapitän winkt herüber, ich winke zurück. Ab Rüdesheim steigt das Ufer zu beiden Seiten an, das Land beginnt sich emporzuwölben. Weinberge prägen das Bild.
Dann gleiten wir an jenem Ort vorbei, in dem die Benediktinerin und große christliche Mystikerin Hildegard von Bingen gewirkt hat. Unweit jenes Ortes, wo die Nahe in den Rhein mündet und die Grenze zwischen Ober- und Mittelrhein markiert, also bei Kilometer 497, hat sie ihr Kloster gegen alle Widerstände der damaligen Zeit gegründet.
Schon mit acht (!) Jahren wurde sie, als zehntes Kind, von ihrer Familie „der Kirche geopfert“ und zusammen mit zwei weiteren Nonnen in eine Klause eingeschlossen. Das war im elften Jahrhundert, also im tiefsten Mittelalter. Die damals herrschende Lehrmeinung, dass Frauen aus eigener Kraft nicht zu theologischen Kenntnissen in der Lage seien, umging sie geschickt, indem sie sich selber als ungebildet bezeichnete und sich auf Visionen berief.
Im Laufe ihres langen Lebens hat sie die männliche Kirchenwelt mit ihrer selbstbewussten und charismatischen Art ziemlich aufgemischt und nach langen, heftigen Auseinandersetzungen ihr eigenes, oben erwähntes Kloster bekommen. Sie wurde für viele zur Wegweiserin und schon zu Lebzeiten als Heilige verehrt; verfasste nicht nur theologische Texte, sondern dichtete, komponierte, schrieb Lehrbücher der Heilkunde und korrespondierte mit allen Mächtigen der damaligen Zeit. Ihr außergewöhnlich starker Charakter und Gottesglaube erlaubten es ihr, sogar König und Papst offen zu ermahnen.
Unmittelbar nach Bingen verengt sich das Tal dramatisch. Der Strom durchbricht nun mit vielen Windungen über eine Länge von 60 Kilometern das Rheinische Schiefergebirge. Eine Burg nach der anderen säumt die Uferklippen. Vorbei geht’s am Loreley-Felsen, der so vielen Schiffern zum Verhängnis wurde. Untiefen und viele Felsinseln, die starke Stromgeschwindigkeit wie auch die vielen Schiffe machen die Navigation zu einer Herausforderung für jeden Steuermann. Herrliche alte Schiffe begegnen uns – auch die „Goethe“, der 1913 gebaute und liebevoll restaurierte mächtige Raddampfer. Viel zu schnell erreichen wir Koblenz, unseren heutigen Zielhafen.