Samstag 22.November 2008 | 09:18
Culture / Music / Party / City

Von Hubert von Goisern am 11.08.2008

Die Hafenmeisterei macht Hubert von Goisern das Leben schwer: Der Musiker bloggt über seine Holland-Konzerte, bockige Beamte und philosophiert über Erfolg.


Seit 6 Uhr bin ich wach. Nach heftigen Regengüssen, die die ganze Nacht lautstark niederprasselten, ist es draußen nun ruhig geworden. Es hat aufgehört zu regnen.

Ich weiß nicht genau, wo wir sind. Nur, dass wir gegen Süden nach Rotterdam fahren. Wir haben Amsterdam zwei Stunden nach dem Konzert verlassen, also etwa eine Stunde nach Mitternacht. Die meisten von uns waren noch auf und standen mit mir am Dach des Küchencontainers, um die spektakuläre Kulisse noch einmal einzuatmen. Bewohner der umliegenden Häuser riefen uns noch Komplimente zu und wünschten eine gute Weiterreise.

Probleme mit dem Meister. Alles in allem hat es sich ausgezahlt, hier zu spielen, auch wenn die Rahmenbedingungen wieder einmal schwierig waren. Die Hafenmeisterei unternahm alles, um uns das Leben schwerzumachen. Unser Kommen und Tun wurde mit Argusaugen begleitet, als hätten wir eine Ladung Sprengstoff oder Giftmüll geladen. Da half auch kein Anruf bei der österreichischen Botschaft mit der Bitte um Vermittlung.

Und auch nicht der Hinweis, dass wir alle schriftlichen Genehmigungen der diversen Behörden besitzen. Als wir persönlich beim Hafenamt vorsprachen, sahen wir einen Artikel der aktuellen Tageszeitung samt Foto von unserem Schiff auf der dortigen Anschlagtafel hängen, wie einen Steckbrief.

Man ließ uns das Schiff partout nicht so vertäuen, dass wir parallel zum Ufer hätten stehen können. Es interessierte sie nicht, dass wir am Publikum vorbei aufs Wasser hinaus spielen würden. Auf die höflich gestellte Frage unseres Kapitäns nach dem Grund ihrer Auflage gab es die unhöfliche Antwort: Das gehe uns nichts an, es sei so, weil sie das so sagen. Schluss, aus, basta!

Auch die Polizei kann nicht helfen. Was soll’s, wir hatten keine Wahl und schon genug Zeit verloren, also gingen wir an die Arbeit. Bemerkenswert war noch der Besuch der Wasserpolizei. Sie kamen während des Soundchecks per Boot vorbei und fragten uns allen Ernstes, warum wir es so blöd festgemacht hätten.

Wir erzählten ihnen von unseren Diskussionen, und auch sie fanden keine Erklärung für die Schikane des Hafenmeisters, konnten die Sache aber auch nicht ändern – die Hafenmeister seien eben so. Wie der Vatikan, ein Staat im Staat.

Das Konzert. Einen Vorteil hatte die Position allerdings: Der Ausblick von der Bühne war sagenhaft, Steuerbord lag die sandige Halbinsel, auf der etwa 400 bis 500 Zuschauer standen, und Backbord war Wasser, auf dem unablässig kleiner und größere Nachen heranglitten, der Musik lauschten und eine fröhliche Stimmung verbreiteten.

Zap Mama Marie Daulnes ist eine beeindruckende Künstlerin. Die Arrangements, die sie mit uns erarbeitet hat, waren für alle eine Herausforderung. Ich freu mich auf die zwei weiteren Konzerte mit ihr; heute in Rotterdam und morgen in Antwerpen. Ich hoffe, das Wetterglück bleibt uns treu. Bisher konnten wir uns nicht beklagen.

Weiterreise nach Rotterdam. Als wir am späten Vormittag in Rotterdam einlaufen, weht heftiger Wind, und die Luft riecht nach Herbst. Auch hier macht sich die Hafenmeisterei gleich wichtig und zweifelt erst mal an der Richtigkeit unserer Genehmigungen. Jaja, das fahrende Volk, dem wir zweifellos angehören, stößt eben seit Menschengedenken bei den Sesshaften auf Ablehnung und Widerstand.

Es ist bereits eine Stunde nach Mitternacht, und wir verlassen gerade Rotterdam. Es war ein gutes Konzert vor leider wieder einmal spärlicher Kulisse. Der lokale Veranstalter hat es wirklich geschafft, das Konzert geheim zu halten.

Unfreiwilliger Secret-Gig.
Wenn wir 200 Zuhörer hatten, ist das großzügig geschätzt. Und die waren zufällig da bzw. einige wenige hatten es auf unserer Homepage gelesen. Aber was soll’s! Die, die da waren, hatten eine gute Zeit und wir auch. Goodbye, Rotterdam, du unspektakulärer Wendepunkt unserer Reise. Vor genau einem Jahr waren wir in Sfântu Gheorge am Schwarzen Meer, auch damals war es auf unspektakuläre Art einzigartig und schön.

Woran misst man Erfolg? Am Publikum? Ist Erfolg eine Zahl? Oder ist Erfolg das Erreichen eines Ziels? In dem Fall eines geographischen Punktes, ist Rotterdam unser persönlicher Nordpol? Oder ist Erfolg ganz einfach das, was er-folgt, wenn man sich bewegt? Ist Erfolg eine zwangsläufige Wirkung auf Ursächliches? „Anything goes“. Wer war das, Paul Feyerabend? Does anything go? Wenn ja, liegt mehr Verantwortung bei uns, als wir, gemütlich eingebettet zwischen religiösen und darwinistischen Fatalismen, bereit sind zuzugeben.


Huberts schwimmende Bühne in Amsterdam.
© Petra Hinterberger


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