
Seit 6 Uhr bin ich wach. Nach heftigen Regengüssen, die die ganze Nacht lautstark niederprasselten, ist es draußen nun ruhig geworden. Es hat aufgehört zu regnen.
Ich
weiß nicht genau, wo wir sind. Nur, dass wir gegen Süden nach Rotterdam
fahren. Wir haben Amsterdam zwei Stunden nach dem Konzert verlassen,
also etwa eine Stunde nach Mitternacht. Die meisten von uns waren noch
auf und standen mit mir am Dach des Küchencontainers, um die
spektakuläre Kulisse noch einmal einzuatmen. Bewohner der umliegenden
Häuser riefen uns noch Komplimente zu und wünschten eine gute
Weiterreise.
Probleme mit dem Meister. Alles in allem hat es sich ausgezahlt, hier zu
spielen, auch wenn die Rahmenbedingungen wieder einmal schwierig waren.
Die Hafenmeisterei unternahm alles, um uns das Leben schwerzumachen.
Unser Kommen und Tun wurde mit Argusaugen begleitet, als hätten wir
eine Ladung Sprengstoff oder Giftmüll geladen. Da half auch kein Anruf
bei der österreichischen Botschaft mit der Bitte um Vermittlung.
Und
auch nicht der Hinweis, dass wir alle schriftlichen Genehmigungen der
diversen Behörden besitzen. Als wir persönlich beim Hafenamt vorsprachen, sahen wir einen Artikel der aktuellen Tageszeitung
samt Foto von unserem Schiff auf der dortigen Anschlagtafel hängen, wie
einen Steckbrief.
Man ließ uns das Schiff partout nicht so
vertäuen, dass wir parallel zum Ufer hätten stehen können. Es
interessierte sie nicht, dass wir am Publikum vorbei aufs Wasser hinaus
spielen würden. Auf die höflich gestellte Frage unseres Kapitäns nach
dem Grund ihrer Auflage gab es die unhöfliche Antwort: Das gehe uns
nichts an, es sei so, weil sie das so sagen. Schluss, aus, basta!
Auch die Polizei kann nicht helfen. Was
soll’s, wir hatten keine Wahl und schon genug Zeit verloren, also
gingen wir an die Arbeit. Bemerkenswert war noch der Besuch der
Wasserpolizei. Sie kamen während des Soundchecks per Boot vorbei und
fragten uns allen Ernstes, warum wir es so blöd festgemacht hätten.
Wir
erzählten ihnen von unseren Diskussionen, und auch sie fanden keine
Erklärung für die Schikane des Hafenmeisters, konnten die Sache aber
auch nicht ändern – die Hafenmeister seien eben so. Wie der Vatikan, ein Staat im
Staat.
Das Konzert. Einen Vorteil hatte die Position allerdings: Der Ausblick
von der Bühne war sagenhaft, Steuerbord lag die sandige Halbinsel, auf
der etwa 400 bis 500 Zuschauer standen, und Backbord war Wasser, auf dem
unablässig kleiner und größere Nachen heranglitten, der Musik lauschten
und eine fröhliche Stimmung verbreiteten.
Zap Mama Marie Daulnes ist
eine beeindruckende Künstlerin. Die Arrangements, die sie mit uns
erarbeitet hat, waren für alle eine Herausforderung. Ich freu mich auf
die zwei weiteren Konzerte mit ihr; heute in Rotterdam und morgen in
Antwerpen. Ich hoffe, das Wetterglück bleibt uns treu. Bisher konnten
wir uns nicht beklagen.
Weiterreise nach Rotterdam. Als wir am späten Vormittag in
Rotterdam einlaufen, weht heftiger Wind, und die Luft riecht nach
Herbst. Auch hier macht sich die Hafenmeisterei gleich wichtig und
zweifelt erst mal an der Richtigkeit unserer Genehmigungen. Jaja, das
fahrende Volk, dem wir zweifellos angehören, stößt eben seit
Menschengedenken bei den Sesshaften auf Ablehnung und Widerstand.
Es
ist bereits eine Stunde nach Mitternacht, und wir verlassen gerade
Rotterdam. Es war ein gutes Konzert vor leider wieder einmal spärlicher
Kulisse. Der lokale Veranstalter hat es wirklich geschafft, das Konzert
geheim zu halten.
Unfreiwilliger Secret-Gig. Wenn wir 200 Zuhörer hatten, ist das großzügig geschätzt.
Und die waren zufällig da bzw. einige wenige hatten es auf unserer
Homepage gelesen. Aber was soll’s! Die, die da waren, hatten eine gute
Zeit und wir auch. Goodbye, Rotterdam, du unspektakulärer Wendepunkt
unserer Reise. Vor genau einem Jahr waren wir in Sfântu Gheorge am
Schwarzen Meer, auch damals war es auf unspektakuläre Art einzigartig
und schön.
Woran misst man Erfolg? Am Publikum? Ist Erfolg
eine Zahl? Oder ist Erfolg das Erreichen eines Ziels? In dem Fall eines
geographischen Punktes, ist Rotterdam unser persönlicher Nordpol? Oder
ist Erfolg ganz einfach das, was er-folgt, wenn man sich bewegt? Ist
Erfolg eine zwangsläufige Wirkung auf Ursächliches? „Anything goes“.
Wer war das, Paul Feyerabend? Does anything go? Wenn ja, liegt mehr
Verantwortung bei uns, als wir, gemütlich eingebettet zwischen
religiösen und darwinistischen Fatalismen, bereit sind zuzugeben.