Chen Guangbiao

Chen Guangbiao: Öko-Karikaturist (oder so was)

Foto oben: Getty Images

Chen Guangbiao ist Chinas wichtigster Umweltaktivist. Aber ist der Mann echt? Wir wollten das rausfinden.

Lieber Herr Guangbiao!

Erlauben Sie uns eine höfliche Frage: Wer zum Teufel sind Sie eigentlich? Auf Ihrer Visitenkarte steht neben Ihrem ­Namen das hier: „Einflussreichste Person Chinas“. „Geliebtes Role Model“. „Chinas moralischer Führer“. Hmmm.

Am meisten erfahren wir über Sie hierzulande aber aus den Medien: Alle sind fasziniert von Ihrem exzentrischen Aktivismus, nur wenige von Ihrer Leistung als Chef von Jiangsu Huangpu Renewable Resources Ltd. 

Unser Brief an Dr. Who

Chen Guangbiao ist Chinas wichtigster Umweltaktivist. Zumindest glauben das die Medien. Seine ­bizarren politischen Statements haben was von Performance-Kunst. Aber was soll das alles eigentlich? Ist der Mann echt? Wir wollten das rausfinden. Wollten.

Kein Wunder: Diese Firma vertreibt Frischluft in Dosen. Sie zerstören Ihren Mercedes mit einem Abrissbohrer, um den autofreien Tag zu bewerben. Um zu beweisen, dass Radfahren gesund ist, klemmen Sie sich einen Drahtesel in die Kauleiste. Alles schön öffentlichkeitswirksam, stets vor Kameras und immer ­etwas zu schrill. Für ein umweltpolitisches Statement gehen Sie gar so weit, Ihren Namen amtlich zu ändern. 

Für wen tun Sie das, Herr Guangbiao? Pardon, Herr Chen Niedriges CO²? Tun Sie es für die Umwelt? Für Ihre Kinder? Böswillige Kritiker meinen, das Einzige, was an Ihrem Öko-Aktivismus nachhaltig wirkt, sei der Boost Ihres Egos. Wir haben vielfach versucht, Sie persönlich zu befragen. Leider hatten wir mehr Kontakt mit Mailer Daemon als mit Ihnen.

ROPI

Gut geklaut aus Mel Brooks’ „Spaceballs“ (1987): Frischluft aus der Dose

© ROPI

Die offizielle Website Ihres Unter­nehmens ist seit 2013 offline. Sämtliche Telefonnummern führen ins Nirgendwo. Und Ihre angebliche Assistentin (die den Namen einer chinesischen Manga-Kriegerin trägt) hat erstens die Stimme eines verschlafenen Mannes und zweitens sofort aufgelegt. Gibt es Sie überhaupt, Mr. Guangbiao? Wo sind Sie? Unter­getaucht? Eingesperrt? Wegzensuriert? 

In Amerika staunen sie noch immer über Ihr Engagement für die Armen: Sie spendierten 250 New Yorker Obdachlosen ein Galadinner und versprachen jedem 300 Dollar Taschengeld. Auch wollten Sie die „New York Times“ übernehmen, damit diese in Zukunft „objektiver“ über Ihre Heimat berichten kann. Echt nobel. Blöd nur, dass die Obdachlosen ihr Geld nie ­gesehen haben. Und die „New York Times“ Sie nicht mal zum Essen eingeladen hat. 

”Zerstört eure Autos! Und: Wo ist die Kamera?“

Mal ehrlich, Herr Guangbiao, wer sind Sie wirklich? Ein neunmal um die Ecke gedachtes Kunstprojekt? Ein perfektes Stück Gesellschaftssatire? Und wer hat das Skript geschrieben? Rupert Murdoch? Oder Sasha Baron Cohen? Und ist es nur Zufall, dass Guangbiao übersetzt „der Cursor“ heißt? Geben Sie es zu, Sie sind der dritte Yes Man!

Whatever, wir ziehen trotzdem den Hut vor Ihnen! Weil Sie uns zeigen, wie hungrig wir nach dem skurrilen Spektakel sind. Weil Sie den Superreichen Chinas die Spendierhosen anziehen. Und weil Sie uns in nicht ganz einfachen Zeiten viel zu einfache Lösungen verkaufen. Für uns sind Sie ein Rebell. Ein Rebell, wie er im Märchenbuch steht.

Beste Grüße, The Red Bulletin

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07 2015 The Red Bulletin

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