Krystle Wright - Slackline

„Deine Schwächen werden gnadenlos aufgedeckt“

Interview: Andreas Rottenschlager
Fotos: Krystle Wright

Die Abenteuer-Fotografin Krystle Wright setzt sich bei ihrer Arbeit ständig dem Risiko aus. Was man davon lernen kann und wieso ihr Freund deshalb schon einmal der häuslichen Gewalt verdächtigt wurde, erklärt sie im Interview.

THE RED BULLETIN: Frau Wright, Sie verdienen sich Ihr Geld als Abenteuer-Fotografin. Wann hatten Sie das letzte Mal während Ihrer Arbeit Angst? 

KRYSTLE WRIGHT: Im Mai ­dieses Jahres. Wir wollten den University Peak besteigen, einen über 4100 Meter hohen ­Gipfel im Südosten Alaskas. Dort gibt es eine Ski-Abfahrt, die nur selten befahren werden kann. Als wir am Berg ankamen, donnerte eine Lawine quer durch unsere geplante Route, gefolgt von sechs weiteren. Und mir wurde ­wieder einmal klar, dass es Momente gibt, in denen du keine ­Überlebenschance hättest. 

Sie sind solchen Risiken ständig ausgesetzt. Wie ­minimieren Sie Gefahr?

Indem ich diese drei Regeln ­befolge: Plane sorgfältig, hol dir erfahrene Leute ins Team und brich Projekte ab, wenn es zu gefährlich wird. So haben wir es auch an jenem Tag in ­Alaska gemacht.

 

Krystle Wright

Die Fotografie treibt sie um die ganze Welt: Krystle Wright

 Aber auch diese Techniken klappen nicht immer: 2011 mussten Sie in Pakistan ­gerettet werden, nachdem Ihr Paragleitschirm gegen einen Felsen gekracht war. 

Wir waren in den Rakaposhi-Bergen im Karakorum unterwegs. Ich hing als Co-Pilotin an einem Tandemschirm. Eine Windbö blies uns von der Startbahn. Ich sah den Felsen noch auf mich zukommen. Dann: ein Knall. Blackout. Erst Minuten später kam ich wieder zu mir. Mein Gesicht blutete.

Wie schafften Sie es vom ­Gebirge ins Krankenhaus?

Tom de Dorlodot, der Para­gleiter, landete im Dorf und organisierte die Rettungskette. Ein Team holte mich vom Berg. Dann ging es mit dem Jeep weiter, bis uns ein Fluss den Weg versperrte. Die Helfer mussten mich über eine ­Hängebrücke schleppen. Dort warteten wir auf den nächsten Jeep. Das Krankenhaus ­erreichten wir acht Stunden später. Mir kam Regel zwei zugute: die Profis im Team.

Wie verkraften Sie solche Rückschläge?

Man muss sofort wieder ar­beiten. Als ich nach Sydney zurückkam, fotografierte ich bei einem Australian-Football-Match. Mein damaliger Freund schleppte mein Equipment. Als die Spieler aufs Feld rannten, starrten sie ihn an wie einen Schwerverbrecher. Mit meinem zerschundenen Gesicht und dem Gipsfuß sah aus wie ein Opfer häuslicher Gewalt.

 Ich sah den Felsen noch auf mich zukommen. Dann: ein Knall. Blackout.
Krystle Wright über ihr gefährlichstes Erlebnis
Krystle Wright - Kitesurfen

Was lernt man über sich, wenn man sich ständig ­Risiken aussetzt?

Deine Schwächen werden gnadenlos aufgedeckt. Ich habe zum Beispiel Geduld beim Fotografieren. Aber gar keine ­Geduld, wenn ich wieder gesund ­werden soll. Das habe ich ­geändert.

Haben Sie einen Tipp, wie man sich einen Adrenalinkick holt, ohne seine Gesundheit zu riskieren?

Gehen Sie campen.

Das klingt nicht so extrem.

Aber jeder kann es machen. Packen Sie ein Zelt ein und entfliehen Sie dem Alltag. Sie wären überrascht, was man als Selbstversorger alles lernt. 

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10 2015 The Red Bulletin

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