AC/DC Angus Young

„Wie der Körper aussieht, das ist egal“

Interview: Marcel Anders
Foto oben: Dick Barnatt

Seit 41 Jahren Vollgas auf dem Highway to Hell: AC/DC sind die erfolgreichste und ausdauerndste Hardrock-Band der Welt. Mastermind Angus Young spricht über seine Gitarre, seinen Arsch und Landschaftsmalerei.

THE RED BULLETIN: Herr Young, wissen Sie eigentlich, was die Leute an AC/DC mögen?

ANGUS YOUNG: Ich denke, es ist ganz einfach. AC/DC ist AC/DC. Man kann sich auf uns verlassen. Die Leute wissen, was sie erwartet. Und sie werden trotzdem überrascht. Manchmal positiv, manchmal negativ (lacht).

Sie sind jetzt sechzig, aber Sie klingen genau wie mit zwanzig. Wie machen Sie das?

… wissen Sie was? Man klingt immer so, wie man sich fühlt. Und ich fühle mich kein bisschen wie sechzig. Wenn ich ­Gitarre spiele, bin ich immer noch achtzehn wie damals, als wir zum ersten Mal auftraten. Ich bin ein Kind, gefangen im Körper eines reifen Mannes.

Und wie geht’s Ihnen in diesem Gefängnis?

Wie der Körper aussieht, das ist egal. Richtig hübsch waren wir ohnehin nie (lacht).

AC/DC „Rock or bust“

Das neueste Album „Rock or bust“ ist ihr 15. weltweites Album und wurde im Dezember 2014 veröffentlicht.

Der Titel Ihres aktuellen Albums ist „Rock or Bust“, also ungefähr „Rocken oder zerplatzen“. Nun mal unter uns: Rocken und Zerplatzen sind immer noch Lebensplan A und Lebensplan B? Auch nach 200 Millionen verkauften ­Alben, darunter „Back in Black“, das sich mit 49 Millionen mehr verkauft hat als jedes Album der Beatles oder Stones?

Scheiß auf Lebenspläne. Mach einfach, was dir Spaß macht, und lass dir von keinem etwas vorschreiben. Darum geht es. Völlig egal ob du achtzehn bist oder sechzig oder hundertzwei.

ACDC

AD/DC 1980, Pinewood ­Studios, England. Das Bild zeigt die Band kurz vor dem Tod von Bon Scott. Von links: Malcolm Young (Rhythmus-Gitarre), Mark Evans (Bass), Bon Scott (Gesang), Angus Young (Lead-Gitarre) und Phil Rudd (Drums)

© Corbis

Jetzt vereinfachen Sie aber. Ich hab mir „Rock or Bust“ ein wenig genauer angehört. Im Track „Dogs of War“ stecken kritische Gedanken zur Weltlage, oder hab ich da zu viel hineininterpretiert? 

Wir singen da über Hannibal und seine Elefanten. Das ist sogar für Männer unseres Alters nicht mehr tagesaktuell (lacht). Hannibal war übrigens großartig. Ein Meister der Kriegsführung!

Sie befassen sich ja sehr mit Geschichte. Was fasziniert Sie daran? 

Es gibt nichts Spannenderes als Geschichte. Es ist doch unglaublich faszinierend, zu sehen, warum Länder und Kulturen groß geworden sind, die Welt dominiert haben und dann plötzlich von der Bildfläche ­verschwunden sind. Was für Fehler sie begangen haben, wer dahintersteckte. Ich verstehe nicht, wieso sich nicht mehr Leute mit Geschichte beschäftigen. Man kann so viel davon lernen. 

Also ist Hannibal doch aktuell?

Jajaja, Ihr Punkt (lacht). Wissen Sie, die Leute tendieren dazu, immer denselben Blödsinn zu machen. Sie wollen um ­keinen Preis der Welt schlauer werden. Deshalb sieht diese beschissene Welt so aus, wie sie aussieht. Deshalb gibt es so viele Kriege. Weil sich verdammt noch mal keiner die Mühe macht, die Vergangenheit zu kapieren!

Außer Ihnen. Und Ozzy Osbourne, der auch ein Faible für Geschichte hat.

Das lässt sich leicht erklären. Wir stammen beide aus der Nachkriegsgeneration, das hat Spuren hinterlassen. Wenn du in einer solchen Zeit aufwächst, ist es ganz natürlich, dass du wissen willst, warum die Welt so ist, wie sie ist. Da lässt dich Geschichte dein Leben lang nicht mehr los, sie stößt dich ab und fasziniert dich zugleich.

„Ich bin ein Kind, gefangen im Körper eines reifen Mannes. Wenn ich Gitarre spiele, fühle ich mich wie 18.“


Außerdem sind Sie ein talentierter ­Maler. Stimmt das?

Malen? Oh, ich kann Ihr Haus anstreichen, wenn Sie das möchten. Das würde ich hinkriegen. 

Ich hörte eher von einer Begeisterung für Landschaftsmalerei …

Ja, stimmt schon, aber ich würde nie ­behaupten, dass ich gut darin bin. Mit der Malerei habe ich schon zur Schulzeit angefangen und betreibe sie bis heute als Hobby. Mehr nicht. Keine Ambitionen, wenn Sie das meinen.

ACDC

Angus Young posiert mit ­einer Milchflasche (1976). Mittlerweile trinkt der Sechzigjährige tatsächlich nur noch Tee.

© Dick Barnatt

AC/DC müssen seit letztem Sommer ohne Ihren Bruder Malcolm auskommen, der an Demenz leidet. Wird er wieder gesund?

Momentan sieht es nicht danach aus. Es geht ihm wirklich nicht gut. Es wird eher schlimmer. Tragisch. Scheiß Krankheit.

Wie sehr lässt Sie das sich selbst hinterfragen, im Sinne von: Wie lange können wir das noch machen? Vielleicht auch: Wie lange wollen wir das noch machen?

Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Malcolm geht sehr positiv mit seiner Krankheit um, das hilft natürlich auch uns, damit umzugehen. Für uns ist die Sache wirklich klar: Wir machen das, was wir tun, solange wir wollen. Solange wir die Leidenschaft und die Energie haben und halbwegs fit sind. Warum sollten wir freiwillig aufgeben? Hey, ich liebe, was ich tue! 

ACDC

Heimspiel: Angus Young in Sydney 1975

© Morris Philip/Dalle APRF/picturedesk.com

Sie wären auch der erste Rockstar, der in einem Interview sagt: Ich hasse ­meine Musik und spiele nur noch ­wegen der Kohle.

Hahaha, glauben Sie mir einfach. Es ist, wie ich sage: Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als auf die Bühne zu gehen oder zur Gitarre zu greifen und einen Song zu schreiben. Das war 1973 so, das ist 2015 so.

Während Ihrer Shows sind Sie auf der Bühne permanent unterwegs. Haben Sie mal überschlagen, wie viele Kilometer Sie da pro Auftritt abreißen?

Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich schon einige Paar Schuhe verschlissen habe (lacht).

Was erwartet uns auf Ihrer bevor­stehenden Welttournee?

Das Beste, was in uns steckt.

Darunter auch der nackte Hintern, den Sie dem Publikum entgegenstrecken? 

Aus der Nummer komme ich wohl nicht mehr raus, oder? (Lacht.) Mein Arsch ist elementarer Teil der Show – genau wie der Duckwalk oder die simulierten spastischen Anfälle. Das gehört dazu, und die Leute wären ziemlich enttäuscht, wenn ich plötzlich darauf verzichten würde. Selbst wenn mein Allerwertester nicht mehr so knackig sein sollte wie früher: Solange der Anblick nicht für blankes Ent­setzen sorgt, mache ich damit weiter. 
 

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Mai 1976: AC/DC rocken England. Angus Young, Phil Rudd und Mark Evans (v. li.)

© Dick Barnatt

Wie sind Sie überhaupt darauf ­gekommen, der Welt den Arsch zu zeigen?

Ich weiß nicht mehr, wann und wo das genau war. Aber es ging darum, ein Publikum, das zu lethargisch war, aus der Reserve zu locken. Was auch funktioniert hat. Bei den ersten paar Konzerten waren sie ziemlich sauer und haben mit allem geworfen, was sie in die Finger ­bekommen haben. Aber dann wurde mein Arsch ziemlich schnell ziemlich ­beliebt. Es soll sogar Leute gegeben haben, die nur seinetwegen zu unseren Shows gekommen sind – also um ihn zu bewundern. Ich hoffe, das waren überwiegend Frauen …

Wie viele dieser Schuluniformen, die zu Ihrem Markenzeichen geworden sind, besitzen Sie mittlerweile?

Es müssen ein paar hundert sein, die ich über die Jahre zusammengetragen habe. 

„Mein Arsch ist Teil der Show. Genau wie die spastischen Anfälle.“

Wow, da muss es irgendwo eine Garderobe für Schuluniformen geben, groß wie ein Turnsaal…

Nein, nein, das nicht. Die Dinger halten ja nichts aus, sind nach einer oder zwei Shows schon so lädiert, dass sie für nichts mehr zu gebrauchen sind.

Sind das Schuluniformen von der Stange oder Maßanfertigungen?

Die meisten sind Maßanfertigungen. Vor allem die jüngeren. Die allererste, die ich je auf der Bühne getragen habe, war aber meine offizielle Schuluniform. Worüber meine Highschool nicht besonders glücklich war. Zumal ich überall gesagt habe: „Schaut her, ich bin das Produkt staat­licher Erziehung. Wenn da mal nichts falsch läuft in unserem System …“ 

ACDC

Brian Johnson (li.) und Angus Young, auf der „Black Ice“-Tour, Leipzig 2009

© Intertopics

Heute weiß man das kaum noch, aber es gab eine Zeit vor der Schuluniform. Damals experimentierten Sie mit verschiedenen Outfits, Spider-Man, Zorro, Gorilla…

… alles Mögliche, erinnern Sie mich nicht daran! Mann, dieses Affenkostüm war schlimm. Man hat kaum Luft bekommen. 

Wie kam es denn dazu?

Damals hatten wir einen Manager, der uns immer irgendein Image aufzudrücken versuchte. Aber dann hat Malcolm ein Machtwort gesprochen: Wir brauchen diesen Quatsch nicht, wir belassen’s bei der Schuluniform. Das war’s dann. 

Und was fasziniert Sie so an der Gibson-SG-Gitarre, dass Sie seit vierzig Jahren nichts anderes spielen?

Dass der Korpus zwei kleine Hörner hat. Als ich jung war und zum ersten Mal in einen Gitarrenladen ging, waren da all diese wunderbaren Les Pauls und wie sie alle heißen. Doch dann sah ich die SG, die beiden Teufelshörner und war wie vom Blitz getroffen. Ich wusste, das ist sie. Nicht ich habe die SG gewählt. Sie hat mich gewählt. Und nie mehr losgelassen.

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05 2015 The Red Bulletin

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