Arcade Fire Reflektor Tapes

„Du musst ein neues Fenster aufmachen“

Interview: Julia Zimanofsky / Rüdiger Sturm
Fotos: Patrick O’Brien-Smith

Arcade Fire, die vielleicht berühmteste Indie-Rockband der Welt, bringt ihre Musik mit der ungewöhnlichen Konzertdoku „The Reflektor Tapes“ ins Kino. Bandmitglieder Will Butler und Richard Parry erzählen, weshalb sie trotz allen Erfolges individuellen Freiraum brauchen und wie sie mit dem Zustand des Gehirntods umgehen.

THE RED BULLETIN: Zwar startet ihr mit „The Reflektor Tapes“ ins Kino. Aber man könnte glauben, dass sich Arcade Fire auflösen…

WILL BUTLER: Ganz sicher nicht. Warum sollte man das glauben?

Weil seit Erscheinen Ihres letzten Albums verschiedene Bandmitglieder Soloprojekte veröffentlicht haben – auch Sie und Richard Parry.

WB: Das ist hier nicht so wie das Ende der Beatles. Für unsere Band ist das Normalzustand. Richard hat Jahre lang verschiedene Projekte außerhalb von Arcade Fire gemacht, ich genauso – das Gleiche gilt für Win und Régine und andere Mitglieder. Es wirkt halt jetzt ein wenig formeller, weil die Musik unter dem Namen des Betreffenden erscheint.

© YouTube / Arcade Fire

Gibt es Fliehkräfte innerhalb der Band? Wie gehen Sie damit um?

RICHARD PARRY: Indem wir sie als normal betrachten. Es ist völlig natürlich, dass du dich mal nicht von äußeren Einflüssen künstlerisch antreiben lässt. Vielmehr willst du etwas schaffen, das noch niemand kennt, wofür sich außer dir erstmal niemand interessiert. Du öffnest ein neues Fenster und lässt andere Luft hereinströmen. Aber das normale, gewohnte Fenster bleibt dabei immer offen.

Und es gibt niemanden, der über dieses ‚Fenster’ die Kontrolle hat? „Reflektor“ schien ja stark geprägt von Win Butler und Régine Chassagne, die bei ihren Trips in die Karibik dazu inspiriert wurden…

WB: Régine ist ein wichtiges Mitglied der Band und ihre Eltern stammen aus Haiti. Also wollte sie ihre Wurzeln auch seit längerem musikalisch verarbeiten. Aber der ganze Prozess war sehr organisch. Mein Bruder Win und Régine, seine Frau, waren über Silvester auf Jamaica, und das war für mich auch der Anlass, mir die Musik aus der Region anzuhören. Als die beiden zurückkamen, haben wir darüber gesprochen. Das hat sich alles zusammengefügt. Es gab nie eine strikte Vorgabe ‚Jetzt setzen wir uns zusammen und diskutieren die Philosophie dieses Albums.’

Arcade Fire Reflektor Tapes

Will Butler: „Zum Glück ist ja die Resonanz auf unsere Arbeit fast durchweg positiv.“

Aber jeder von Ihnen braucht kreativen Freiraum?

RP: Ja klar. Ich war nie so drauf ‚Ich werde jeden Tag bis Ende meines Lebens in meiner Rockband spielen’. Stattdessen wollte ich mich immer in verschiedensten Arten von Musik versuchen – ob Folksongs oder Kammermusik. Ich wollte mit anderen Bands arbeiten und ihre Alben produzieren. Das werde ich weiterhin auch tun. Aber dann wurde Arcade Fire eben so enorm berühmt, und dadurch sind andere Projekte etwas ins Hintertreffen geraten.

Kann der ganze Ruhm und Erfolg von Arcade Fire auch zur Hypothek werden? Wie gehen Sie damit um? 

Arcade Fire Reflektor Tapes Trailer

The Reflektor Tapes läuft seit 23. September in ausgewählten Kinos.

WB: Bislang haben wir es ganz gut geschafft, ihn weitgehend zu ignorieren. Er ist so etwas wie ein nettes Dessert, aber gehört ganz sicher nicht zur Hauptmahlzeit. Zum Glück ist ja die Resonanz auf unsere Arbeit fast durchweg positiv. Sie ist wie eine positive neutrale Macht, aber ich brauche sie nicht, um mich dadurch persönlich besser zu fühlen. Zumindest bis jetzt nicht.

Gibt es auch negative Mächte im Bandleben?

WB: Das ist vielleicht keine negative Macht, aber das Ende jedes Arbeitsprozesses blutet dich total aus. Du fühlst dich wie gehirntot. Das gilt für jeden Kreativen. Bevor das Buch eines Autors verlegt wird, muss er sich mit Fragen beschäftigen wie ‚In welcher Schriftart wird das gedruckt? Hat der Korrekturleser etwas Wichtiges rausgestrichen?’

RP: Es ist praktisch notwendig, aber hat spirituell mit deinem künstlerischen Impuls nichts zu tun. Du sagst dir: Ich bin Musiker, kein Logistiker.   

Und was tun Sie dagegen?

WP: Im Park spazieren gehen, gut essen.

RP: Und vor allem ausschlafen.

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09 2015 Redbulletin.com

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