Cannes Festival

Impressionen vom 68. Festival von Cannes

Text: Rüdiger Sturm
Bilder: Getty Images

Cannes ist Droge, es beflügelt und reißt zu Boden. Wir waren beim 68. Festival live dabei. Hier unsere Impressionen:

Es ist ein Mythos. Ein Ort auf Erden, wo mit die höchste Konzentration an Luxusautos und atemberaubenden Frauen zu finden ist. Wo leibhaftige Fürsten ihre Prinzessinnen entdeckten, wo Regisseure Revolution machten und Schwarzenegger und Stallone Walzer tanzten. Doch was verbirgt sich heute hinter dem Filmfestival von Cannes? Ein Blick auf die Straßen der 73.000-Einwohner-Stadt liefert schon das Schlüsselwort: Adrenalin. Das Gewimmel und Gehetze ist so symptomatisch wie die Premiere eines „Mad Max 4“. Hier geht es nicht um hohe Kunst, sondern um Termine und Deals, verbunden mit einer Dosis Verbrechen, für das die alljährlich einfallenden Diebesbanden sorgen.

Symbolhaft für Cannes steht der kommerziellste und auch packendste Film des Wettbewerbs: In Denis Villeneuves„Sicario“ wird eine idealistische Polizistin (Emily Blunt) in die desillusionierenden Verstrickungen des US-mexikanischen Drogenkriegs hineingezogen. Genauso wie sich der naive Cineast hier im Kampf um Sitzplätze, Screenings und Interviews wiederfindet. Der Großteil des Programms versucht den Schein zu wahren:

Emily Blunt Cannes

Emily Blunt war einer der Hingucker beim 68. Festival von Cannes.

Die kunstvollen Bildkompositionen des mit ‚bester Regie’ ausgezeichneten „Assassin“, die Altersmeditationen von „Youth“ mit Harvey Keitel und Michael Caine, das Liebesmelodram „Carol“, für das Rooney Mara als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde, oder die mit dem Preis der Jury prämierten surreal-komischen Parabel „The Lobster“ mit Colin Farrell, alle zelebrierten sie die große Entschleunigung. Und damit von vornherein klar ist, dass es trotz allen Glamour und Glitters um noble Kunst geht, widmet sich ein Teil des Wettbewerbs hehren Themen: László Nemes zeigt in das Geschehen eines KZs aus der streng subjektiven Perspektive eines Lagerarbeiters.

Gerade weil hier ästhetische Konsequenz und thematischer Anspruch eine beklemmende Synthese eingingen, galt der Film lange Zeit als wahrscheinlichster Kandidat für die Goldene Palme, um sich dann mit dem Grand Prix – sozusagen der Silbermedaille – bescheiden zu müssen. Der Hauptpreis ging an eine andere moralische Geschichte – Jacques Audiards Flüchtlingsdrama „Dheepan“.

Doch macht das Cannes aus? Was wird davon bleiben? Immer wieder finden die Cannes-Sieger beim späteren Kinostart unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit statt. Aber die Branche ficht das nicht an. Denn die Filme sind eben nur ein Anlass – , für unzählige Treffen und Verhandlungen in Hinterzimmern, für eine Nonstop-Serie von Empfängen und Parties, für eine atemlose Jagd nach materiellem und immateriellem Erfolg. Cannes ist Droge, es beflügelt und reißt zu Boden, um gleich den nächsten Kick zu verpassen. Wenn es nicht existieren würde, man müsste es erfinden.

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05 2015 redbulletin.com

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