Auf sie mit Gebrüll!

Text: Florian Obkircher
Fotografie: PR Brown

Nie war Rock purer und härter. Nie weckte jemand zuverlässiger das Tier in seinen Fans. Beartooth-Sänger Caleb Shomo über richtiges Brüllen, blutige Nasen und seine Fans, die Shomosexuals.

Bei Beartooth-Konzerten geht es rund. ­Becher fliegen durch die Luft, Jugendliche im Publikum rempeln, springen, zerren sich an den T-Shirts. Fans stürmen die Bühne, entreißen dem Sänger das Mikrofon, springen zurück in die wilde Meute. Beartooth-Sänger Caleb Shomo findet: Genau so muss das sein. Seit er fünfzehn ist, macht er Musik, die Altersgenossen durchdrehen lässt.

Die Zutaten: brett­hartes Schlagzeug, dreckige Gitarrenriffs und Shomos markerschütterndes Gebrüll. Heavy Metal klingt dagegen wie Vogel­gezwitscher. Mit seiner ersten Band Attack Attack! schaffte es Shomo 2012 auf Platz 11 der US-Charts. Mit seiner neuen, noch aggressiveren Gruppe Beartooth will er nun richtig hoch hinaus.

The Red Bulletin: Eure Musik ist ­brachial wie eine Bombendetonation. Wie erzeugt ihr diese Energie?

Caleb Shomo: Aus drei Zutaten: Ver­zerrung, Gitarrenrückkopplung und ­völliger Unbekümmertheit – einfach ins Mikrofon brüllen. Im Tonstudio ist die erste Aufnahme ohnehin meist die beste.

Passend dazu beginnt euer Debütalbum mit einem Räusper-Geräusch.

Genau. Ich räusperte mich, nachdem ich auf Aufnahme gedrückt hatte. Dann dachte ich: Warum soll ich das wegschneiden? Ist doch ein geiles Eingangsstatement. Diese Platte ist echt. Pure, harte Rockmusik.

„Die Leute sollen stage­diven und mit mir ins Mikrofon brüllen. Sie sollen Dampf ablassen.“

Wie kann man stundenlang schreien, ohne heiser zu werden?

Ich nahm Gesangsunterricht, um es zu lernen. Und es gibt Schreitechniken.

Wie sehen die aus?

Du musst neben den Stimmbändern auch die Taschenfalten einsetzen. Die werden auch falsche Stimmlippen genannt und liegen im Kehlkopf direkt über den echten. Wenn du das Zusammenspiel der beiden draufhast, wirst du nicht heiser.

Ist es schwierig, die Technik zu lernen?

Die erste Australien-Tournee mit der alten Band musste ich zur Halbzeit abbrechen, weil ich keinen Ton mehr herausbrachte. Daraufhin sperrte ich mich daheim im Keller ein und übte brüllen. Stundenlang. Wie andere Klavier spielen üben. Meine Eltern dachten, ich sei wahnsinnig. Aber es zahlte sich aus. Heute kann ich schreien, ohne meine Stimmbänder zu verletzen.

Bei Beartooth-Konzerten geht es zu wie auf einem Schlachtfeld. Fans rammen sich, stürmen die Bühne und reißen dir das Mikrofon aus der Hand. Wünschst du dir gelegentlich Absperrgitter?

Ganz im Gegenteil. Das Letzte, was ich will, ist eine Barriere zwischen mir und dem Publikum. Die Leute sollen stage­diven und mit mir ins Mikrofon brüllen. Sie sollen Dampf ablassen.

„Wir brüllen ganz unbekümmert einfach ins Mikrofon. Im Tonstudio ist eh die erste Auf­nahme die Beste.“

Stehen nach euren Konzerten Krankenwagen vor der Tür bereit?

Gerade gestern kam ein Typ nach dem Konzert zu mir. Seine Nase war gebrochen, sein Gesicht blutverschmiert. Ich fragte ihn, ob er Hilfe brauche. Doch er meinte nur: „Geile Show! Kann ich ein Foto mit dir machen?“ Normalerweise gibt es ­wenig Verletzte bei unseren Konzerten. Die Fans drehen durch, sie springen herum, aber keiner will sich prügeln.

Was sind deine Stagediving-Tipps?

Nie gekrümmt oder mit dem Kopf ­voraus in die Menge springen. Und be­wahre auch in der Hitze des Gefechts den Überblick: Streck die Arme und Beine beim Stagediving aus. Schau genau, wo du hinspringst. Achte darauf, dass deine Freunde dich auffangen. Sonst landest du noch am Kopf eines 14-jährigen Mädchens und brichst ihr die Nase. Das wär weniger gut.

Bei all dieser Härte scheint der Name Beartooth sehr passend.

Der kommt eigentlich von der Adresse unseres früheren Bassisten: Bear Tooth Court in Columbus, Ohio. Aber es stimmt schon, ich sehe die Band als großen Grizzlybären. Vor kurzem kamen zwei Fans verkleidet zu einem Konzert. Einer als Grizzly, der andere als Zahn im Ganz­körperkostüm.

Waren das Mitglieder deines Fanclubs, der Shomosexuals?

Ich weiß es nicht (lacht). Nur um das klarzustellen: Meine Fans haben sich diesen Namen selbst gegeben.

Woran erkennt man Shomosexuals?

Daran, dass sie sich meine Textzeilen ­tätowieren lassen. Das finde ich toll – aber auch krass. Wir haben vor zwei Jahren angefangen und gerade unser Debüt­album veröffentlicht. Eine Tätowierung ist für die Ewigkeit. Also will ich hoffen, dass die uns bei der zweiten Platte immer noch toll ­finden.

Beartooth - Die Fakten

Besetzung:
Oshie Bichar, Bass
Taylor Lumley, Gitarre
Brandon Mullins, Schlagzeug
Kamron Bradbury, Gitarre
Caleb Shomo, Gesang


Diskografie:
„Disgusting“ (Album, 2014),
„Sick“ (EP, 2013)


Nebenprojekt:
Unter dem Pseudonym CLASS veröffentlicht Shomo seit 2012 elektronische Tanzmusik im Stil von Avicii. Anspieltipp: „Take Me Away“.

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10 2014 The Red Bulletin

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