Awolnation

Höhen und Tiefen

Text: Chris Palmer
Bilder: Romana Rosales

„Sail“ klingt noch immer nach: Aaron Brunos weltweiter Superhit brachte ihm Platin und noch mehr Ruhm. Doch das liegt zwei Jahre zurück. Jetzt kommt „Run“, der Nachfolger. Der Awolnation-Star über eine Arbeit unter Druck.  

Aaron Bruno drückt sich ins Eck einer erbsengrünen Siebziger-Jahre-Couch in einem kleinen Studio in Los Angeles, während er die Stationen seines Lebens abklappert: hielt sich jahrelang irgendwie über Wasser, rebellierte gegen Labels, zerstörte Bühnen, „Was man halt so macht“. Er begann ganz unten, schaffte es ganz nach oben. Und steht jetzt vor einer neuen Herausforderung: Aaron Bruno muss Erwartungen erfüllen, die er mit Sechsfach-Platin geweckt hat.„Meine größte Angst ist, dass ich die Leute enttäusche“, sagt er, seine gletscher-blauen Augen tasten ins Leere. 

Es war 2011, als Bruno und seine Band AWOLNATION das Album „Megalithic Symphony“ veröffentlichten. Die Single „Sail“ erregte zunächst nur wenig Aufsehen, 2013 schoss sie umso spektakulärer weltweit die Charts hinauf. Man könnte sagen: Der Song machte aus Aaron Bruno einen stilprägenden Songwriter. Man könnte aber auch sagen: „Sail“ löste eine wahre Flut ziemlich schamloser Imitationen aus.

 „Es war einfach nur ein Song“, sagt Bruno, heute 36. „Ich dachte gar nicht groß darüber nach. Ich kann auch nicht erklären, warum sich die Leute davon so angesprochen fühlten … aber der Sound war neu, ja. So etwas hatte man vorher nicht gehört.“

„Sail“, der Erfolgshit seines ersten Albums Megalithic Symphony (2001).

„Sail“ brachte Bruno Ruhm und Geld und in der Folge die beiden kostbarsten und seltensten Güter im Musikbusiness: kreative Freiheit und wirtschaftliche Unabhängigkeit. Rundum wohl fühlt sich Aaron Bruno dennoch nicht. Vielleicht deshalb, weil er schon zweimal in seinem Leben alles verloren hat.

 Bruno wuchs im, wie er selbst es nennt, „sicheren, aber langweiligen“ Umfeld von Westlake Village auf, einem verschlafenen Vorort dreißig Minuten nördlich von Los Angeles.

„Ich war 30. Und was hatte ich? Nichts.“  
Aaron Bruno

Sein Vater Jim, Finanzplaner, und seine Mutter Diane, Volksschullehrerin, weckten früh sein Interesse an Musik. Die Kassettensammlung seines Funk-begeisterten Vaters - von James Brown bis Herbie Hancock – auf der einen Seite, die Achtziger-Pop-Hits aus dem Autoradio der Mutter auf der anderen. 

Als er elf war, öffnete ihm die Vinyl-Sammlung seines Bruders das Tor zum Rap. Aaron interessierte sich für Musik, doch seine große Liebe war das Surfen. Sein Vater nahm ihn mit zu Surfspots von Malibu bis Santa Barbara. „Ich verbrachte meine gesamte Zeit mit Surfen. Es war wie eine Flucht aus dem Alltag in Westlake.“

Awolnation

Aaron Bruno nahm „Sail“ in nur zwei Stunden auf, in einem einzigen Take.

Der Tontechniker wollte die Aufnahme wiederholen, aber Bruno schüttelte den Kopf. Der Rest ist Popgeschichte. 

Bald entdeckte er die Straight-Edge-Punkszene von L. A., die sowohl seine Ansichten über das Leben prägte als auch den Sound seiner Band Insurgence. Die Eltern sahen die musikalischen Ambitionen des Sohns mit gemischten Gefühlen.

„Bei jeder Gelegenheit nahm mich mein Dad zur Seite und fragte, was ich mit meinem Leben anfangen wolle“, sagt Bruno. „Meine Eltern waren enttäuscht. Ich bin sicher, sie hatten einfach Angst, was aus mir werden sollte.“ Um ihre Befürchtungen zu zerstreuen, schrieb er sich im Community College des Nachbarstädtchens Moorpark ein und belegte Musiktheorie. Das Studium verlief tatsächlich theoretisch: Bruno fand den Unterricht langweilig, also schwänzte er und ging surfen. Und verließ bald überhaupt das College.

Er verlor die Lust am Hardcore-Punk („Das Schreien taugte zwar als Versteck, aber eigentlich wollte ich singen“) und gründete die Post-Grunge-Band Home Town Hero. Die Helden nahmen CDs auf, die sie um fünf Dollar verkauften, und spielten jeden Gig, den sie im Großraum L. A. kriegen konnten. Eine Demo-Disc mit sechs Nummern brachte ihnen einen richtigen Manager und ihren ersten Plattenvertrag ein, bei Maverick, dem von Madonna gegründeten Label, das immerhin Stars wie Alanis Morissette oder The Prodigy unter Vertrag hatte. 

Doch Bruno zerstritt sich mit den Maverick-Leuten, was zum Teil auch damit zu tun hatte, dass sich die Band just in einem denkbar ungünstigen Moment ihrer Punk-Wurzeln besann und vor den versammelten Trendsettern der Musikindustrie eine Bühne im „House of Blues“ in New Orleans auseinandernahm. „Ab diesem Moment ging es mit meiner Karriere nur noch bergab“, sagt Bruno. „Damals hatte ich keine Ahnung, warum. Aber heute weiß ich: Das mit dem Plattenvertrag kam einfach viel zu früh.“

Awolnation

Endlich angekommen

„Sail“ brachte Aaron Bruno Ruhm und Geld und die beiden kostbarsten Güter im Musikbusiness: kreative Freiheit und wirtschaftliche Unabhängigkeit.  

Er erfand sich einmal mehr neu – diesmal mit den etwas poppigeren Klängen einer Band namens Under the Influence of Giants. Aber die Musikindustrie blieb, sagen wir, reserviert; Aaron Brunos Ruf, „schwierig“ zu sein, hatte sich herumgesprochen. Wieder startete er ganz unten, arbeitete sich mit Under the Influence of Giants durch kleine Club-Gigs mühsam hoch, bis zum nächsten Plattenvertrag, diesmal mit Island Def Jam. Doch der Erfolg blieb aus: Ein Radiosender in Grand Rapids, Michigan, war der einzige im ganzen Land, der ihre erste Single spielte. Der Plattenvertrag wurde gekündigt.

Aaron Bruno hatte ein ausgiebig ramponiertes Renommee, ziemlich viel Wut im Bauch, kein Geld und nichts, was nach einem vernünftigen Plan B aussah. Er probierte es mit einem Drehbuch fürs Fernsehen: kein Erfolg. Er probierte es als Schauspieler: noch weniger Erfolg. „Ich war dreißig“, sagt er. „Und was hatte ich? Nichts.“ Er hatte allerdings sehr wohl etwas. Und das sollte ihm trotz aller Fehltritte das Überleben sichern. Er war immer noch unglaublich talentiert an Gitarre, Klavier, Schlagzeug und Synthesizer, und er hatte das Talent, Songs zu schreiben. Er überwand seine Angst und probierte etwas völlig Neues: Er definierte den Begriff „Erfolg“ für sich ganz neu. Er machte Musik, die er selbst hören wollte. Er wollte eine Band aufstellen und „kleine Konzerte spielen, bei denen jeder mitsingt“, dann wäre das Erfolg genug. Damit begann sich alles langsam zu drehen. 

Ein Musikproduzent wurde auf Brunos ungewöhnliche Sounds aufmerksam, bot an, ihm bei deren Entwicklung zu helfen, und gab ihm außerdem einen Job als Songwriter für aufstrebende Popstars, damit er ein bisschen Geld verdienen konnte. Bruno schrieb „Sail“ und nahm es in nur zwei Stunden auf, in einem einzigen Take. Der Tontechniker war mit der Aufnahme nicht ganz zufrieden, aber Bruno schüttelte den Kopf. „Wen juckt’s? Der Song wird ohnehin niemanden interessieren.“ Also ließen sie ihn, wie er war. Der Rest ist Popgeschichte.

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Alles wie früher  

Der Vater macht die Steuererklärung. Die Mutter macht sich Sorgen.

Bruno verbrachte im letzten Jahr vier Monate in einer Scheune nördlich von Santa Barbara, fernab von der Welt und sogar ohne Internet-Anschluss, um das mit Spannung erwartete Awolnation-Nachfolgealbum von „Megalithic Symphony“ aufzunehmen. „Run“ ist ein Kaleidoskop von Gefühlen und Sounds.

„Ich habe mich als Songwriter weiterentwickelt, aber entscheidend wird sein, ob alle anderen das auch so sehen.“  
Aaron Bruno

Bruno, der sämtliche Instrumente darauf selbst spielt, ist in Hochform beim Mischen von Tönen, hypnotischen Beats, persönlichen Seelenqualen und einem Potpourri unterschiedlicher Gesangsstile. Titelsong „Run“ ist ein schlichter, von Hip-Hop durchzogener Track, magisch in seiner Power. Auch „Hollow Moon (Bad Wolf)“ hat mit seinen eingängigen Lyrics das Zeug zum Hit, ein hinreißendes Statement für künstlerische Eigenständigkeit. Doch das Juwel auf dem Album ist „Windows“, eine Sternstunde – unbelastet, ungebunden, verletzlich.

“Hollow Moon (Bad Wolf)”, die erste Single des neuen Albums Run (2015).

„Ich habe mich als Songwriter weiterentwickelt“, sagt er, „aber entscheidend wird sein, ob alle anderen das auch so sehen.“
Nun sitzt also Aaron Bruno auf der grünen Retro-Chic-Couch und nimmt einen Schluck Tee. Es war eine lange Reise. Doch er ist gut angekommen, vielleicht mit ein paar Narben, aber das muss wohl so sein. Aaron Bruno ist pragmatisch geworden und nachdenklich zugleich. Er verzichtet auf Luxus. Sein Vater macht immer noch seine Steuererklärung. Seine Mutter macht sich immer noch Sorgen. Seine Schulfreunde sind immer noch Surfkumpels. Und er fährt immer noch seinen Toyota Prius, Baujahr 2008, 240.000 Kilometer auf dem Tacho. Westlake wird immer ein Teil von Aaron Bruno bleiben. Aber vor ihm liegen noch viele Kapitel, die geschrieben werden wollen.

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04 2015 the red bulletin

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