Harlem Globetrotter

Text: Brandon Perkins
Bilder: Balazs Gardi

Baauer, der Mann, der den „Harlem Shake“ erfand, spricht über seine Suche nach den vergessenen Sounds einer digitalen Welt.

„Teil meines Jobs ist es, viel Zeit im Internet zu verbringen, Stunden über Stunden, es ist eine ewige Suche nach Sounds, mit denen du arbeiten kannst. Und im Netz findest du ja auch einfach alles“, sagt ­Baauer, 25 Jahre alt, Musikproduzent. „Aber ich wollte etwas finden, das es im Netz nicht gibt … und das ist furchtbar schwierig.“

Baauer, der aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn stammt und derzeit in Los Angeles an seinem ersten Album arbeitet, ging die Sache mit der Suche wirklich ernsthaft an. Seine Expedition zu neuen Sounds führte ihn und sein Aufnahme­gerät von Japans antiken kaiserlichen ­Residenzen bis zu den Wüstenstämmen vor den Toren Dubais und auf den Balkan. Er nahm das Blubbern eines Schwefel­beckens auf, das Rauschen des Flügelschlags eines fliegenden Falken und den Sound seltener traditioneller Instrumente – die mitunter aus durchaus überraschenden Materialien gefertigt waren. 

„Da gab es zum Beispiel diesen Dudelsack, der aus einer toten Ziege gemacht war – tatsächlich aus dem konservierten Körper der Ziege. Das Ding hatte sogar noch die Form einer Ziege, ziemlich schräg. Die Ziege wird wie ein Dudelsack gespielt, man muss in ein Röhrchen blasen. Mein Freund, der mich auf der Reise begleitete, spielte ein wenig drauf, und es klang wirklich gut, unglaublich cool!“

Wie kam Harry Bauer Rodrigues, wie Baauer mit bürgerlichem Namen heißt, eigentlich auf die Idee zu dieser besonderen Expedition? 

„Ganz sicher nicht, weil ich der Meinung bin, dass es zu wenige Sounds auf dieser Welt gibt“, sagt er. Sondern in erster Linie, um seinem bisher größten Coup zu entkommen: Baauer ist der Mann hinter dem Welterfolg „Harlem Shake“.

Weit über eine Milliarde YouTube-Klicks innerhalb weniger Monate – sogar die Ermittlung der US-Billboard-Charts musste geändert werden! –, eine beispiellose weltweite virale Welle, am Höhepunkt des Hypes wurden an einem einzigen Tag im Februar 2013 mehr als 4000 „Shake“-­Videos mit Baauers Track auf YouTube hochgeladen. 

„Wenn ich aus ‚Harlem Shake‘ etwas gelernt habe, dann das: Sample Clearing ist ein absolutes Muss. Und, wann immer es möglich ist: Verwende deine eigenen Recordings. Nimm überhaupt dein eigenes Zeug auf.“
Baauer

Baauer war in der Folge zwar Gast in den populärsten amerikanischen TV-Morgenshows, aber reich wurde er von seinem Welterfolg nicht – nicht einmal annähernd. „Harlem Shake“ brachte ihm so gut wie gar keine Einnahmen. Denn das Video, das den Hype in Gang setzte, stammt nicht von ihm, sondern von ein paar Australiern, und vor allem hatte ­Baauer auf Sample Clearing verzichtet – ein im Nachhinein betrachtet Millionen Dollar teurer Fehler. Sample Clearing ist ein mittlerweile in der Musikindustrie gängiges Verfahren, mit dem Rechts­streitigkeiten über verwendete Samples vermieden werden, ohne dass die explizite Zustimmung des Originalinterpreten eingeholt werden muss.

„Wenn ich aus ‚Harlem Shake‘ etwas gelernt habe, dann das: Sample Clearing ist ein absolutes Muss. Und, wann immer es möglich ist: Verwende deine eigenen Recordings. Nimm überhaupt dein eigenes Zeug auf“, sagt Baauer. „Aber anderer­seits: Ich wäre doch niemals auf die Idee gekommen, dass das Ding so durch die Decke geht. Ich saß damals einfach bei mir daheim rum und spielte mit Sounds. In tausend Jahren hätte ich nicht geahnt, was pas­sieren würde.“

Baauer sieht seine Reise natürlich auch unter diesem Aspekt: „Dieses Projekt jetzt, diese Suche nach neuen Sounds, das ist für mich perfekt. Denn es sind meine Sounds, die ich in aller Welt sammle.“

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Baauer (ganz links) and Reise-Gefährte Nick Hook (ganz rechts) mit Frauen des Ainu Tribe in Hokkaido, Japan.

Baauers Soundsuche, die ihn rund um die Welt führte, wurde von einem Kamerateam von Red Bull TV begleitet, im November wurde die Dokumentation ausgestrahlt (hier gibt’s die volle Doku). 

Und mehr noch als die Sounds an sich bedeuten Baauer die Inspirationen, die er auf seinem Trip sammelte. Sie haben Baauers Verständnis für seine Arbeit enorm vertieft. Die Begeisterung über diese neuen Sounds ist sowohl in den Tracks, die er seit der Rückkehr abliefert, als auch in seiner Stimme spürbar, wenn er von seinem Projekt erzählt. 

„Es macht Spaß, einen Song nur mit diesen Sounds zu machen. Ich habe schon drei oder vier auf diese Art produziert“, sagt er. „Ich verwende sie auch in anderen Produktionen, Remixes, anderem Zeug. Das Spektrum ist erstaunlich. Wie bei ­einem Maler, dem plötzlich eine völlig neue Palette an Farben zur Verfügung steht, nachdem er jahrelang mit den­selben, eher eindimensionalen zurechtkommen musste.“

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01 2015 The Red Bulletin

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