Backstage bei Skrillex

Text: Cole Louison
Fotografie: Ben Rayner

Zweiter Teil des Red Bulletin Features mit Skrillex - dem King of Dubstep

Nur noch wenige Minuten bis zur Show – die Anspannung ist Skrillex ins Gesicht geschrieben. Während er am Nachmittag noch aufgekratzt mit den Roadies scherzte, wirkt er nun ruhig, ja ernst. Kein Wunder, meint Skaruse. „Es ist das erste Konzert der Tour, und Skrillex ist Perfektionist. Da muss alles passen.“ Das war am Nachmittag beim Licht-Check nicht zu übersehen: Konzentriert hockte er in seinem DJ-Cockpit, paffte an einer Zigarette und starrte zum Techniker am Bühnenrand. Ein blauer Scheinwerfer ging an. Skrillex hielt sich die Hand vors Gesicht: „Das ist zu steril. Können wir einen anderen Blauton probieren?“ Erst beim vierten ­Anlauf – mit einem helleren Blau wie von ausgewaschenen Jeans – lächelte er zufrieden. „Ja, viel besser, danke.“

Das Konzert von Milo & Otis ist zu Ende. Kurzer Umbau. Caleb Meyer steht an der vorderen Bühnenabsperrung. Der korpulente Sicherheitsmann mit Ziegenbart murmelt in sein Funkgerät. Seine Aufgabe: alle Besucher rechtzeitig, bevor Skrillex’ Konzert beginnt, zurück auf ihre Plätze zu weisen. Nicht ganz einfach angesichts der Fan-Begeisterung. Aber Meyer wirkt gelassen. „Bei EDM-Konzerten gibt’s selten Probleme“, sagt er. „Die Kids hier wollen einfach Spaß haben. Das einzige Problem wird sein, sie während der Show auf ihren Sitzen zu halten.“

Und er sollte recht behalten. Kaum hat Skrillex sein Raumschiff ­geentert und ist der Beat losgaloppiert, springen die Leute jubelnd aus ihren Sesseln. Skrillex grinst zufrieden. Hunderte Handys sind auf ihn gerichtet. Er hebt den rechten Arm – und dreitausend Tänzer winken zurück. Dann wird die Musik leiser, das Raumschiff hebt ab. Die Schweinwerfer gehen aus. Und: Bummm! Der Bass bläst mit voller Wucht aus den Boxen, Laserblitze zucken, der Meister steht am Mischpult und schüttelt sein Haar. „Alles klar bei euch?“, ruft er ins Mikrofon. Tosender Applaus antwortet ihm. Skrillex liebt die Inszenierung.

In der Szene erntet er aber genau deshalb oft ­Kritik. Sein Kollege Deadmau5, selbst in der „Forbes“-Top-DJ-Liste, nennt Skrillex einen Knöpfchendreher. Einen, der auf der Bühne kaum was live macht, das durch Laserkanonen kaschiert – und fett absahnt.

Nach dem Konzert darauf angesprochen, winkt Skrillex ab. „Die Ramones verwendeten in ihren Songs drei Akkorde. Viele meinten damals, das sei gar keine richtige Musik“, sagt er. „Aber die Energie, die sie mit diesen drei Akkorden erzeugten, war unglaublich. Deshalb kann ich solche Vorwürfe nicht ernst nehmen. Sie machen mich erst recht zum Rebellen.“ Der Laptop, sagt Skrillex, sei eben sein Hauptinstrument. Das Herz seiner Live-Show. Und den Leuten im Publikum sei es egal, wie er die Musik erzeuge und mixe. „Hast du das Publikum vorhin gesehen?“, fragt er. „Diese Euphorie, da ist nichts falsch oder gekünstelt. Diese Leidenschaft ist echt.“

„Seine Musik klingt anders als das Zeug, das sonst im Radio läuft. Er hat diesen Monster-Sound“
Skrillex

Nach der Show strömen die Massen ­hinaus in die laue Frühlingsnacht. Vor dem Backstage-Eingang sammelt sich eine kleine Traube von Fans: die dreißig Gewinner eines Star-Treffs mit Skrillex. Einer der Glücklichen ist Paxton Titus, fünfzehn Jahre alt. Zwei Stunden hat er mit seinen Eltern im Auto verbracht, um Skrillex die Hand zu schütteln – und ein Porträt seines Helden signieren zu lassen, das sein zehnjähriger Bruder gemalt hat. „Seine Musik klingt anders als das Zeug, das sonst im Radio läuft. Er hat diesen Monster-Sound“, sagt Titus aufgeregt.

Mandee Edwards, 24, ist aus St. Louis, Missouri, angereist, vier Autostunden. Make-up, Absatz-Lackstiefel und eine schwarz-weiß gescheckte Turmfrisur – zwei Stunden hat sie für ihr Styling ­gebraucht. Was Skrillex’ Musik angeht, gibt sie Titus recht: „95 Prozent der EDM-Musik ist nach dem gleichen Schema ­gestrickt: Frauengesang, Spannungs­aufbau, Bass­einsatz“, sagt sie. „Skrillex dagegen hat seinen ganz eigenen Stil.“

Dann geht die Tür auf. „Heeey, hallo!“ Skrillex stürmt herein. Sein schwarzes T-Shirt ist frisch, die Laune blendend. Nur die verschwitzten Haare deuten darauf hin, dass er vor einer Viertelstunde noch auf der Bühne stand. Er schüttelt Hände, umarmt Fans, posiert mit ihnen für Selfies. Geduldig unterschreibt er auf Fotos, T‑Shirts, einer Kochschürze und etlichen Oberarmen. Ein Fan meint, dass er sich das Autogramm am Arm als Tätowierung nachstechen lassen will.

Skrillex signiert auch Titus’ Zeichnung und lässt sich von dessen Eltern damit fotografieren. Nach einer halben Stunde klopft ihm Skaruse auf die Schulter, es ist Zeit auf­zubrechen. Skrillex bedankt sich bei den Fans fürs Kommen und entschuldigt sich für das abrupte Ende. Zwei muskulöse Männer in Schwarz begleiten ihn durch den Hinterausgang nach draußen. „Die Fans sind mir am wichtigsten“, ­beteuert er am Weg zum Tourbus. Auf ­Instagram hält er sie am Laufenden, bei Meet & Greets wie eben lernt er sie kennen. Und vor allem: Er schenkt ihnen seine Musik, auch sein aktuelles Album – als kostenlose Smartphone-App. Während der Rest der Musikindustrie über Piraterie und Gratis-Downloads ­jammert, macht Skrillex aus der Not eine Tugend. Warum? „Das hat mit meiner Punk-Einstellung zu tun“, erklärt er. Eine ­Gesinnung, die er sich aus seiner Jugend erhalten hat, als er in Hardore-Bands ­Keyboard spielte.

„Die Kids sind nicht blöd. Sie merken, wenn du ihnen etwas aufschwatzen willst. Eine Punk-Show, bei der ein Glas Bier 20 Dollar kostet? Das ist einfach nicht authentisch“, sagt er. „Es gibt ein YouTube-Video, in dem ein Zweijähriger zu meiner Musik tanzt. Das finde ich cool, weil dir in dem Alter keiner etwas einreden kann. Du hörst etwas und drückst deine Emotionen aus. Und genau das liebe ich.“

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08 2014 The Red Bulletin

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