Basic Instincts

Text: Fernando Gueiros 
Bilder: Karine Basilio

Freiheit. Kreativität. Akrobatik. Tanz. Capoeira ist eine brasilianische Kampfkunst mit Wurzeln im frühen 18. Jahrhundert. Und vielen Ähnlichkeiten zu zeitgemäßem Parkour und Freerunning.  

Was ist Instinkt? Eine Definition lautet: die Fähigkeit, nur mit natürlichen Fertigkeiten Ziele zu erreichen.

Zu theoretisch?

Okay.

Dann praktisch: Man geht irgendwo entlang, und eine Mauer versperrt einem den Weg. Instinkt ist, was das Gehirn als erste Möglichkeit vorschlägt: rauf­klettern, drüberspringen.

Michael de Oliveira

Michael « Aranha » („Die Spinne“)

Brasilianer, 29, ist seit dreizehn Jahren Mitglied der „Geração ­Capoeira“ - Crew von Mestre Bambú.

Ein anderes Beispiel für Instinkt, diesmal eines aus dem 17. Jahrhundert, aus dem afrikanischen Angola: Das Hindernis war der Nebenbuhler (der auch das schönste Mädchen im Dorf bekommen wollte). Die Lösung: den Kerl niederzukämpfen. Einen Fuß auf den Kopf des besiegten Gegners zu stellen – so ­sahen das die Regeln vor – und sich damit das Recht der ersten Wahl zu sichern. Der Wettkampf hieß N’Golo. Mit den Sklaven der portugiesischen Kolonialherren kam der archaische Mix aus Musik, Tanz und Kampf nach Brasilien.

Dort entwickelte er sich immer weiter und wurde unter dem Namen „Capoeira“ bekannt – als Ausdruck des kulturellen Erbes der Sklaven, die nach Brasilien ­verschleppt wurden. (Südamerikas größtes Land ist jenes Land, in dessen Geschichte weltweit die meisten Menschen als Sklaven gehalten wurden.)

Heute ist Capoeira weit mehr als eine Kampf­technik mit großer Tradition. Capoeira ist Kampfkunst, Unterhaltung, Teil des brasilianischen Alltags, eine eigene Kultur innerhalb des „Roda“ genannten Rings, in dem zwei Capoeiristas einander begegnen. Und Capoeira wurde in den vergangenen Jahren immer populärer. „Capoeira wird in Fitnessstudios trainiert“, sagt der 29-jährige Capoeirista Michael „Aranha“ (portugiesisch für „Spinne“). Moves wie „Armada Dupla“ (siehe Bild), „Folha Seca“ oder „Bico de Papagaio“ sehen aber nicht nur toll aus, ­sondern können in ­einem Kampf auch gefährliche Waffen sein. „Dass man sich beim Spielen in der ‚Roda‘ mal trifft, ist fast unvermeidbar“, sagt er. „Aber der Großteil der Bewegungen dient nicht dem Angriff, sondern dem Ausweichen.“ Ein paar Jahrhunderte nach den ersten N’Golo-Kämpfen, in den 1980er Jahren, veränderte sich das Leben der Teenager in den Metropolen der Ersten Welt: Videospiele kamen auf, die Städte wurden ­größer und enger, das Fernsehen bestimmte immer stärker den Rhythmus der Menschen. Der Franzose David Belle fühlte sich von alldem wie erdrückt. In seiner Zeit bei der Armee hatte er eine Reihe spezieller Fortbewegungstechniken ­erlernt, die von instinktiven Bewegungsabläufen ­verschiedener Tiere beeinflusst waren.

„Du brauchst den Rythmus, um zwischen den Bewegungen diesen Flow zu erreichen“  
Michael de Oliveira

Danilo Alves

Danilo Alves

Danilo Alves,26, hat als neunjähriger mit Parkour begonnen.

Belle verließ seine Stadtwohnung und begann von einem Hochhaus zum nächsten zu springen – und schuf damit eine neue Sportart, die seitdem ­stetig Anhänger gewinnt und sich permanent weiterentwickelt: Parkour. Aus Belles „Erfindung“ entwickelten sich ver­schiedene Varianten wie etwa Freerunning, bei dem im Gegensatz zu Parkour auch akrobatische und ­stylische Moves eingebaut werden – etwa aus dem Kunstturnen und Breakdance –, während es beim Parkour ja ausschließlich um die Effizienz der Fort­bewegung geht.

Freerunning hat viel mit Capoeira gemein. Da wie dort handelt es sich um einen auf instinktiven ­Bewegungen und Handlungen basierenden Sport, bei dem es keinen Gewinner gibt. Freerunner Danilo Oliveira, 26, berichtet von ­vielen neuen Facetten, die sein Sport in Brasilien ­entwickelt hat – eben wegen des Einflusses durch ­Capoeira. „Der ‚Ginga‘ der Capoeira brachte ein neues Element ins Freerunning“, sagt Oliveira. „Wir haben diesen natürlichen Schwung, diese Geschmeidigkeit in der Hüfte, den Ginga, den Samba.“ Ein Top-Freerunner muss heute Capoeira-Moves draufhaben.Freerunning ist ein urbaner Sport, und das kommt in der Kleidung der Athleten auch deutlich zum Ausdruck. Sie tragen Sneakers, Trainingshosen, weite T‑Shirts oder Kapuzenpullis, Beanies oder Baseballkappen – Hauptsache, die Bewegungsfreiheit des ­Freerunners und damit die Präzision und Leichtigkeit seiner Moves wird nicht eingeschränkt. Capoeira wird auf ebener fester Erde oder in niedrigem Gras gespielt – tatsächlich sagt man „gespielt“ –, Capoeiristas sind barfuß und tragen nur bequeme lange Hosen.

Bei der Capoeira befinden sich die Spieler in der Mitte der Roda, eines Kreises, in dem jeder um sie ­herum singt und musiziert. (Ähnlich wie bei einer anderen brasilianischen Tradition, dem Samba: Auch dort wird ein Kreis aus Singenden und Tanzenden um den Sambatänzer gebildet.) Freerunning hingegen ist nomadisch, abenteuerlich. Während bei der Capoeira viele Bewegungen vom Gegner beeinflusst werden, zählt für den Freerunner nur die Umgebung – sei sie natürlichen ­Ursprungs oder künstlich geschaffen in Gestalt von Treppen, Geländern oder Mauern.

B Twist

Parkour: B Twist

Als „B Twist“ bezeichnet man eine Rotation des Athleten um die eigene Achse.

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09 2014 The Red Bulletin France

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