Benicio del Toro

„Du musst bereit sein, Opfer zu bringen“

Interview: Rüdiger Sturm
Foto: Getty Images

In „Perfect Day“ erlebt Benicio del Toro eine humanitäre Krise – auch privat hat der Oscargewinner schon Erfahrungen mit heftigen Krisen gesammelt, ob am Totenbett seiner Mutter oder in den Grabenkämpfen von Hollywood.

THE RED BULLETIN: In „Perfect Day“ spielen Sie den Mitarbeiter eines Hilfswerks, der in einem chaotischen Krisengebiet landet. Kennen Sie sich als Oscarprämierter Schauspieler mit so etwas aus?

Benicio del Toro: Ich lebe nicht im Krisengebiet, aber ich bin in Puerto Rico aufgewachsen, wo es einen bewaffneten Aufstand gegen die USA gab – gar nicht mal so lange vor meiner Geburt. Und ich habe mich für „Ärzte ohne Grenzen“ engagiert und für den Film Leute von Hilfsorganisationen getroffen. Ich hatte also sehr wohl eine Ahnung, was diese Menschen machen – und habe hohen Respekt vor ihnen.

In Lebensgefahr waren Sie aber nie?

Nein, aber ich habe schon mal Leichen gesehen. Eine davon war meine Mutter, die starb als ich neun war. Das war ein heftiger Schicksalsschlag, über den ich jetzt noch nicht hinweg bin. Aber das sind alles Situationen, über die ich nicht sprechen möchte.

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Kann Hollywood auch zu einer Art Kriegsgebiet werden?

Klar, da geht es manchmal sehr heftig zu. Das Leben eines Schauspielers ist brutal. Als ich mit meinem Beruf anfing, da erlebte ich Ablehnung am laufenden Band – entweder passte meine Hautfarbe nicht oder meine Körpergröße.

Wieso haben Sie nicht aufgegeben?

Ich wusste nicht, was ich sonst machen sollte. Und letztlich ist alles eine Einstellungsfrage. Du musst verstehen, dass das zum Spiel dazu gehört. Ja, die Besetzungsagenten sagen mir, ich wäre nicht begabt. Aber vielen Kollegen geht es genauso. Ich wusste, dass ich diesen Job liebe und an meinem Handwerk arbeiten will. Es gibt auch Alternativen zu Hollywood – ob du jetzt Theater spielst oder im Vergnügungspark auftrittst. Du musst halt bereit sein, Opfer zu bringen. Wenn du dir dies alles vor Augen hältst, dann wirst du in der Branche nicht verrückt und bleibst auf dem Teppich.

Und diese Erkenntnis allein reicht schon?

Ich hab da kein großes Geheimnis. Wenn du liebst, was du tust, dann wirst du deine Erfüllung finden. Ansonsten glaube ich nicht, was ich über mich lese. Und ich halte mir vor Augen, dass es außerhalb des Filmemachens noch ein wahres Leben gibt. Das sehe ich zum Beispiel, wenn ich meine Tochter im Arm halte. Ich liebe auch Sport – speziell in den USA gibt es guten Basketball und Baseball.

„Als ich mit meinem Beruf anfing, da erlebte ich Ablehnung am laufenden Band – entweder passte meine Hautfarbe nicht oder meine Körpergröße.“
Benicio del Toro

Es gab aber auch ganz besonders üble Attacken – zum Beispiel meinte Kultautor Hunter Thompson, dass Sie für die Verfilmung von „Fear and Loathing in Las Vegas“ ungeeignet seien …

Darauf habe ich in der Tat nicht positiv reagiert. Aber er mochte dann, wie ich die Rolle spielte, und kaufte mir als Versöhnungsgeschenk einen Anzug. Und wir wurden Freunde.

Aber könnten Sie auch mal richtig gewalttätig werden? Wie würden Sie im Krieg reagieren?

Ich glaube, dass sich Menschen auf alle Umstände einstellen können. Das heißt, wenn dich jemand in den Krieg schickt, wo dich jemand umbringen will, dann musst du dich wehren. Natürlich würde ich nicht in den Krieg wollen. Andererseits sind manche davon gerechtfertigt – der Zweite Weltkrieg zum Beispiel.

Und was machen Sie heute in den Schlachten von Hollywood?

Ich nehme es wie es kommt und entspanne mich. Aber ich werde garantiert nicht gewalttätig.

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10 2015 The Red Bullletin

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