Bilderbuch

Bilderbuch „Um gute Musik zu machen, brauchst du Eier“

Text: Andrew Swann, Arek Piatek 
Fotos: Elsa Okazaki

Alles anders machen als alle anderen. Jahrelang. Auch wenn es niemanden interessiert. Seit „Maschin“ wissen wir: Das taugt als Erfolgsrezept. Bilderbuch-Sänger Maurice Ernst über Mut, Stehvermögen und Eisverkaufen.

THE RED BULLETIN: Ein Zeitsprung ins Jahr 2005 – vier Klosterschüler singen Kinderbuchtexte zu selbst komponierten Melodien. Ist das ab sofort der klas­sische Beginn einer Indie-Karriere?

MAURICE ERNST: Glaub ich nicht. Wir waren ja damals selbst noch Kinder, eine klassische Fünfzehnjährigen-Schülerband. Wir fanden das witzig. Wir wollten einfach spielen, beim Spielen spielen sozusagen.

Wieso denn gerade zu Texten von ­Rumpelstilzchen und Struwwelpeter? 

Weil diese Texte lyrisch super sind. Die kannst du eins zu eins übernehmen. Aber irgendwann begannen wir die Texte zu ändern. Und dann unsere eigenen zu schreiben. Jedenfalls weißt du jetzt, ­warum Bilderbuch Bilderbuch heißt.

Der allererste Auftritt von Bilderbuch?

Furchtbar! Schultheatervorstellung. 200 Leute da, die das Stück sehen wollten. Und nachher durften wir eine Nummer spielen. Ich war tausend Mal am Klo. Aber wir brachten es, und dann kam der Applaus, und plötzlich war das alles nicht mehr furchtbar, sondern geil.

Bilderbuch „Maschin“

„Maschin“ ist ihre zweite Single und wurde im Oktober 2013 veröffentlicht.

Es folgten acht Jahre, die nicht jeder als geil bezeichnen würde. Da wollte euch kaum wer hören. Erst 2013 kam der Durchbruch mit „Maschin“. Das nennt man Standhaftigkeit. Respekt!

Ohne diese Zeit wären wir heute nicht hier. Wirklich. Es war ein Reifeprozess. Verrückte psychedelische Songs mit ­düsteren Texten, extreme Abenteuer, Experimente, viele Fehler. Aber durch Fehler reifst du. Wie du Texte auf der Bühne singst, zum Beispiel, das ändert sich. Sachen, die aus meinem Mund vor drei Jahren peinlich geklungen haben, kommen heute überzeugend rüber.

Wovon habt ihr damals gelebt? 

Gelegenheitsjobs. Eisverkäufer zum Beispiel ist echt grausam, obwohl du ständig Eis isst. Um halb eins in der Früh noch Eiswannen putzen. Aber am schlimmsten sind Kunden, die dich erkennen: „Hey, ich hab dich gestern auf der Bühne gesehen!“ Und du: „Ja, hm, also was darf’s sein?“

Konzerte vor einer Handvoll Leuten zu spielen, stellt man sich aber auch nicht gerade motivierend vor. 

Das hat uns nicht umgehauen. Wir machten unsere Musik in erster Linie für uns. Heute haben wir 400 Konzerte auf dem Buckel, und weiß Gott: Jeder auch noch so lächerlich kleine Gig war gut. Jede Show machte uns zu einer besseren Live-Band.

Bilderbuch

Apropos klein: Was war der Zuschauer-Minusrekord?

Das war im „Bach“ in Wien an einem Montag. Was wir nicht wussten: Das „Bach“ hatte normal montags zu. Also war die Kneipe leer. Irgendwann kamen zwei Typen rein, zufällig, und wollten gleich wieder gehen. Wir hielten sie fest und sagten: „Jungs, wenn ihr euch das Konzert anhört, zahlen wir ein Bier.“ 

Eine Art Marketing.

Sie haben es sich aber dann wirklich angehört. Mit dem Bier in der Hand. Und sie fanden uns gut.

Heute ist das alles ein bisschen anders: Die Fantastischen Vier sind nach eigener Aussage „riesige“ Bilderbuch-Fans. Und als Vorband der Beatsteaks habt ihr in Deutschland vor zigtausenden Fans gespielt. Wie sind deutsche Fans, verglichen mit österreichischen?

Sie sehen uns als Österreicher. Das tun die Österreicher nicht. 

„Einmal zahlten wir zwei Typen sogar ein Bier, damit sie sich unser Konzert anhörten.“

Was bedeutet das genau?

Viele Deutsche glauben, Österreicher sind arrogant. Keine Ahnung, woher das kommt. Wenn wir nicht arrogant rüberkommen, sind sie positiv überrascht. Und lassen sich auf uns ein, heißt: Sie gehen ab. Als Vorband hast du für das alles eine halbe Stunde Zeit. Mehr nicht.

Fakten

Name:
Bilderbuch

Mitglieder:
­Peter Horazdovsky, Michael Krammer, Philipp Scheibl, Maurice Ernst

Erfolge:
Die Single „Maschin“ stand 2013 an der Spitze diverser europäischer Bestenlisten. Die Single „Om“ stieg Ende 2014 von null auf eins in den FM4-Charts.

Aktuelles Album:
„Schick Schock“ 

Wie schreibt man geniale Songs?

Es gibt kein Rezept. Aber eines ist sicher: Songs, in denen du dich nichts traust, sind wertlos. Besser, du riskierst was, fällst aufs Maul, riskierst wieder was, bis du irgendwann merkst: Hey, klingt doch geil! Für gute Musik braucht es Eier. Todsichere 08/15-Nummern sind das Schlimmste.

… aber oft erfolgreich. Weil sie nach Erfolgsrezepten gestrickt werden.

Würden wir nie machen! Jedes neue Bilderbuch-Lied soll überraschen. Unsere Fans müssen nicht alles mögen, aber sich immer aufs nächste Lied freuen. 

Fehlt der deutschsprachigen Musik mehr von diesem Bilderbuch-Geist? 

Der deutschen Musik fehlt Sex. Alles ist so fein und korrekt, keiner traut sich, Grenzen auszuloten. Nimm Prince, das Spiel mit dem Glamour, und in jedem Song geht’s um Sex, Sex, Sex … Ein bisschen was ­davon könnte doch nicht schaden, oder?

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04 2015 The Red Bulletin

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