Flying Illusion

Red Bull Flying Illusion

Text: Florian Obkircher 
Foto oben: Ruud Baan/Red Bull Content Pool

Breakdance trifft Magie: Red Bull Flying Illusion begeisterte in Deutschland schon 50.000 Zuschauer. Nun kommt die bahnbrechende Show erstmals in die Schweiz und nach Österreich.

Elektronische Beats pochen durch die ­Arena, die aussieht wie ein Zirkuszelt. Blitze zucken über die Bühne, Nebelschwaden steigen auf, Tänzer erscheinen wie aus dem Nichts, harte Schrittfolgen im Rhythmus der pushenden Beats, akrobatische Sprünge, alles blitzschnell. Da tritt noch ein Tänzer auf. Er trägt ein blaues Glitzerkostüm, einige Moves, dann beginnt er sich auf dem Kopf zu drehen. Schneller, immer schneller.

Die Nebel lichten sich, die Musik schwillt noch weiter an, die anderen Tänzer weichen zurück an den Rand der Bühne. Der B-Boy dreht sich weiter, dann streckt er die Arme seitlich vom Körper wie Rotoren eines ­Helikopters… und hebt ab. Zentimeter für Zentimeter. Dreht sich, schwebt höher und höher. Als könnte ihm die Schwerkraft nichts anhaben. Verblüffung im ­Publikum, einige springen auf, andere halten sich die Hand vor den Mund.

Unglaublich. Wie zur Hölle macht der das?
Flying Illusion

Unfassbar: B-Boy Benny hebt mitten im Headspin ab.

© Ruud Baan

Der Kopfdreher

Der B-Boy im blauen Kostüm heisst Benny Kimoto. Seinen Namen findet man unter anderem im Guinness-Buch der Rekorde, denn er schafft so viele Kopfdrehungen am Stück wie niemand sonst auf der Welt: Unglaubliche 62 Mal kann Benny um seine eigene Achse kreiseln, ohne mit einem anderen Körperteil als der Schädeldecke den Boden zu berühren – und, wie man seit der ersten Red Bull Flying Illusion-Show weiss, manchmal nicht mal mit der.

Benny ist einer von elf Tänzern der ­Flying Steps. Einer international erfolgreichen Breakdance-Formation, die in ihrer Show auf verblüffende Weise zwei Welten verbindet: Breakdance und Illusion. Da tauchen Tänzer aus dem Nichts auf. Da machen sich Schatten von B-Boys selbständig. Da verändern sich die Kostüm­farben mitten im Breakdance-Solo, da verwandeln sich Menschen in Säulen. Red Bull Flying Illusion, das ist die ­Eroberung der Illusion durch den Tanz. Überraschend, überzeugend, mitreissend, atemberaubend. 

Tanzt der noch? Oder fliegt der schon?
Flying Illusion

Die französische Tänzerin Minzy und Headspin-Rekordhalter Benny in ­voller Aktion.

© Ruud Baan

Die Weltmeister

Die Berliner Urban-Dance-Company Flying Steps verschmilzt nicht zum ersten Mal Welten: Vor fünf Jahren entwickelten die Breakdance-Weltmeister ihre Show Red Bull Flying Bach, bei der sie Headspins und Windmills mit Johann Sebastian Bachs Barockmusik vereinten.

Vartan Bassil

Künstlerischer Direktor und Chefchoreograf Vartan Bassil (li.) und Illusionist Florian Zimmer. Die beiden lernten sich vor zwei ­Jahren bei einer Aufführung von Red Bull Flying Bach kennen.

© Ruud Baan

Red Bull Flying Bach machte die Flying Steps einem ­breiten Publikum bekannt. Brachte ihnen den deutschen Musikpreis Echo Klassik, Auftritte im Deutschen Bundestag, beim Euro­vision Song Contest, insgesamt 250 Shows in 28 Ländern (davon 22 Shows in der Schweiz) bisher über 300.000 Live-Zuschauer, und diese Zahl wird weiter steigen: Allein 2015 stehen 46 weitere Aufführungen auf dem Programm. 

Geht es nach Vartan Bassil, eröffnet Red Bull Flying Illusion aber eine ganz andere Dimension. „Bei Red Bull Flying Bach gibt es eine kleine Bühne, ein Klavier und ein wenig Licht“, sagt der Mitgründer und Künstlerische Direktor der Flying Steps. „Die neue Show ist ein Feuerwerk aus Illusionen, Visuals, Musik und den besten Tänzern der Welt.“ Dazu gibt’s eine 3-D-Lichtshow, durch die sich das Bühnen­bild im Sekundentakt verändert, und hymnische Show-Musik, eingespielt von einem ganzen Orchester, unterlegt mit Hip-Hop-Beats. Das Team von Red Bull Flying Illusion umfasst 66 Leute, neben den Tänzern sind das Kostümdesigner, Visualisten, Komponisten, Bühnenbildner.

Und ein Illusionist. Der heisst Florian Zimmer und kann Tänzer fliegen lassen.
Flying Illusion

Red Bull Flying Illusion 2014 in Deutschland.

© Dirk Mathesius/Red Bull Content Pool

Der Magier

Lederjacke und Jeans statt Frack und ­Zylinder: Florian Zimmer sieht nicht aus, wie man sich den typischen Magier vorstellt. Der dreissigjährige Ulmer gilt in der Szene als 21.-Jahrhundert-Update der ­Illusionskunst. Er schwingt Spraydose statt Zauberstab, lässt BMX-Bikes statt weisser Kaninchen erscheinen. Zimmer ist der einzige Deutsche, dem Siegfried und Roy den „Golden Lion Award“ verliehen, den Oscar der Magier-Welt. Er designte die Illusionen für Janet Jacksons Live-Show, Bruder Michael lud ihn 2007 für eine ­Privatvorstellung zu sich nach Hause und wurde blass vor Begeisterung: „Oh mein Gott, das ist das Coolste überhaupt!“

Flying Illusion

© Richard Walch/Red Bull Content Pool

Doch auch für einen Ausnahme-Illu­sionisten wie Florian Zimmer ist die neue Show kein Spaziergang. „Die Tricks zu entwickeln war brutal viel mehr Arbeit, als ich anfangs gedacht hatte“, sagte er kurz vor Beginn der Generalprobe hinter der Bühne. „Null Erfahrungswerte. Es hatte ja noch niemand vorher die Idee, ­einen B‑Boy schweben zu lassen, während er sich auf dem Kopf dreht.“ 

Nun, am Ende der Probe, nachdem ­alles geklappt hat und die Begeisterung des Publikums auch hinter der Bühne nicht zu überhören ist, atmen Bassil und Zimmer erleichtert auf. „Die Richtung stimmt schon mal“, sagt der B-Boy. Der ­Illusionist nickt zustimmend.

Zwei Jahre arbeiteten die beiden an dem Projekt. Die Idee trug Bassil sogar noch länger mit sich herum. „Seit ich zum ersten Mal Michael Jacksons Moonwalk sah“, sagt er. „Und seine lean illusion, bei der er sich im Stand nach vorne lehnt. Die Leute fragten sich damals: Hat Jackson dafür einen speziellen Muskel trainiert? Ist das wahres Können? Oder nur ein Trick?“ Da fällt ihm Zimmer ins Wort. „Nur ein Trick?“

Er lacht. „Nur? Leg dich nicht mit meiner Magier-Ehre an!“
Flying Illusion

© Richard Walch/Red Bull Content Pool

Die Superhelden

Red Bull Flying Illusion ist keine Magieshow, die einen Trick an den anderen reiht. Die Illusionen sind Teil einer Choreografie. Sie helfen als dramaturgische Elemente eine Geschichte zu erzählen, die vom Kampf zwischen zwei verfeindeten Gruppen handelt: Alle zehntausend Jahre erscheinen die düsteren Gestalten der Dark Illusions auf der Erde, um die Flying Heroes zum Kampf zu fordern. Eine Nacht haben die Helden Zeit, die dunklen Mächte wieder in die Unterwelt zu vertreiben. Gelingt ihnen das nicht, erlischt das Licht des Lebens für immer.

Red Bull Flying Illusion auf Tour:

5. 6.: Zürich, Hallenstadion (20:15)

6. 6.: Zürich, Hallenstadion (16:15)

6. 6.: Zürich, Hallenstadion (20:15)

7. 6.: Zürich, Hallenstadion (14:15)

7. 6.: Zürich, Hallenstadion (18:15)

11. – 13. 12.: Wien, Stadthalle (jeweils 20:15)

Dass das an eine Superheldengeschichte von Marvel Comics erinnert, ist kein Zufall. Bassil wählte für die Show elf der besten Tänzer der Welt aus. „Sämtlich Spezial­talente auf ihrem jeweiligen Gebiet“, sagt er. „Von Breakdance bis Pop-Locking, von House bis Hip-Hop – jeder der elf hat Superkräfte.“ Benny zum Beispiel, der sich minutenlang am Kopf drehen kann. Oder die Griechin Kalli, deren Hände wie Messer durch die Luft wirbeln. Oder Minzy, die beim Tanzen aussieht, als würde sie schweben. Oder Rubberlegz, der seine Beine verbiegen kann, als wären sie tatsächlich aus Gummi. 

Oder Junior, der auf den Armen besser läuft als andere auf den Beinen. Als Zweijähriger infizierte sich der französische B‑Boy mit Polioviren. Seitdem kann er sein rechtes Bein nicht mehr richtig bewegen. Davon liess er sich aber nicht aufhalten – und entwickelte seinen ganz eigenen, oberkörperbetonten Breakdance-Stil. „Bestialisch“, sagt er, sei sein Stil, „animalisch!“, er lacht. „Vermutlich hat man mich deshalb den Dark Illusions zugeteilt!“ 

„Es hatte ja noch niemand vorher die Idee, ­einen B-Boy schweben zu lassen, während er sich auf dem Kopf dreht.“
Florian Zimmer

Als Junior vor zwei Jahren von Bassil einen Anruf bekam, zögerte er keine Sekunde mit der Zusage. Er hatte schon auf den grössten Bühnen Frankreichs getanzt, allerdings im Rahmen von Grossproduktionen. Nun darf er einer von elf Solisten sein. Einer von elf Superhelden. „Bei Cirque du Soleil ist man als Tänzer anonym. Hier stehe ich im Vordergrund“, sagt er. „Das macht mich stolz.“ Sieben Monate trainierten, übten und probten er und seine Kollegen in der Berliner Dance-Academy der Flying Steps. Zehn Stunden pro Tag, an sechs Tagen die Woche.

Flying Illusion

© Dirk Mathesius/Red Bull Content Pool

Was war die grösste Herausforderung?

„Die verschiedenen Stile der Einzel­tänzer zu einem Ganzen zu vereinen“, sagt Bassil. „Wir haben keinen Text, um die Handlung zu erzählen. Nur die Körper der Tänzer, die Choreografie, die Illusionen. Red Bull Flying Illusion wird überall in der Welt verstanden werden, ganz ohne Übersetzung.“ 

Für die Tänzer, ergänzt Junior, kommt eine zweite grosse Herausforderung dazu: Sie sind nicht nur Tänzer, sondern auch Techniker. „Normalerweise bist du voll auf die Musik fokussiert. Das kannst du blind machen“, sagt Junior. „Wenn du neben den Moves aber gleichzeitig noch auf die Illusionen konzentrieren musst, wird’s kompliziert.“ 

Zimmer nickt. Das Projekt, sagt er, sei für alle Beteiligten Neuland. „Wir alle sind mit völlig neuen Situationen konfrontiert. Der Aufwand ist enorm.“ Dann deutet er hinaus in die Zuschauerränge. „Aber er lohnt sich. Das weisst du spätestens, wenn alle da draussen sehen: Benny hebt bei seinem Headspin ab.“

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06 2015 The Red Bulletin

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