Buraka Som Sistema

Die Sound-Sucher

Interview: Florian Obkircher
Bilder: Red Bull Content Pool

Die Elektronik-Band Buraka Som Sistema bereist die Welt und spürt neue, lokale Musiktrends auf. In den letzten zwei Jahre wurden die fünf Portugiesen von einem Kameramann auf ihrer Sound-Suche begleitet.

Was machen Buraka Som Sistema, wenn sie die Arbeit an einem neuen Album beginnen? Sie buchen zunächst mal Flugtickets. Denn die portugiesischen Elektroniker wissen: Inspiration gibt’s nicht vor der Tür des Proberaums. Seit über sechs Jahren durchforstet das Quintett den Globus nach neuen Subkulturen und lokalen Musiktrends – und verschmilzt die aufgespürten Impulse zu einem explosiven, multikulturellen Club-Sound. „Spannende Strömungen entdeckst du nicht in Hochglanz-Tonstudios.

Sondern in Hinterhöfen“, erklärt Buraka-Som-Sistema-Mitglied Branko in der neuen Doku „Off the Beaten Track“. Für diese begleitete Regisseur João Pedro Moreira die MTV-Award-Gewinner unter anderem nach Angola, Venezuela, Frankreich und Indien. In kleine Ghetto-Studios und auf große Festivalbühnen. Er filmte sie bei der Arbeit mit jungen Produzenten und traf prominente Fans wie M.I.A., Skream und Diplo. Erschienen ist die Dokumentation vor kurzem im Doppelpack mit dem neuen Album der Gruppe namens „Buraka“.

THE RED BULLETIN: Wie seid ihr auf die Idee zur Dokumentation gekommen?

Branko: Als wir mit Buraka Som Sistema anfingen, waren wir einfach Freunde, die gemeinsam Beats bastelten und eine Clubnacht betrieben. Wir veröffentlichten unsere erste Single – und keine fünf Monate später spielten wir schon auf den größten Festivals von Portugal. Kurz danach erschien unser Debütalbum. Es ging wahnsinnig schnell. Vor zwei Jahren dachten wir dann, es wäre Zeit zum Durchatmen. Um zu realisieren, was da in den letzten sechs Jahren eigentlich passiert ist. Und den Leuten zu zeigen, wo unser Sound herkommt. Welche Einflüsse im BSS-Sound zusammenfinden. Hinter jedem dieser Einflüsse steckt eine Subkultur, eine Geschichte. 

Werden in der elektronischen Tanzmusik zu selten Geschichten und Hintergründe beleuchtet?

Ja. Ich vermisse das auch in DJ-Magazinen. Da gibt’s Hochglanzfotos – aber wenig zu Lesen. Die Menschen wollen erfahren, wo Dance-Music-Strömungen herkommen. Und darum ging es uns bei dem Film. Wir wollen den Leuten die kulturellen Wurzeln verschiedener Stile näherbringen – und damit unsere eigene Geschichte erzählen.

Wie stoßt ihr auf spannende Subkulturen?

Buraka Som Sistema

Bei den Auftritten von Buraka Som Sistema geht immer die Post ab.

Wir fingen mit der Band gerade an als Myspace und Youtube aufkamen. Durch diese Plattformen hatten plötzlich auch Produzenten im hintersten Winkel der Welt ein potentiell großes Publikum. Auf der anderen Seite wurde es für Menschen wie uns einfacher, neue Musik zu entdecken. Wenn wir an neuen Tracks arbeiten, durchforsten wir Youtube und Soundcloud nach interessanten Strömungen aus aller Welt. Oft stößt du auf so Tracks und denkst dir: „Was zur Hölle ist das? So etwas hab ich ja noch nie gehört!“ Dann setzten wir uns in den Flieger, um diese Szenen in Echt zu erkunden. Die Produzenten dahinter zu treffen und mit ihnen zu arbeiten. Mit dem Film wollen wir den kreativen Prozess hinter unserer Musik sichtbar machen.

Kannst du mir ein Beispiel geben?

Wir reisten nach Venezuela. Der angesagte Sound dort heißt Tuki. Klingt wie tropischer Techno-Hardcore. Elektronisch und sehr schnell.  Der Ursprung: Vor einigen Jahren versuchten zwei lokale DJs den Clubhit „Pump Up The Jam“ von Technotronic zu kopieren – und kreierten dabei unabsichtlich ein neues Genre. Heute ist Tuki riesig, zu den Partys in Caracas kommen 5.000 Leute.

Was macht eine lokale Subkultur für euch interessant?

Sie muss im jeweiligen Land populär sein und Anhänger haben. Sie muss vor Ort natürlich entstehen und gedeihen – ohne den Einfluss der Musikindustrie und ihren Agenten. Und sie muss lokale Elemente miteinbeziehen. So wie im Fall von Tuki.

„Die Sub-Kultur muss im jeweiligen Land populär sein und Anhänger haben. Sie muss vor Ort natürlich entstehen und gedeihen – ohne den Einfluss der Musikindustrie und ihren Agenten. Und sie muss lokale Elemente miteinbeziehen.“

Das erste Reiseziel in der Dokumentation ist Angola. Von dort kommt der House-Musikstil Kuduro, der auf eurem Debütalbum „Black Diamond“ stark vertreten war. Wie kam es dazu?

Es ist ähnlich wie in London mit karibischer Kultur: In Lissabon gibt es viele Migranten aus Angola und Kap Verde, deren Kulturen sind in Portugal sehr präsent. So kamen wir mit Kuduro in Berührung. 

Und ihr dachtet, Kuduro klingt so frisch, die Welt muss davon erfahren?

Ungefähr, ja. Kuduro war in den 1990er-Jahren ziemlich groß in Portugal. Einige der Songs landeten sogar in den Charts. Dann wurde es wieder stiller um den Stil. Wir hörten irgendwann ein paar instrumentale Kuduro-Tracks von einer Compilation und dachten: „Wow, das klingt so gut, das Zeug könnte von Aphex Twin sein!“ Dabei hatte die Tracks vermutlich irgendein Typ daheim bei sich am Computer mit einer illegalen Software gebastelt. 

Die spannendste Musik entsteht eben selten in Hi-Tech-Tonstudios …

Das stimmt. In Mozambique startet gerade ein neuer, cooler Trend: Bondoro. Wir forschten den Produzenten aus, der die ersten Bondoro-Beats gemacht hatte,  und reisten nach Beira. Sein Studio war in einem Hinterhof. Ein Computer stand da drinnen, Boxen, nicht viel mehr. Äußerst unglamourös. Aber die Musik, die er aus dem spartanischen Equipment rausholte, hat uns umgeblasen.
    
Zeitgleich mit der Dokumentation erschien euer neues Album „Buraka“. Was war mehr Arbeit: Der Film oder die Platte?

Beim Film hatten wir weniger zu tun, weil wir ihn nicht schneiden mussten. (lacht) Das Album haben wir selbst aufgenommen und produziert. Aber wir sehen Platte und Doku als Einheit. Viele unserer 300.000 Facebook-Fans wissen nicht genau, was wir machen. Oder besser: Wie wir unsere Musik machen. Weil wir sie meistens ohne Beipackzettel veröffentlicht. Mit dem Film zeigen wir nun, woher unsere Musik kommt, wie sie entsteht und was wir damit bewirken wollen. Unser Sound klingt nicht zufällig so, wie er es tut. Dahinter stecken Geschichten und Menschen. Und die wollen wir zeigen.

Am 21. November spielen Buraka Som Sistema live in der Arena in Wien:

www.redbull.at/rbma

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11 2014 redbulletin.com

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