Buraka Som Sistema

„Die Strasse macht die Musik“

Text: Arek Piatek
Bild: primary talent

Die portugiesische Elektro-Band Buraka Som Sistema bereist zur Inspiration die Welt. Und findet Genialität, wo man sie am wenigsten vermutet: in Afrikas Slums und Indiens Hinterhöfen.

Schon mal was von Kuduro gehört? Vielleicht nicht, aber ziemlich sicher haben Sie schon mal Kuduro gehört: einen Mix aus hartem Techno, aggressivem Rap und brachialen afrikanischen Rhythmen. Und extrem tanzbar. 

Weltbekannt machte den Sound die portugiesische Elektronik-Band Buraka Som Sistema – die einen unkonventionellen Zugang zum Musikmachen pflegt: „Bevor wir ein Album aufnehmen, machen wir erst mal eine inspirative Weltreise“, sagt BSS-Mitglied João Barbosa alias Branko, „und stöbern unbekannte lokale, aber geniale Musikstile auf. Dann basteln wir aus den Eindrücken unseren Sound.“

Die Single STOOPID von Buraka Som Sistema ft. Vhils 

© Buraka01 // YouTube

Begonnen hat alles 2006, als die neu gegründete Band auf die angolanische Musikrichtung Kuduro stieß, einige Songs in dem Stil aufnahm und sie in einem Lissaboner Club spielte: „Die Leute drehten durch“, so Branko, „und wir sagten uns: Okay, Kuduro und ähnliche Stile sollte die ganze Welt kennenlernen.“ Seither hat BSS mit dieser Philosophie drei Alben herausgebracht, internationale Hits wie „We Stay Up All Night“ und „Hangover“ produziert – zudem ist ihr Song „Kalemba“ auf dem Computerspiel „FIFA 10“ zu hören. Die Suche nach spannenden Musik-Subkulturen geht indes weiter: „Die besten Sounds“, so Branko, „entstehen eben nicht in Hochglanz-Tonstudios, sondern in den Hinterhöfen dieser Welt.“ 

Buraka Som Sistema

Bei den Auftritten von Buraka Som Sistema geht immer die Post ab.

© Matthias Heschl/Red Bull Content Pool

THE RED BULLETIN: Was ist geniale Musik?

BRANKO: Wenn du gute Musik kopierst, ist das natürlich nicht genial. Wenn du ganz was Neues machst, auch nicht, weil die Menschen beim Hören überfordert sind. Geniale Musik ist ein Mix aus neuen und bekannten Elementen. Etwas, das überrascht und zugleich bekannt anmutet. Gibt es seltener, als man glaubt.

Wie findet ihr diese Musik? 

Wenn wir an neuen Tracks arbeiten, durchforsten wir Soundcloud oder YouTube nach interessanten Strömungen aus aller Welt. YouTube steckt voller Genies. Oft stösst du so auf Tracks und denkst dir: „Was zur Hölle ist das? So etwas hab ich noch nie gehört!“ Dann setzen wir uns in den Flieger, um diese Szenen vor Ort zu erkunden. Um die Produzenten dahinter zu treffen und mit ihnen zu arbeiten. 

Wohin ging eure letzte Reise?

Nach Venezuela. Der angesagte Sound dort heißt Tuki. Klingt wie tropischer Techno­Hardcore. Elektronisch und sehr schnell. Die Hintergrund-Story: Vor Jahren versuchten zwei lokale DJs den alten Hit „Pump Up the Jam“ von Technotronic zu kopieren – und kreierten dabei un­absichtlich ein neues Genre. Heute ist Tuki riesig, zu den Partys in Caracas kommen 5000 Leute.

Buraka Som Sistema

Buraka Som Sistema werden am 6. Juli 2015 beim Montreux Jazz Festival live on stage sein.

© Dan Wilton/Red Bull Content Pool

Bei euren inspirativen Weltreisen interessieren euch hauptsächlich lokale Subkulturen. Warum?

Sie sind ohne Einfluss der Major-Industrie, unverdorben. Und wenn sie vor Ort gedeihen und lokale Elemente mit-einbeziehen, dann wissen wir: Die Musik ist Ausdruck einer Haltung. Und ehrlich. Und Ehrlichkeit tut dem Sound sehr gut. Der Hörer spürt das. 

Wer macht so eine Musik?

Jeder, der sich berufen fühlt. Nimm Kuduro. Heute ein Tanz- und Musikstil und eines der stärksten kulturellen Phänomene Angolas. Entstanden in den Neunzigern, weil einige Leute Electro-Music am PC mit afrikanischer Folklore mixten. Das Ergebnis ist verblüffend.

„Sein Studio in Mosambik: nur ein Computer plus Boxen. Aber was aus denen kam, hat uns echt umgeblasen.“
Buraka Som Sistema

Die spannendste Musik kommt also nicht aus Hightech-Studios? 

Im Gegenteil. Eher von den Strassen Indiens und Afrikas. In Mosambik etwa beginnt gerade ein cooler Trend: Bondoro. Ähnlich wie Kuduro, nur weicher. Wir forschten den Produzenten aus und reisten nach Beira. Sein Studio? Ein Hinterhof. Und dort stand nur ein Computer plus Boxen. Aber die Musik, die aus denen kam, hat uns umgeblasen.

Eure Weltreisen wurden in der Doku „Off the Beaten Track“ sogar verfilmt …

Der Film ist ein Geschenk an unsere Fans. Wir wollten zeigen, wo unser Sound herkommt. Das Feedback hat uns erstaunt. Die Leute sagten: „Hey, seitdem ich die Wurzeln eurer Stile kenne, geniesse ich eure Musik noch mehr.“

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07 2015 The Red Bulletin

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