Crash-Kurs zum Erfolg mit Camo  & Krooked  in Bristol

Drum, Bass und Kartoffelchips:
Nightlife mit Camo & Krooked

Text: Alex Lisetz
Fotos: Jane Stockdale

Wieso es dich groß macht, wenn du dich selbst nicht so wichtig nimmst: ein nächtlicher Crash-Kurs mit Camo & Krooked in Bristol, der Geburtsstadt des Drum and Bass. 

Nach drei Minuten zwanzig verschieben sich die Kontinentalplatten. Da ist auf einmal ein Beat, der alles zugleich ist, brachial, von frostiger Perfektion und trotzdem voller Seele. Dieser Beat zerlegt deine Synapsen in kleine Krümel, du bist nur noch eine Schwingung aus Kohlen- und Wasserstoffteilchen, ein Haufen selbstvergessen vor sich hintanzender Moleküle, und es fühlt sich richtiger an als alles, was du heute, gestern, die ganze letzte Woche getan hast. 

Es ist jetzt 1.25 Uhr, und im Bristoler „Motion“ bebt der Dancefloor mit Stärke 10 auf der nach oben offenen Raver-Skala. Das jährliche „Hospitality“-Festival ist an seinem Höhepunkt angelangt, und die Headliner auf der Bühne heißen Camo & Krooked

© YOUTUBE // CamoKrookedVEVO

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Fast jeder in der Szene hält die beiden österreichischen DJs für Ausnahmetalente, für moderne Musik-Genies. Sie haben die elektronische Stilrichtung Drum and Bass weiterentwickelt, sie produzierten die Soundtracks für „FIFA Street“ und „Gran Turismo“, sie generieren YouTube-Klicks in zweistelliger Millionenhöhe. 

Nun lassen sie den Beat in eine Melodie übergehen, so süß und sexy und hypnotisch, dass sogar die Blicke der ruppigen Securities ganz weich werden. Von diesem Moment an gibt’s nur noch zwei Personen im Raum, die Camo & Krooked nicht vergöttern: Camo & Krooked. 

Markus „Krooked“ Wagner (links) und Reini „Camo“ Rietsch tun nur so lässig: In Wirklichkeit ist jeder ihrer Tracks ein akribisch ausgetüfteltes Meisterwerk von mathematischer Präzision. 

Keine Lust auf Selbstdarstellung

Es gibt ungefähr sieben Millionen Dinge, die Reinhard „Camo“ Rietsch und Markus „Krooked“ Wagner interessanter finden als sich selbst. Zwei Stunden zuvor, bei der Hinfahrt im Mietauto, haken sie im Interview gelangweilt die Eckdaten ihrer Biografie ab. Wohnort Salzburg (Camo) beziehungsweise Lilienfeld in Niederösterreich, 33 und 27, seit zehn Jahren als Duo unterwegs.

„Wir sind zwei gemütliche Dudes, die gern mal fünf grade sein lassen, aber wenn es um Musik geht, brennen bei uns alle Sicherungen durch.“ 
Reinhard „Camo“ Rietsch

Dann wendet sich ihr Interesse wieder den Grundsatzfragen zu: Pommes-Knusprigkeitsgraden, dem YouTube-Video zur Gangster Party Line, Horrorfilm-Charakteren, rammelnden Hasen auf der Autobahnraststation, PEZ-Figuren. 

Doch sobald das Gespräch auf Musik kommt, klappt in Camos & Krookeds Gehirn ein Schalter um. Dann beginnen ihre Augen zu leuchten, und sie rutschen im Sitz weit nach vorne. Jetzt können sie stundenlang von alten Funk-Platten erzählen, von Skrillex und Eurodance, von Breakbeats und von dem Sound, den der Biss in einen Apfel macht. „Wir sind zwei gemütliche Dudes, die gern mal fünf grade sein lassen“, sagt Camo, „aber wenn es um Musik geht, brennen bei uns alle Sicherungen durch.“ 

Camo & Krooked

Heimspiel in der Geburtsstadt des Drum and Bass: Camo & Krooked legen auch deshalb so gern im „Motion“ auf, weil das Stammpublikum alle Klassiker der Bristoler Pioniere Massive Attack, Portishead und Roni Size auf Anhieb erkennt.

Perfektionismus hoch zehn

Camo & Krooked sind seit zehn Jahren hauptberuflich für die Neuerfindung des Genres Drum and Bass zuständig. Im Lauf von fünf Alben haben sie ihr Aufgabengebiet etwas ausgeweitet: Inzwischen traut man ihnen die komplette Renovierung elektronischer Musik schlechthin zu. 

Das liegt nicht daran, dass Camo & Krooked unverwechselbare Bühnenpersönlichkeiten oder außergewöhnlich charismatische Showmacher wären. Es liegt daran, dass sie für ihren Erfolg härter arbeiten als andere. „Manchmal“, sagt Krooked, „sitzen wir zwei Wochen an einer einzigen Snaredrum. Oder ein halbes Jahr an einem Track.“ 

Camo & Krooked

Das „DJ Magazine“ wählte das „Motion“ in Bristol zu einem der besten Clubs der Welt. Die Camo & Krooked-Fans würden es in dieser Nacht ganz klar auf Platz eins reihen. 

Camo & Krooked macht lieblos produzierte Musik krank. Eine Schlampigkeit im Arrangement eines Songs, die keinem Normalsterblichen auffallen würde, kann ihnen ein ganzes Album verleiden. Ein neuer technischer Kniff, der einen Sound noch klarer, noch minimaler klingen lässt, kann sie eine Woche lang in Euphorie versetzen. „Wir suchen mit jedem Tune nach Neuem, nach Überraschendem. Nach technischer Perfektion. Aber auch nach einer Emotion, die berührt“, sagt Krooked.

Er ist sich sicher, dass sie beide dieser Zielstrebigkeit ihren Erfolg verdanken. Und dass sich Fleiß letztlich immer auszahlt. „Weil sich die meisten anderen DJs mit neunzig Prozent zufriedengeben. Wir dagegen stecken noch mal so viel Zeit und Power in die letzten zehn Prozent wie in die ersten neunzig Prozent.“

Camo & Krooked

„Wir suchen mit jedem Tune nach Neuem, nach Überraschendem. Nach technischer Perfektion. Aber auch nach einer Emotion, die berührt.“

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Was wirklich wehtut

Moment, sagen wir, irgendwas kann da nicht stimmen. Jeden Tag sehen wir in unseren Newsfeeds, dass es in der Welt genau umgekehrt läuft. Es sind nie die fleißigen Arbeitsbienen, die Erfolg haben. Am Ende triumphieren doch immer die lässigen Großmäuler. Die Ego-Typen, die sich geschickt verkaufen können.

„Würde mich irgendein Fremder als Arschloch beschimpfen, wäre mir das völlig egal. Aber sobald einer unsere Musik scheiße findet, trifft mich das ins Herz.“ 
Markus „Krooked“ Wagner

Camo kontert mit einer Gegenfrage. „Aber haben sie Spaß dabei?“, fragt er. „Können sie sich zehn Jahre lang ganz oben halten? Können sie Trends setzen, die andere kopieren wollen?“ Camo & Krooked sind Ego-Trips so fremd, dass ihnen all das gleichzeitig gelingt. 

Der Nachteil: Die Musik ist auch ihre Achillesferse. „Würde mich irgendein Fremder als Arschloch beschimpfen, wäre mir das völlig egal“, sagt Krooked. „Aber sobald einer unsere Musik scheiße findet, trifft mich das ins Herz.“ 

Der Minivan ist jetzt vor dem Motion in Bristol vorgefahren. Camo & Krooked müssen raus in den Regen und werden am Weg zum Backstage-Eingang von dutzenden Fans erkannt. Man verplaudert sich, schießt Selfies. Bald erkennt man im Getümmel gar nicht mehr, wer hier Fan ist und wer Star. Den offensichtlichen Unterschied macht man erst auf den zweiten Blick aus: Camo & Krooked sind die, die sich für den Auftritt weniger herausgeputzt haben.

Camo & Krooked

„Du hast Erfolg, wenn du ein kleines bisschen mehr gibst als die anderen.“ 

Klasse, Schnitzels! 

Drinnen im Backstage-Raum gibt es ein aus Chips-Tüten bestehendes kaltes Buffet und so wenig Platz, dass man an jeder Stelle des Raums mindestens drei Ellbogen berühmter DJs in den Rippen hat. Camo lümmelt in einem Ledersofa. Er hat irgendwo ein Fläschchen Bier gefunden und sieht auf die Wanduhr. Noch zwanzig Minuten bis zum Auftritt.

Erklär uns, sagen wir, warum euch die Leute da draußen unbedingt sehen wollen. Camo fingert sein Smartphone aus der Jackentasche und klickt auf ein Foto aus seinem früheren Leben: kurze Hosen, ein Helm, ein Railslide. Camo war einmal Skateboard-Pro. „Es ist egal, ob du DJ bist oder Skateboarder oder etwas ganz anderes, es geht immer um die gleiche Sache“, sagt er, „du hast Erfolg, wenn du ein kleines bisschen mehr gibst als die anderen.“ Wenn du technisch den nächsten Level erreichst. Wenn du einen neuen Style kreierst oder einen neuen Trend. 

„Du hast Erfolg, wenn du technisch den nächsten Level erreichst. Wenn du einen neuen Style kreierst oder einen neuen Trend.“ 

„Die Leute spüren, wenn’s dir nicht um dich geht, sondern um die Sache“, sagt er, „darum hast du erst dann wirklich Erfolg, wenn du nicht ans Erfolghaben denkst.“ Aber was, wenn du wirklich Erfolg hast? „Dann darfst du dich nicht dafür feiern. Du musst sofort weiterarbeiten. Sonst hast du morgen schon den Anschluss verloren.“ 

Es trifft sich gut, dass die Crowd mehr als bereit dazu ist, ihren Idolen das Feiern abzunehmen. Die Arme schießen hoch, als Camos & Krookeds Stamm-MC Daxta die Klassiker einzählt. Alles tanzt, als sie das noch ungehörte Material aus ihrem neuen Album „Mosaik“ anspielen. Nach eineinhalb Stunden sitzen sie wieder im Auto, werden nach Birmingham zu einer weiteren Show chauffiert. Auch dort werden sie die einzigen Ausländer unter lauter Brit-Stars sein. „Ihr wart klasse, Schnitzels“, sagt ihr englischer Fahrer.

Die Arme schießen hoch, alles tanzt.

Sie sind um sechs im Hotel, nach drei Stunden Schlaf geht es wieder zum Flughafen. Camo, Krooked und MC Daxta sind gerädert. Aber Krooked hat auf den frühen Flug bestanden. „Ihr wisst ja, da ist dieser eine Drumbeat“, sagt er, „der ist irgendwie noch nicht perfekt.“ Daheim angekommen, wird er auch in dieser Nacht lange wach bleiben. So lange, bis der Beat genauso klingt, wie er soll. Vorher könnte er ohnehin nicht schlafen.


Das neue Album „Mosaik“ erscheint am 23. Juni; auf redbull.com/music gibt es außerdem einen monatlichen Blog von Camo & Krooked.

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06 2017 The Red Bulletin

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