Chakuza The Red Bulletin

„Im Prinzip war ich als Musiker tot“

Text: Manuel Kurzmann
Bilder: Isabella Rozendaal und Mirjam Wählen

Er kam als Unfall auf die Welt. Mit 23 war er Küchenchef. Schmiss hin. Wurde als Gangsta-Rapper ein Star bei Bushidos Label. Stieg aus. Jetzt macht er, was er immer wollte. Und hat Erfolg ­damit. Die erstaunliche Geschichte des Linzer Rappers Chakuza.

Das dritte Leben von Chakuza, 33, mit bürgerlichem Namen Peter Pangerl, begann am 12. März 2012 mit einem Facebook-Posting: 

„für alle zum mitschreiben: wir arbeiten an einem neuen album!!! wann es erscheinen wird, wissen wir noch nicht. ich habe mich zurückgezogen, um das beste rauszuholen …“

Fast genau ein Jahr danach erschien „Magnolia“. Das fünfte Album des in Linz aufgewachsenen Rappers war nachdenklich, ruhig, sensibel, reflektiert. Ein kompromissloser Bruch mit allem, was man davor von Chakuza gekannt hatte.
Denn Chakuza war als einer der düs­teren Jungs bei Bushidos Gangsta-Rap-Label „ersguterjunge“ bekannt geworden – mit Hits wie „Unter der Sonne“ oder „Vendetta“, mit Texten wie: „Wir nennen meine Hoden nur mein Ballungszentrum, aber Achtung, Homo, keine Jungs, nur Schlampen hängen da rum.“ 

„Magnolia“ wurde kontrovers auf­genommen, vergraulte alte Fans, war aber dennoch enorm erfolgreich: Top Ten in der Schweiz, Platz fünf in Deutschland, Rang drei in Österreichs Album-Charts.

Vor kurzem folgte „Exit“. Chakuzas zweites Album in seinem neuen Leben, dem dritten. The Red Bulletin besuchte den Rapper in der niederländischen Provinz, wo er seine neue Platte produzierte.

Leben 1: Koch

„Ich war quasi ein Unfall. Meine Eltern waren 18, als ich zur Welt kam. Zu jung, um das mit der Erziehung hinzukriegen. Also verbrachte ich als Kind viel Zeit bei meinen Großeltern in Gmunden: riesengroßer Garten, rundherum Berge. Zu Hause in Linz gab es das alles nicht. Wir lebten im Stadtteil Keferfeld. Dort ist Linz eine abgefuckte Industriestadt.

Chakuza The Red Bulletin

Rückzugsort

Sein Album „Exit“ nahm Chakuza im niederländischen 1500-Einwohner-Dorf Vijlen auf. Für Besucher gab es Bosna vom Grill.

Dann Scheidung der Eltern, der ganze Scheiß. Ich war das klassische Problemkind. Miese Noten, schlechtes Benehmen. Ein Trottel, der sich als Mann fühlt, weil er Alkohol trinkt und auf der Straße rumhängt. Mit 16, 17 habe ich Mitschüler und Lehrer attackiert. Ich flog von der Schule.

Ich suchte mir eine Lehrstelle als Koch. Bosna machen konnte ich ja schon, weil mein Dad eine Imbissbude hatte. Ich fand tatsächlich eine Lehrstelle. In einem ­Riesenladen, der machte Caterings für bis zu 2500 Leute. Also schälte ich für 2500 Leute Kartoffeln. Ich hatte aber Lust, ­richtig kochen zu lernen. Ich hatte auch Talent. Und ich hatte wieder Glück. Denn Küchenchef war Gerry – Anfang 30, redete ständig Blödsinn und war stolzer Besitzer eines Opel Kadett mit Remus-Auspuff. Der brachte mir viel bei. Die Lehre habe ich in zweieinhalb Jahren abgeschlossen, also ein halbes Jahr vor der normalen Lehrzeit. Mit 23 war ich Küchenchef im Restaurant ‚Ringelspiel‘, einem Groß­betrieb in der Linzer Altstadt. Meine ­Karriere als Koch verlief steil.“

Leben 2: Gangster

„Neben Kochen war Rap meine Leidenschaft. Zuerst nur hobbymäßig. Ich machte nach der Arbeit Musik. Hin und wieder gab’s einen Auftritt in einem Jugendheim. Dass es mehr wurde, ist Bushido zu verdanken. Der trat 2003 im Linzer Posthof auf. DJ Stickle, mit dem ich damals gemeinsam spielte, und ich trafen ihn beim Konzert und drückten ihm bei dieser ­Gelegenheit eine Demo von uns in die Hand. Wir dachen: ‚Vielleicht kauft er uns einen Beat ab.‘

Drei Monate später meldete Bu­shido sich wirklich. Und unglaublich: Er wollte mehr von uns haben. Wir trafen ihn, ­chillten einen Abend und begannen am nächsten Tag zu arbeiten. An diesem Tag kündigte ich auch meinen Job als Koch. Mit sofortiger Wirkung. 

Stickle und ich zogen quasi über Nacht nach Berlin. Es lief super. Wir produzierten vier Jahre lang alle Künstler von Bushidos Label ersguterjunge, auch Bushido selbst. Wir arbeiteten teilweise an zwei bis drei Alben gleichzeitig. Unser Sound hat den Deutsch-Rap über Jahre geprägt, das kann man absolut sagen.

Chakuza The Red Bulletin

„Bei mir war dieses Gangsta-Rap-Ding nie authentisch. Ich bin in Linz aufgewachsen. Dort gibt’s nun mal keine Gangster.“

Wir führten ein echt krasses Leben. Bushido zahlte das Essen, die Drinks, alles. Wir trugen nach kurzer Zeit dieselben Klamotten wie er und machten einen auf Gangster, typisches Rudeltierverhalten. Ey, und als Gangster brauchst du ein schnelles Auto. Ich kaufte mir einen Audi S3, 225 PS, Vollausstattung.

Ab 2007 nahm auch meine Karriere als Rapper richtig Fahrt auf. Mein Album ‚City Cobra‘ ging auf Platz zehn der deutschen Album-Charts, ‚Unter der Sonne‘ ein Jahr später auf neun. Ich war bei allen Großevents eingeladen, MTV Music Awards, Echo, Bravo Supershow. Aber schon damals merkte ich, dass ich für den Scheiß nicht tauglich bin. Klar bist du zuerst geflasht, wenn dir backstage Beyoncé oder Rihanna über den Weg laufen. Aber mit der Zeit wurde das immer weniger spannend. Und immer stressiger. Dazu kam: Bei mir war dieses Gangsta-Rap-Ding nie authentisch. Ich bin in Linz aufgewachsen. Dort gibt’s nun mal keine Gangster.

2010 kam der Punkt, an dem ich merkte: Alter, irgendwie läuft alles aus dem Ruder. Damals erschien ‚Monster in mir‘. Wieder ein großer Erfolg. Trotzdem: ­Meine Rolle als böser Gangster ging mir extrem gegen den Strich. Nur: Was willst du machen, wenn du bei Bushido gesignt bist, dem Erfinder des deutschen Gangsta-Raps? Schublade auf, du wirst rein­geschmissen und kommst nie mehr raus.

Ende 2010 hatte ich dann endlich den Mut, zu sagen: ‚Hey Jungs, ich bin weg.‘ Bushido war sauer, aber da lief alles ­korrekt. Nur rundherum brach alles ein. Da war dieses Interview mit 16bars.de, in dem ich ­Tacheles redete, da sagte ich: ‚Ich möchte nicht zu dieser Szene gehören. Niemand hat was im Kopf, alle reden nur Scheiße, und die Leute feiern das auch noch.‘ Bei einem Auftritt dachte ich nur: ‚Was mache ich eigentlich hier?‘“

Chakuza The Red Bulletin

Idylle

„Ich habe die Einöde von Anfang an geliebt“, sagt Chakuza über sein Studio in der nieder­ländischen Provinz.

Leben 3: Handy aus, super

„Was alles noch schlimmer machte: Privat war alles scheiße. Meine Mutter war nach langer Krankheit verstorben, meine ­Beziehung ging kaputt. Ich war am Boden, ständig besoffen, fühlte mich wie ein Loser. Warum ich irgendwann aus dem Loch ­gekrochen kam? Ich liebte die Musik ja immer noch – und ich brauchte Geld.

Ich war fast zwei Jahre komplett weg vom Fenster. Im Prinzip war ich für die Öffentlichkeit als Musiker tot. Als dann die erste Single ‚Ich lauf‘ rauskam (Jänner 2013; Anm.), meinten noch viele Leute: ‚Der trägt ’ne Wollmütze, klingt jetzt wie Casper, hahaha.‘ Aber bald hat keiner mehr geredet. ‚Magnolia‘ hat sich richtig gut verkauft, mein bestverkauftes Album bis jetzt. Es war ein Stilbruch, gewagt, wir wussten echt nicht, wo es hingeht.

‚Exit‘ habe ich dann schon hier pro­duziert. Ich habe die Einöde von Anfang an geliebt, ohne Scheiß. Ich lag draußen in der Sonne oder eben auf der Couch. Das Handy war aus. Super.“

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12 2014 The Red Bulletin

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