Chris Pratt

Chris Pratt, der Aussteiger-Held

Text: Rüdiger Sturm
Bilder: Peter Yang

Von der Stripperbühne in die Stratosphäre. Wie Chris Pratt zu einer der grössten und unwahrschein­lichsten Hoffnungen Hollywoods wurde.

Wer Chris Pratt Ende der 1990er sprechen wollte, der durfte kein Problem mit Ratten und Flöhen haben. Denn mit solchen Mitbewohnern teilte sich der Junge aus Minnesota damals sein Domizil. Am Strand von Maui, der zweitgrößten Hawaii-Insel, hauste er in ­einem schäbigen Van, verbrachte seine Freizeit vorzugsweise mit Saufen und Kiffen. Das Geld dafür verdiente er mit gelegentlichen Kellnerjobs.

Das Ambiente unseres Interviews im März 2015 ist eine der feudalen Suiten des Four Seasons Hotel in Los Angeles. Angeblich, so hört man, greift Pratt bei solchen Terminen gerne zum Whiskyglas, in ­diesem Fall ist es indes eine Flasche mit einem edlen Mineralwasser aus der Südsee. Er sieht auch sehr gesund aus – mit breitem Kreuz und übergroßen Oberarmen, die sich aus den Ärmeln seines Polohemds wölben. Denn aus dem obdachlosen Minijobber ist eine der erstaunlichsten Hoffnungen Hollywoods geworden.

Er führte als Hauptdarsteller die „Guardians of the Galaxy“ zu einem der größten ­Kassenerfolge des letzten Jahres. Jetzt darf er den Helden im Neustart der „Jurassic Park“-Franchise spielen. Und künftig wohl auch die Rolle des Indiana Jones, jedenfalls wenn es nach Fürsprecher Steven Spielberg geht. Was selbst bei Pratt Staunen auslöst: „Mich haut allein die Vorstellung um, dass ich auf der Liste der Leute gelandet bin, die überhaupt für die Rolle in Frage kommen.“

Auch Omar Sy spielt neben Chris Pratt eine Rolle in Jurassic World - unter der Regie von Colin Trevorrow.

Bereits die Tatsache, dass er es von der Wohn­gemeinschaft mit hawaiianischem Ungeziefer in den Adelsstand des Showbusiness schaffte, ist eigentlich unglaublich. Umso mehr, als Pratt sich nie in die Schablonen der Gesellschaft einfügte. Nach der Highschool versuchte er’s mit einem Studium und stieg nach einem halben Semester aus. Seine Karriere als Vertreter für Rabattmarken war ähnlich kurzlebig. Was zu einem vorübergehenden Einsatz als Stripper führte, als „Billig-‚Magic Mike‘“, wie er es nennt, der auch vor purem FKK nicht zurückschreckte – für 40 Dollar pro Nummer. Sogar auf der Geburtstags­feier der Oma eines Freundes trat er auf. 

Als ihn ein alter Kumpel in eine Kifferhöhle auf ­Hawaii einlud, zögerte er keine Sekunde. Chris Pratt, der gescheiterte Student, Vertreter und Ex-Stripper, stieg aus. Doch auch Aussteiger können zu Aufsteigern ­werden. Solange sie eine Passion haben: „Ich wollte immer auftreten“, sagt er. „Als kleiner Junge sah ich meinen drei Jahre älteren Bruder in einer Schulaufführung auf der Bühne. Meine Mutter war von ihm so bewegt, dass sie weinte. Und ich dachte mir: Das kann ich auch.“

Allerdings bedurfte es noch eines Zufalls. Der ­begegnete ihm auf Maui in der Person von Rae Dawn Chong.

Die Schauspielerin hatte in dem Schwarzenegger-Ballerepos „Das Phantom-Kommando“ (1985) gespielt, das Pratt „hunderte Male“ gesehen hatte. Als er ihr eines Abends Shrimps servierte, erkannte er sie prompt und wickelte sie mit seinem gutmütigen Charme ein.

Das Resultat: Sie bot ihm eine Rolle in ihrem Regiedebüt an, der Horrorkomödie „Cursed – Part III“, und ließ den Kiffer, Säufer und Gelegenheitskellner nach Los Angeles einfliegen.

Chris Pratt

Wenn es nach Steven Spielberg geht, ist dieser Mann der neue Indiana Jones.

Bis aus diesem Trip ein echter Höhenflug wurde, ­dauerte es dann aber noch eine Weile. Nach seinem Debüt steckte Pratt im Hamsterrad der Traumfabrik fest, kämpfte verzweifelt um Rollen. Presseberichten zufolge war ein vergebliches Vorsprechen für „Avatar“ der Tiefpunkt, aber er korrigiert schnell, wenn man ihn darauf anspricht, durch die Selbstironie klingen noch die vielen Enttäuschungen durch: „Ich habe gar nichts gekriegt. Nichts! Ich habe mich praktisch für jeden Film beworben, in dem ich nicht zu sehen bin.“

Doch etwas feuerte ihn weiter an: „Der Glaube an mich selbst, meine Begeisterungsfähigkeit und das Denken, dass die anderen falschlagen, wenn sie glaubten, dass ich nicht der Richtige war.“ Was nicht heißt, dass Pratt wie ein blindwütiger Egomane nach vorne preschte. Im Gegenteil, er bewies gesunde Distanz zu seiner eigenen Person. Nachdem die TV-Serien, in denen er seine ersten Rollen gespielt hatte, ausgelaufen waren, sagte er sich: „Ich muss nicht unbedingt der Hauptdarsteller sein, Charakterrollen sind genauso gut.“

„Ich hätte keine Probleme gehabt, den ersten übergewichtigen Superhelden der Welt zu spielen.“
Chris Pratt

So war er sich nicht zu schade, den Part des unbedarft-übergewichtigen Slackers Andy Dwyer in der Hit-Serie „Parks and Recreation“ anzunehmen. Oder dann wieder abzuspecken, um die Rolle eines Baseballspielers in „Moneyball“ zu bekommen, nach der er für die Komödie „10 Years“ wieder 20 Kilo draufpackte.

Chris’ ­beste Filme

2011 >> MONEYBALL
Baseballstar im fünffach Oscar-­nominierten Sportdrama an der Seite von Brad Pitt

2012 >> ZERO DARK THIRTY
Navy SEAL im Team, das Bin Laden zur Strecke bringt. ­Fakten-Thriller, für fünf Oscars genannt

2012 >> FAST VERHEIRATET
Sidekick der unentschlossenen Hauptfigur (Jason Segel) in einer charmanten Romantikkomödie

2014 >> THE LEGO MOVIE
Chris leiht Bau­arbeiter Emmet, der das Lego-Universum auf den Kopf stellt, seine Stimme.

2014 >> THE GUARDIANS OF THE GALAXY
Heldenhafter Dieb und Raumpilot in der rekordträchtigen Verfilmung des Marvel-Comics

Für „Der Lieferheld“ versuchte er sich sogar bis auf ein Kampfgewicht von 150 Kilo zu steigern. Zwar ging er für „Guardians of the Galaxy“ wieder ins Fitness-Studio, aber nicht aus Eitelkeit: „Ich hätte keine Probleme gehabt, den ersten übergewichtigen Superhelden der Welt zu spielen.“ Und er mochte das Projekt so sehr, dass ihn dessen Erfolgschancen gar nicht mehr interessierten. „Ich sagte mir: Dieser Film wird floppen, und das wird das Ende meiner Karriere.“ Eine nicht ganz unberechtigte Befürchtung. Vor dem Sommer 2014 schien sich kaum jemand für einen Trupp weithin unbekannter Comic-Charaktere zu interessieren, die einer mysteriösen Kugel durchs Universum hinterherjagen. Für seinen Mut, der nebenbei mit einem Einspielergebnis von 774 Millionen Dollar belohnt wurde, bekam Pratt vom Branchenblatt „Hollywood Reporter“ das Etikett des „Regelbrechers von 2014“ verpasst. 

Die Etiketten von Ruhm und Image dagegen beeindrucken ihn nicht. Als er mit Brad Pitt in „Moneyball“ spielte, unterdrückte er seine Aufregung und verzog angesichts des Hyperstars keine Miene. Auch wenn er im Nachhinein zugibt: „Es war verdammt cool, mit ihm zu drehen. Vielleicht hätte ich das mehr genießen sollen.“ 

Seine wahren Helden findet er aber nicht auf der Leinwand: „Das sind Menschen, deren erster Impuls darin besteht, selbstlos zu handeln und anderen zu helfen. Ein Held für mich ist Russell Wilson, der Quarterback der Seattle Seahawks. Und das nicht nur, weil er sein Team zweimal hintereinander bis ins Endspiel, die Super Bowl, geführt hat. Er gibt auch der Gesellschaft sehr viel zurück, besucht zum Beispiel Kinder im Krankenhaus. Das ist für mich wirklich cool. Aber die meisten wahren Helden sind nicht prominent. Das sind Leute, die ihren Arsch riskieren, um andere Menschen zu beschützen, obwohl sie ­dafür keinen Dank bekommen.“

„Ich habe mich praktisch für Jeden Film beworben, in dem ich nicht zu sehen bin.“
Chris Pratt

Und was macht ihn selbst zum Helden von Hollywood? Die Distanz zur Branche und zum eigenen Ego hat noch einen weiteren wichtigen Effekt: Auch wenn Pratt im Interview seriös antwortet und auf Witze­leien verzichtet, seinen Durchbruch schaffte er nicht zuletzt wegen seines Humors. Seine Rolle in „Parks and Recreation“ wurde ausgebaut, weil die Macher der Serie ihn bereits beim Vorsprechen umwerfend komisch fanden. 

Inzwischen gilt er als größtes Improvisationstalent unter der ganzen Besetzung. Dadurch wurde auch „Jurassic World“-Regisseur Colin Trevorrow auf ihn aufmerksam. Pratt selbst glaubt, seine Fähigkeiten basierten auf seiner „Lebenserfahrung“. Wer sich mit Flöhen, Ratten und lebenslustigen Omas herumschlug, der lernt eben, den Alltag locker zu nehmen. Und das kann selbst für ein Abermillionen teures Vehikel wie „Jurassic World“ gelten.

Wenn Pratt seinen Lieblingsmoment des Drehs beschreibt, dann ist ein anarchischer Funke zu erkennen, den er offenbar seit seinen Kifferjahren bewahrt hat: „In einer Action­szene bin ich auf einem Motorrad dahingerast. Am Schluss hab ich’s zu Schrott gefahren und bin kopfüber über den Lenker geflogen. Das war echt klasse.“ Und bei diesen Worten zieht sich ein schelmisches Lächeln über sein ganzes Gesicht.

Klicken zum Weiterlesen
07 2015 The Red Bulletin

Nächste Story