Christoph Waltz

Waltz: „Es war schon so frustrierend“

Foto (oben): Ben Hassett/Trunk Archive
Text: Rüdiger Sturm

Christoph Waltz gewann zwei Oscars. In „Spectre“ macht er 007 das Leben schwer. Wie das so ist mit schwerem Leben, weiß der 59-Jährige genau.

THE RED BULLETIN: Was ist die Hauptaufgabe eines Bond-Bösewichts?

Christoph Waltz: Er gibt Bond die Möglichkeit, ein Held zu sein. Ohne Bösewicht könnte der ja zuhause bleiben und das Leben genießen. Erst der Widersacher setzt das Drama in Gang. 

Gibt es solche Widersacher auch in der Realität?

Permanent. Aber vergessen Sie nicht die Wichtigkeit unter­schiedlicher Meinungen. Es wäre unerträglich, wenn alle einer Meinung sind. Unerträglich! Es ist Humbug, zu glauben, wir müssten alle unsere Differenzen ausgleichen, um Eintracht zu erreichen. Wir müssen nicht alle gleich und nicht alle derselben Meinung sein. Wir müssen uns nur anständig verhalten und vernünftig mit der Verschiedenheit umgehen. 

Kennen Sie das: Man hat das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben, aber die andere Seite ist anderer Meinung?

Das ist es doch, was Arbeit ausmacht. Sonst könnte es ja jeder. Schauspielern zum Beispiel kann jeder, aber Dinge zu wiederholen, nur bestimmte Nuancen zu verändern, so genau zu arbeiten, das kann eben nicht jeder. Bei manchen Regisseuren kann diese Arbeit an Details zur Geduldsprobe werden. Sie verlangen das eben, weil sie so viel Erfahrung haben und weil sie so genau hinsehen können. Das sind dann die Meister.

Mit welcher Haltung schafft man es auf diese Stufe?

Erst mal muss man seine Arbeit vernünftig machen. Das vergessen heutzutage die meisten. Ihnen geht es um Erfolg. Sie wollen Film- und Fernsehstars sein – nicht mehr werden. Das führt natürlich zu unglaublichen Enttäuschungen, weil es darum einfach nicht geht. Früher ging es darum, die Form für einen Inhalt zu finden – oder wenn es keinen Inhalt gab, dann ­einen zu finden, dem man ­eine Form geben kann. Und ich bin noch von früher. 

christoph Waltz

Christoph Waltz als brillantes Scheusal Hans Landa in „Inglourious Basterds“. Seither könne er im Film-Business „jeden treffen“, sagt er.

© A.P.L. Allstar Picture Library/Universal

Qualität setzt sich durch?

Qualität braucht eine Gelegenheit, sich durchsetzen zu können. Wenn die nicht kommt, kann man sich die Qualität an den Hut stecken. 

Ihnen bot sich viele Jahre diese Gelegenheit nicht …

Dann wird es eben zu einer Frage der Sturheit. In den ersten Jahren ging es mir irrsinnig gut, aber dann kam eine elend lange Strecke voll mittelmäßiger Projekte. Es war schon so frustrierend, dass ich alles in Frage stellte. Zugleich musst du aber viel Substanz investieren, um etwas gescheit zu machen. Substanz, das bedeutet nicht nur Intensität, Konzentration, sondern auch Zeit. Um ein Handwerk wie dieses wirklich zu beherrschen, dafür sind dreißig Jahre nichts.

Weshalb blieben Sie bei der Schauspielerei am Ball?

Wenn es Sachzwänge gibt, stellt sich die Frage nicht. Da muss man weitermachen. Und ich bin ein überzeugter Befürworter des Weitermachens, auch auf höchstem Niveau.

Sachzwänge: Sie mussten für Ihre Familie sorgen?

Natürlich. Wenn ich gelegentlich in Deutschland bin und den Fernseher anmache, sehe ich diese unsäglichen Dinge und darin Menschen, die möglicherweise vielversprechend und talentiert sind. Was sollen die machen? Die müssen ihren Lebensunterhalt finanzieren.

Christoph Waltz

Diesmal auf der Seite der Guten: Christoph Waltz als Dr. King Schultz in Quentin Tarantinos „Django Unchained“. 

© ddp images

Woran liegt es, dass Sie über diese Stufe hinauskamen?

Ich bin ein Glückspilz. Nichts weiter. Am Anfang meiner Karriere hatte ich einen Termin mit einer berühmten Broadway-Produzentin. Sie sagte auf Anhieb: „Wenn ich Sie ansehe, dann weiß ich, dass Sie ein fantastischer Schauspieler sind. Aber lassen Sie mich Ihnen eines sagen: Den Leuten ist das scheißegal. Es geht nur darum, wen man kennt und wen man treffen kann.“ Erst seit „Inglourious Basterds“ kann ich jeden treffen.

Aber wie holt man sich bis dahin die Befriedigung? In den Details der Arbeit?

Ja. 

Gibt es auch andere Kompensationsmöglichkeiten? 

Wir werden das, fürchte ich, nicht auf konsumierbare Soundbites reduzieren können. Das ist bei jedem anders, und selbst da nicht jeden Tag gleich. Es gibt nicht diese Regeln, von denen die Illus­trierten behaupten, sie hätten Gültigkeit. Das Einzige, was hilft: weitermachen

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11 2015 The Red Bulletin

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