Daniel Craig James Bond

„… scheißegal, was der Rest der Welt dazu sagt“

Text: Rüdiger Sturm
Fotos: Andy Gotts

Hollywood-Star und Hauptdarsteller Daniel Craig analysiert James Bond: ob 007 als Vorbild taugt, als Held und wieso Frauen auf ihn stehen.

James Bond zu sein tut gut. Zumindest gilt das ganz offensichtlich für Daniel Craig. Wir treffen den 47-Jährigen nach dem zweijährigen Dreh des jüngsten Bond-Abenteuers „Spectre“ im Londoner Corinthia Hotel. Craig ist gut gelaunt, lebhaftes Lächeln, federnder Schritt, kräftiger Händedruck. Doch die inspirierende ­Wirkung des Bond-Seins hat auch ihre Grenzen, gibt Craig zu.

THE RED BULLETIN: Was können wir alle von James Bond für unser Leben lernen?

Daniel Craig (denkt kurz nach): Nichts.

Aber Mr. Craig, James Bond ist einer der legendärsten Helden der Filmgeschichte. Er muss doch ein paar ­inspirierende Aspekte haben.

Lassen Sie uns diese Filme nicht zu einer lebensverändernden Erfahrung hoch­jazzen. Bond ist, was Bond tut. Bond ist unbeirrbar, Bond ist zielgerichtet. Das ist einfach, und das ist gut. 

Unbeirrbar, zielgerichtet, gilt das auch für Sie?

Wenn ich einen Film mache, dann ja. ­Bedeutet leider, dass ich bei meinem Privatleben die Pausentaste drücken muss. Aber ich habe eine sehr verständnisvolle Familie, die weiß, dass mein Job eben mein ganzes Dasein in Beschlag nimmt.

Offizieller Trailer von Sony Pictures Releasing GmbH

Ihr Knie kann das bestätigen. Das verletzten Sie sich während des „Spectre“-Drehs. Ich wette, Sie sind ausgeflippt, weil Sie nichts tun konnten.

Ein bisschen, ja, aber Sie müssen ver­stehen, wir arbeiteten zwei Jahre sehr intensiv an dem Film. Und dann das. Ich dachte eigentlich gar nicht an mein Knie, sondern an die Zeit, die uns die Verletzung kostet. Doch nach ein paar Tagen sah ich auch das Positive dran. Ich sah die Chance, die Zeit zu nutzen, mich aufzutrainieren. Die Muskulatur so weit zu stärken, um das Knie zu schützen. Das hat auch sehr gut geklappt. Ich war am Ende der Dreharbeiten nicht so kaputt wie beim letzten Bond, der mich wirklich ausgeblutet hat. Ich fühle mich jetzt echt gut.

Lassen Sie uns ein wenig hinter die ­Kulissen eines Bond-Drehs blicken. Time-Management ist tatsächlich das Wichtigste?

Zeit überhaupt. Es muss alles perfekt ­laufen, deswegen bereiten wir die Dreh­arbeiten auch jahrelang vor. Diesmal brachte ich mich sogar schon beim Skript ein. Und drei Monate vor Drehbeginn ging ich ins Fitnessstudio – fünf, sechs Tage die Woche. Während wir filmen, ­halte ich Diät, um Krankheiten und Verletzungen vorzubeugen. Dass trotzdem mal was Unvorhergesehenes passieren kann, hat man ja gesehen. Aber das ist einfach so, das lässt sich nicht verhindern. Wenn du in einer Szene 30-mal quer durch einen Raum läufst und versuchst alles leicht aussehen zu lassen, dann holst du dir dämliche Blessuren.

„Selbstbewusstsein ist der Feind jeder Kreativität. Denn sobald du über dich nachdenkst, und nur über dich, hörst du auf, etwas auf die Beine zu stellen. Dein Ego kommt ins Spiel.“
Daniel Craig über den Unterschied zwischen Selbstbewusstsein und Überzeugung

Wie wir wissen, sehen Sie ziemlich ­imposant aus. Ist Ihr Körper wirklich so wichtig? 

Das ist eben eine Frage der Ästhetik. Und meine Produzentin sorgt dafür, dass ich mein Hemd oft genug ausziehe.

Wie erklären Sie sich die Faszination Bond?

Einer der Gründe ist wohl, dass er für den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse steht. 

Wobei es hilft, dass das Böse in den ­Filmen großartig überzeichnet wird. Sind Ihnen auch in der Realität schon Bösewichter begegnet, von denen Sie dachten, die würden in einen Bond-Film passen?

Ein böser Mensch ist sadistisch. Und ich hoffe, dass diese Sorte eher selten ist. Doch ein paar furchteinflößende Leute habe ich schon getroffen. Richtig furchteinflößende Typen sogar. Ob sie böse ­waren, das ist ziemlich schwer zu be­urteilen. Menschen, die besonders böse sind, zeigen das nicht. 

Verraten Sie uns bitte, vor welchen ­Typen Daniel Craig Angst hat.

Nein. Das werde ich nicht tun. Die können mich finden. Die wissen, wo ich lebe. Ganz ehrlich. Reden wir lieber über etwas anderes.

Daniel Craig James Bond Spectre

Daniel Craig alias James Bond in „Spectre“. Extreme Disziplin bei den Dreharbeiten inklusive Workout und Diät.

© Sony Pictures Releasing GmbH

Taugt James Bond zum Vorbild? 

Meine Vorbilder sind Menschen mit einem moralischen Kompass. Leute, die an ihren Überzeugungen festhalten. Große Journalisten, Autoren, Künstler. Wissen Sie, eines der großen Probleme unserer Zeit und unserer Kultur ist das Selbstbewusstsein der Leute. Es geht um die Frage „Wer bin ich?“, nicht „Was mache ich?“. Als ich aufwuchs, zählte nur die Arbeit, das Schaffen. Selbstbewusstsein ist der Feind jeder Kreativität. Denn sobald du über dich nachdenkst, und nur über dich, hörst du auf, etwas auf die Beine zu stellen. Dein Ego kommt ins Spiel. 

Aber ohne Selbstbewusstsein fehlt doch jede Durchsetzungskraft.

Ich spreche vom Unterschied zwischen dem Bewusstsein für sich selbst und dem Bewusstsein für das, was man tut. Alle großen Künstler blieben ihren Überzeugungen treu – ihr ganzes Leben lang, ob das ein Picasso war oder ein Francis Bacon. Ihnen war es scheißegal, was der Rest der Welt dazu meinte. Sie sagten: „Das ist, was ich mache.“ So eine Haltung bewundere ich, denn dazu gehört wahre Stärke.

„Verwechseln Sie nicht Vorbilder mit Helden. Meine Helden sind ­meine Großväter. Sie kämpften im Zweiten Weltkrieg, einer in Deutschland, der andere mit der Royal Air Force in Sibirien. Sie hassten es, über diese furchtbare Zeit zu reden.“
Daniel Craig

Picasso und Bacon sind also die großen Helden des Bond-Darstellers – klingt gut.

Verwechseln Sie nicht Vorbilder mit ­Helden. Meine Helden sind meine Groß­väter. Sie kämpften im Zweiten Weltkrieg, einer in Deutschland, der andere mit der Royal Air Force in Sibirien. Aber lassen Sie uns darauf nicht rumreiten. Meine Großväter hassten es, über diese furchtbare Zeit zu sprechen. Das sollten wir respektieren.

Daniel Craig James Bond Spectre

Craig über die Endlichkeit seiner Zeit als 007-Darsteller: „Die Frage ist, was schlimmer ist. Zu früh von der Party abhauen oder so lange feiern, bis du besoffen am Boden liegst?“

Finden Sie eigentlich irgendwas an Bond toll?

Bond kann ein Gentleman sein. Zumindest manchmal. Jemand, der Rücksicht nimmt, nichts schleifen lässt und auf andere ­Menschen und seine Familie achtgibt. Der den Leuten die Tür aufmacht – für jedermann, nicht nur Frauen.

Apropos Frauen … viele Männer bewundern Bond insgeheim für seinen Umgang mit Frauen. 

Vergessen wir nicht: Er ist eigentlich ein Frauenverächter. Manche Frauen fühlen sich vor allem deshalb zu ihm hingezogen, weil er Gefahr verkörpert und nie lange bei ihnen bleibt.

… und Sie sind ein Typ, der bleibt?

Nun, ich bin seit vier Jahren verheiratet.

In den letzten Filmen war Bond gegenüber Frauen doch recht ritterlich …

Weil wir ihn mit Frauenfiguren umgeben haben, die stark genug waren, ihn in die Schranken zu weisen.

Diesmal haben Sie noch einen drauf­gesetzt: Er erliegt sogar den Reizen ­einer älteren Frau.

Sie meinen wohl: einer Frau seines Alters. Wir sprechen hier um Himmels willen von Monica Bellucci. Du darfst dich glücklich schätzen, wenn jemand wie sie ein Bond-Girl sein will.

Es gibt noch eine Bond-Lektion, die speziell auf Sie persönlich wartet …

Nämlich?

Sie schulden ihm die größten Erfolge Ihrer Karriere. Aber Sie müssen noch für sich herausfinden, wann Sie den Staffelstab an den nächsten Kollegen übergeben.

In der Tat. Die Frage ist wie immer: Was ist schlimmer? Zu früh von der Party abhauen oder so lange feiern, bis du besoffen am Boden liegst?

Und?

Ich kenne die Antwort noch nicht. Mein momentanes Bedürfnis ist, mit der Arbeit aufzuhören, mich zu entspannen und zu meinem normalen Leben zurück­zukehren. Aber das ist normal. Es ist einfach schrecklich, wenn du deine Familie wochenlang nicht siehst. Es gibt also jetzt eine Sache, die ich viel aufregender als Bond finde: nach Hause kommen.

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11 2015 The Red Bulletin

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