Cox

„Daredevil“-Star Charlie Cox: „Echte Helden sind ­grausam zu Kindern“

Text: Rüdiger Sturm
Foto: Phil McCarten

Charlie Cox ist Marvels blinder Serienheld ­„Daredevil“ und weiß auch deswegen, wie viel Ehrlichkeit zu wahrem Heldentum gehört.

THE RED BULLETIN: Was macht einen Helden aus? Als Blinder gegen Schurken zu kämpfen?

CHARLIE COX: Nein.

Was sonst? 

Ein wahrer Held kann auch zu Menschen, die ihm etwas bedeuten, grausam sein. ­Daredevil kann das. 

Das klingt ein bisschen merkwürdig, Herr Cox.

Von mir aus. Aber manchmal gibt es eben höhere Zwecke.

Höhere Zwecke …? 

Ja. Wenn Sie zum Beispiel Kinder haben, können Sie ­ihnen gewisse Dinge verbieten, damit sie sich nicht wehtun. Oder aber Sie lassen etwas zu, damit die Kids aus negativen Erfahrungen lernen können. Das ist in gewisser Hinsicht grausam. Aber eben auf eine positive Weise.

© Netflix US & Canada // YouTube

Ein wahrer Held ist also grausam zu Kindern. Interessant …

Ach ja, zu Erwachsenen selbstverständlich auch.

Ich weiß nicht, ob … 

Doch, doch, hören Sie zu: Die meisten von uns unternehmen ja alles, um nur bloß nicht die Gefühle ihrer Mitmenschen zu verletzen. Wir haben Angst, dass es ihnen mies gehen könnte, wenn wir ehrlich zu ihnen sind.

Es gibt Menschen, die das als Taktgefühl bezeichnen würden.

Ich weiß. Aber ich sage: Zerbrich dir nicht den Kopf, was die anderen denken, sondern sag lieber offen, was du empfindest.

Mutig. 

Klar! Was wäre denn ein Held schon ohne Mut? 

Laufen Sie mit dieser Philosophie nicht auch Gefahr, Dinge zu zerstören?

Im Gegenteil. Mir imponieren Menschen, die auch dann noch freundlich sind, wenn sie in einer schwierigen Lage ­stecken. Leute, die sich in so einer Situation nicht einfach zu ­Aggressivität hinreißen lassen, sind in meinen Augen Helden. 

Oder feige Opportunisten, wenn die Freundlichkeit nicht von Herzen kommt. 

Natürlich geht es hier um echte Überzeugung. Verzeihen ist in meiner Wahrnehmung auch so ein Punkt. 

Inwiefern?

Stellen Sie sich vor, jemand hat Ihnen und Ihrer Familie wehgetan, und Sie würden diese Person am liebsten in der Luft zerreißen. Wenn Sie dann die Kraft haben, von ganzem Herzen zu verzeihen und Ihr Leben weiterzuleben, dann ist das eine der heroischsten Aktionen überhaupt.

Charlie Cox spricht über seine Vorbereitungen für Daredevil.

© Associated Press // YouTube

Und das können Sie?

Manchmal gelingt mir das.

Schwierige Situationen schmieden also Helden. 

Yep.

Sind Sie in dieser Hinsicht ein Held?

Ja. Ich hatte Zeiten, in denen ich arbeitslos war. Und die sind besonders heftig, weil du nie weißt, wann sie enden. Da habe ich mich heldenhaft benommen.

Und worin genau bestand da Ihr Heldentum? 

Ich bin nicht im Bett liegen ­geblieben und habe auch ­keine miese Laune geschoben.­ Ich habe so viel Zeit wie möglich mit meinen Freunden und meiner Familie genossen. Ich bin geistig aktiv geblieben, habe Stücke und Drehbücher geschrieben, habe mich auf meine Vorsprechtermine dann umso härter vorbereitet …

„Zerbrich dir nicht den Kopf, was die anderen denken, ­sondern sag offen, was du empfindest.“
Charlie Cox, 33

Klingt ein bisschen nach Musterschüler.

… und wenn ich trotzdem einen Hänger hatte, schwang ich mich auf mein Motorrad und fuhr in den Sonnenuntergang (lacht). 

Im Ernst, ist das jetzt Drehbuch oder Wahrheit? 

Realität. Ich komme übrigens viel zu selten zum Motorradfahren, fällt mir gerade auf.

Ist doch besser, als arbeitslos zu sein, oder?

Ich sag Ihnen was: Viele meiner besten Momente hatten mit Geld und Karriere nichts zu tun. 

Zum Beispiel?

Einmal fuhr ich mit dem Bus von Kapstadt nach Nairobi. Ich machte Halt am Malawisee (zwischen Malawi, Tansania und Mosambik; Anm.) und sah mir ein Fußballspiel zwischen den Teams zweier Ortschaften an. Nur drei, vier Spieler hatten Schuhe. Die Tore waren ohne Netze. Das Spielfeld bestand aus Lehm. Ich saß da und begriff, was Bescheidenheit bedeutet – und welche Magie in solchen Situationen steckt.

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05 2016 The Red Bulletin

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