Élodie Yung

Élodie Yung über Elektras innere Dämonen

Interview: Holger Potye
Foto: Netflix

Die schöne französische Mimin Élodie Yung spricht über ihre neue Rolle als Elektra in der 2. Staffel von Daredevil und gibt zu, ihre Schauspiel-Karriere einer Schummelei zu verdanken.

THE RED BULLETIN: In einem Interview sagten Sie, dass Ihre Figur in der Serie eine Soziopathin sei. War die Rolle eine große Herausforderung für Sie?

ÉLODIE YUNG: Sie trägt Wesenszüge einer Soziopathin in sich. So haben mir die Drehbuchschreiber die Figur erklärt. Ich habe daraufhin recherchiert, welche Wesensmerkmale und Aspekte sich bei einer Soziopathin bemerkbar machen. Sie hat so gut wie kein moralisches Gewissen. Sie hat keine Schuldgefühle. Sie schert sich nicht wirklich darum, ob es anderen Menschen gut oder schlecht geht. Es fehlt ihr also an Mitgefühl. Für Elektra ist das Leben wie eine Partie Schach. Sie benutzt andere Menschen, um die Dinge zu bekommen, die sie haben möchte. Aber das ist noch nicht alles.

Comic-Autor Frank Miller (Hinweis: Er hat Elektra erfunden) hat etwas gesagt, dass ich mir bei meiner Version von Elektra immer wieder ins Gedächtnis rufe: Er meinte, es geht nicht darum, ob Elektra gut oder böse ist. Sie ist eine Schurkin mit einer besonderen Schwäche. Sie trägt diese Dunkelheit in sich, ist distanziert, kalt, brutal und blutdürstig. Aber gleichzeitig - und da sind wir bei ihrer Schwäche - liebt sie Matt Murdoch. Meiner Meinung nach ist sie daher keine absolute Soziopathin, weil sie das Gefühl von Liebe kennt und fühlen kann. Sie kann lieben! 

© Netflix US & Canada // YouTube

Kann man sie als Serien-Bösewicht bezeichnen?

Bei Elektra verschwinden Schwarz und Weiß. Mit ihr sind wir im Graubereich unterwegs. Wir haben versucht, die neuen Charaktere bei Daredevil so menschlich wie möglich zu porträtieren. Sie hat ihre dunklen Seiten, aber insgesamt würde ich sagen, dass sie eine gequälte Seele ist. Sie kämpft mit ihren inneren Dämonen. 

Was hat Sie an der Rolle fasziniert?

Das ist schwierig zu beantworten. Anfangs wusste ich nämlich nicht, dass ich beim Casting für Elektra vorsprach.

Wurde Ihnen das nicht durch den Kontext klar?

Ich kannte Elektra als Figur nicht. Ich hatte nur die 1. Staffel von Daredevil gesehen, weil jeder darüber sprach. Aber eigentlich stehe ich nicht auf Superheldenfilme. Ich habe als Kind weder die Comics gelesen, noch den Kinofilm gesehen. Ich hatte also noch keine vorgefertigte Meinung zu ihrem Charakter. Ich glaube übrigens, dass das eher hilfreich als hinderlich für mich war. Ich glaube, Charlie Cox (Hinweis: Er spielt Matt Murdoch aka Daredevil) ging es ähnlich. Er hat erst nach seinem Casting erfahren, für wen er vorgesprochen hatte und danach über die Figur recherchiert.

Elektra is IN the building.💥 #Daredevil

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Und Charlie Cox wusste nicht, dass seine Figur blind ist.

Der Casting-Prozess von Marvel bei Daredevil ist zugegebenermaßen etwas ungewöhnlich, aber auch recht clever. Du gehst einfach rein und bist du selbst beim Casting. Du versuchst das Beste aus der Szene zu machen. Diese Freiheit, die einem da auf einmal geboten wird, ist reizvoll und durchaus produktiv. Ich wusste also nicht, für wen ich gerade vorspreche. Aber als ich dann wusste, dass ich Elektra verkörpern würde, dachte ich erst: „WOW! Was für eine Chance!

Elektra ist ein Kult-Charakter in den Comics. Hatten Sie Respekt, bzw. Angst vor der Aufgabe und der Erwartungshaltung der Fans?

Angst ist ein schlechter Begleiter. Ich versuche mich nicht darum zu kümmern, was die Öffentlichkeit über mich sagt oder denkt. Natürlich wünsche ich mir, dass die Fans happy mit meiner Elektra sind. Ich habe es so sehr genossen, sie zu spielen, dass ich enttäuscht und auch ein bisschen verletzt wäre, wenn sie den Fans nicht gefällt. Aber ich fühle mich ihnen gegenüber nicht verpflichtet.

„Angst ist kein guter Begleiter“
Èlodie Yung

Was denken Sie: Könnten The Punisher oder Elektra eine eigene TV-Serie tragen?

Um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass das geplant ist. Marvel hat schon eine ganze Menge Serienprojekte am Start: Daredevil, Jessica Jones und bald auch Iron Fist und Luke Cage. Ich glaube The Punisher und Elektra wurden ins Daredevil-Universum eingeführt, um bei Daredevil einen Entwicklungsprozess auszulösen. Sie zwingen ihn dazu, darüber nachzudenken, was einen Helden tatsächlich ausmacht. Besonders der Punisher zwingt Matt Murdoch dazu, genauer darüber nachzudenken, was er da eigentlich in Hell’s Kitchen tut. Im Grunde ist Daredevil schuld daran, dass Typen wie The Punisher in seinem Viertel auftauchen und Selbstjustiz üben. 

Stimmt es, dass Sie Ihren Lebenslauf gefälscht haben, um Ihren ersten Schauspieljob zu ergattern? 

(Lacht.) Eine Freundin von mir nahm damals Schauspielunterricht und sagte zu mir: “Élodie, wenn du dir ein bisschen Taschengeld dazu verdienen möchtest, meine Schauspiellehrerin hat mir einen Tipp gegeben. Wir müssen uns nur bei einer Agentur anmelden.” Also verfasste ich einen Lebenslauf, in dem ich Schauspielerin war. So hat alles begonnen. Ich bekam zuerst einen Job in einem Werbespot. Dann meldete sich eine Casterin von einer französischen TV-Serie bei mir und fragte mich: „Bist Du Schauspielerin? Wir suchen gerade nach neuen Gesichtern für eine Serie.“ Ich sagte: „Klar!“ Der Rest ist Geschichte.

„Meine Schauspielkarriere basiert auf einem gefakten Lebenslauf“
Èlodie Yung

Ihre Figur Elektra ist eine begnadete Lügnerin. Sie flunkert gerne einmal. Was war die größte Lüge, die Sie jemals erzählt haben?

Das kann ich nicht verraten. (Lacht.) Ich lüge niemals.

Nun, um den Einstieg als Schauspielerin zu schaffen, haben Sie ja auch geschummelt …

Ich habe nur einen kleinen Trick angewandt. Aber klar, das war wahrscheinlich die größte Lüge, die ich jemals erzählt habe. Sie hat mir die Pforten zu einer neuen Welt geöffnet. Meine Schauspielkarriere basiert auf einem gefakten Lebenslauf. Aber jetzt habe ich einen echten. Wollen Sie ihn sehen? (Lacht.

Sie sind die erste französische Schauspielerin, die in einer Marvel-TV-Serie mitspielen darf. Sind Sie darauf stolz?

Es ist einfach nett, Teil eines Projekts zu sein, das ich schätze und sehr respektiere. Ich mag die besondere Qualität dieser Show. Ich sehe mich aber nicht als Pionierin. Ich glaube, Jobs in TV-Serien werden langsam aber sicher immer globaler besetzt werden. Das ist ein guter Trend. Das Schöne am amerikanischen Entertainment-Markt ist, dass man dort sehr aufgeschlossen gegenüber ausländischen Schauspielern ist. Mein französischer Akzent, meine asiatischen Wurzeln - all das wirkt für sie exotisch und anziehend. Europäische Darsteller können sich auf eine schöne Zukunft freuen.

Wer ist Ihr Lieblings-Superheld?

Wie Elektra bin auch ich keine gute Schülerin. Ich kann mich bei der Antwort nur auf das Daredevil-Universum beziehen, weil ich mich damit jetzt auskenne. Ich glaube, ich entscheide mich für den Punisher. Er wird das Publikum überraschen. 

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03 2016 Redbulletin.com

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