Sylvestre Calin

Der Brakeless-Guru

Text: Werner Jessner
Fotografie: Andrew Tingle

Keine Bremse, keine Schaltung, kein Freilauf, dafür Style ohne Ende: Fixies sind die Essenz des Radfahrens. Zu Besuch bei Großmeister Sylvestre Calin in Montréal.

Beim Verständnis, was Brakeless ist, hilft die Geschichte eines Bikes, das Brakeless nicht gebaut hat. Das kanadische Montréal hat ein sehr gut funktionierendes Leihrad-System, wie es in vielen Städten der Welt existiert: gesichtslose, robuste Dreigang-Gurken, funktionell, aber ­belanglos.

Sylvestre erinnert sich an jedes seiner Bikes, noch mehr aber an deren Besitzer.


In Montréal heißen sie Bixi. Vor einiger Zeit hat Sylvestre Calin ein solches Bixi vor seinem Shop fotografiert, es daheim am Computer mit Photoshop gepimpt, bis es scharf aussah, wirklich scharf, auf die Homepage gestellt und ­gewartet, was passiert.

Es dauerte nicht lang, und die Cops standen im Laden: Er möge doch bitte schön gefälligst das Bixi zurückbringen, auch wenn es jetzt vielleicht viel schöner und wertvoller … Es dauerte, bis er die Polizisten überzeugt hatte, dass das inkriminierte Bike ausschließlich aus Pixeln bestand. Zuzutrauen wäre ihm so ein Bike allemal gewesen.

Im Schatten berufscooler Städte wie New York, Tokio oder Berlin hat sich das kanadische Montréal als Insider-Tipp für endgültige Fixies und Singlespeeds etabliert: Brakeless, 5390 Avenue du Parc, Sylvestre Calin. Geboren in Rumänien nahe der Schwarzmeerküste, verließ er mit achtzehn das Land, tourte drei Jahre lang quer durch Europa, kam dabei zwangsläufig mit Fahrrädern in Berührung, ­landete in Frankreich, bekam dort keine Aufenthaltsbewilligung und füllte die Formulare für Australien, die USA und Kanada aus: Irgendein Land würde ihn schon nehmen, hoffte er.

Es war Kanada. Calin landete in Montréals Avenue du Parc, einer Durchzugsstraße mit drei­stöckigen Häusern, wo seit Jahrzehnten stets nur das Nötigste renoviert worden war, und eröffnete einen Barbierladen, wie einst sein Vater in Rumänien einen betrieben hatte. Nach und nach kamen Fahrräder dazu und koexistieren heute friedlich mit dem Barbierstuhl, der einen prominenten Platz im Shop einnimmt.

Wer Brakeless nicht verfehlen will, ­orientiere sich an den Fahrzeugen am Trottoir. Wo ansonsten belanglose No-­Name-Bikes an den Radständern lehnen, hat Sylvestre sein schwarzes Fixie kunstvoll am Baum vor seinem Shop versperrt: Bahnrahmen mit wuchtigen Rohren, HED-Aero-Laufräder, Carbon-Aerolenker von Syntace, Pedale mit Clips, viel mehr ist da nicht. Schnell schon im Stand, selten hat dieser Stehsatz so gestimmt.

„In New York dürfen sie richtige Verbrecher jagen, bei uns sind sie Helden, wenn sie einen Radfahrer ohne Bremsen abstrafen.“
Sylvestre Calin über die kanadische Polizei

Der dreifache Familienvater hat einen eigenwilligen Zugang zu seinem Tun. Wo anderswo Kreativität hinter stilistischen Verbotsschildern verdorrt und sehr oft Konformes rauskommt, lässt Calin ein halbfertiges Bike im Zweifelsfall noch ein paar Wochen stehen, bis er sicher ist, wie es weitergehen soll. Er erinnert sich an ­jedes einzelne Bike aus seiner Schmiede, noch mehr aber an dessen Besitzer.
Laufräder, Kurbel, Übersetzung, Lenker, Vorbau: Erst wenn Sylvestre den Kunden verstanden hat – „als Radfahrer, aber ein wenig auch als Mensch“ –, geht die Arbeit los.

Sylvestre Calin Andrew Tingle

„Folge keinem Muster“, rät Sylvestre. „Kauf dir kein Fixie, nur weil du chic & hip sein willst. Kauf dir ein Fixie, weil du ein Fixie willst.“


Dann kann es durchaus geschehen, dass er manche Ideen rundweg ablehnt. Und es ist, immer wieder, vorgekommen, dass Kunden beim Abholen eine Bremse am neuen Bike vorgefunden haben, ohne dass das zuvor vereinbart worden wäre – zum Selbstschutz. Auch der Kontakt mit der Polizei, ­unter Fixie-Piloten weltweit ein Thema, verläuft Montréal-typisch amikal. Sosehr Sylvestre die pingelige Art der örtlichen Cops missfällt, irgendwie tun ihm die Sheriffs ja auch leid: „In New York dürfen sie richtige Verbrecher jagen, bei uns sind sie Helden, wenn sie einen Radfahrer ohne Bremsen abstrafen.“

„Folge keinem Muster“, rät Sylvestre. „Kauf dir kein Fixie, nur weil du chic & hip sein willst. Kauf dir ein Fixie, weil du ein Fixie willst. Im Idealfall kommst du drauf, dass du nur dieses eine Bike brauchst.“ Er selbst ist das beste Beispiel für ein monogames Fahrradleben. Wenn ihm die Stadt zu viel wird, packt er seinen Rucksack, schnallt ihn sich auf den Rücken und entschwindet auf seinem Fixie in die Wildnis: Freiheit statt Freilauf.

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Sylvestre Calin - Die Fakten

Name: Sylvestre Calin

Geboren: in Rumänien

War: bis 18 in Rumänien; tourte danach 3 Jahre lang durch Europa

Kanada: war das einzige Land, das ihm eine Aufenthaltsbewilligung genehmigte

Shop: Brakeless, gegründet 2007. Szeneübergreifender Hipster-Laden, in dem neben Fahrrädern auch Motorräder und Bärte (kein Witz!) bearbeitet werden. Außerdem gibt’s Ersatzteile, Mode (auf Facebook „Idlehand“ suchen), Kitsch, Hangout.

 

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09 2014 The Red Bulletin

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