Steve Aoki

Die Nächte des Steve Aoki

Bilder: Dylan Don (Portraits), Erik Voake (Reportage)
Text: Steve Appleford

Seine Sets sind ebenso legendär wie sein Terminkalender: DJ-Superstar Steve Aoki weiß, wie man zur globalen Musik-Marke wird. Steve Appleford verbrachte ein paar schlaflose Tage in Las Vegas und L. A. mit dem Mann, der die DJ-Kultur verändert hat.

Kurz vor ein Uhr morgens, eine Luxussuite im MGM Grand Hotel, Las Vegas. Vor Steve Aoki liegt eine Nacht aus Champagner, Kunstnebel und Zuckerguss mit Vanille­geschmack. Und ein Laptop, auf dem er durch 160 Tracks scrollt. „Diesen ganzen Shit“, ruft er den Freunden und seiner Crew zu, die auf den Couches der Suite herumlungern, „diesen ganzen Shit werde ich heute spielen!“ Springt auf, streckt die Fäuste in die Luft. 

„Yeah, yeah, yeah, yeah!“

Es klopft an der Tür. Zwei Sicherheitsleute in X-Large sind da, um den Superstar und seine Entourage in den berühmten Nachtclub des Hotels zu eskortieren, das Hakkasan. Aoki, langärmliges Shirt, babyblaue Jeans, hellblaue High-Top-Sneaker, klatscht in die Hände. Schnappt den Laptop, folgt den beiden Hünen durch das Casino des Hotels, vorbei am Rasseln und Blinken der Spielautomaten.

Live-Wahnsinn

In diesem Video bekommt ihr eine gute Vorstellung davon, was bei Steve Aokis Gigs live abgeht!

Das Hakkasan ist die Heimat von DJ‑Größen wie Calvin Harris und Tiësto. Hier zu spielen ist eine große Sache, für so ziemlich jeden DJ auf der Welt. Müsste man Steve Aokis Stellenwert als DJ in ­einem Satz formulieren, er würde wohl lauten: Er ist im Hakkasan seit April 2013 permanent engagiert.

Im Club entfesselt er dann einen Tsunami an Beats, gemischt mit Rock aus den Neunzigern, Nirvana, Oasis. Die Tanzfläche bebt, die Lichtinstallationen sind Aokis bärtigem Gesicht nachempfunden. Ein Fan stürmt auf die DJ-Kanzel zu und hebt sein Handy, auf dem Screen leuchtet: „I love U … a selfie?“ Aoki winkt ab. Keine Chance jetzt, keine Zeit, nicht einmal für ein Foto. Zu viele Fans schreien in seine Richtung: „Cake me! Cake me!“

Hinter ihm in der Kanzel warten seine Markenzeichen: sechs weiße Torten, frisch aus der Konditorei geliefert. Der Name seines Plattenlabels Dim Mak ist in blauem Zuckerguss auf jede einzelne geschrieben – oder, um genau zu sein: Nicht „Dim Mak“ steht drauf, sondern „Dim Mack“. Die orthografische Respektlosigkeit des Patissiers im MGM beschäftigt Aokis Road Manager: Er schabt sechs C von sechs Torten. Denn wenn die auch nur dazu dienen sollen, Club-Besuchern an den Kopf geworfen zu werden: Wer mit Steve Aoki arbeiten möchte, nimmt das Thema Markenbildung besser nicht auf die leichte Schulter. 

Aoki sieht einen Kerl in der wirbelnden Masse, auf den Schultern eines Freundes. Er bettelt so überzeugend, dass er das weiße, fluffig weiche, cremige Ding mitten ins Gesicht bekommt. Der Bursche quittiert die Ehre, von Steve Aoki getortet worden zu sein, mit einem ekstatischen  Ausbruch und schafft es tatsächlich, die klebrige Masse für den Rest der Nacht nicht aus dem Gesicht zu wischen. 

Yeah, yeah, yeah, yeah.

Steve Aoki

Im Hakkasan spielen nur DJ‑Superstars wie Tiësto oder David Guetta. Seit 2013 hat Steve Aoki hier ein Dauer-­Engagement.

Das letzte Jahrzehnt meinte es gut mit den Männern hinter den Decks: Elektronische Tanzmusik, kurz EDM, hat Typen wie Harris, David Guetta oder Aoki zu globalen Namen gemacht. 2014 knackte Aoki zum ersten Mal die „Forbes“-Liste der Bestverdiener unter den DJs, das US‑Wirtschaftsmagazin schätzt ihn auf 23 Millionen Dollar Jahreseinkommen. 

Verdient man im Schnitt eine knappe halbe Million pro Woche, nur weil man Torten auf Leute wirft? „Eine Killer-Show zu haben reicht nicht“, sagt Aoki. „Du musst weiter denken. Weißt du, Entertain­ment ist ein Geschäft. Und so wie ich das Geschäft sehe, überlappen sich die einzelnen Bereiche darin ganz organisch.“

„Dad wollte, dass ich das Business auf die harte Tour lerne.“
Steve Aoki

Der heute Siebenunddreißigjährige hatte von klein auf ein richtig gutes Vorbild im Aufbauen eines Business. Vater ­Hiroaki „Rocky“ Aoki, der 2008 im Alter von 69 Jahren verstarb, gründete eine sehr erfolgreiche Kette von Teppanyaki-Restaurants, in denen die Köche für allerlei Showeinlagen sorgten. Rocky Aoki war ein Marketing-Perfektionist. Das Logo ­seiner Benihana-Kette prangte auch auf dem Heißluftballon, mit dem er als erster Ballonfahrer den Pazifik überquerte. Aoki senior liebte Speedboote, Sportautos und Gemälde von Andy Warhol. 

Sohn Steve brach, wie sich das für einen asiatischen Teenager in der privilegierten weißen Enklave Newport Beach gehört, zunächst einmal aus, spielte in ein paar Hardcore-Bands und lernte Musikgeschäft und Tourleben von der Pike auf kennen.

Geld war deswegen kein Thema, weil es keins gab. Der Alltag sah so aus: Er fuhr in irgendeine Stadt, spielte dort vor dreißig Leuten chaotische Live-Shows, in denen Band und Publikum irgendwie miteinander verschmolzen, und übernachtete danach in einem Keller irgendwo in der Nähe.

Aoki war neunzehn und Student, als er Dim Mak gründete. Er und drei Freunde warfen je ein paar hundert Dollar in den Topf. Von Rocky Aoki bekamen sie nichts. „Pa wollte, dass ich auf die harte Tour lerne. Unabhängig von ihm.“ 

Das mit der Unabhängigkeit nahm der Sohn aber mindestens ebenso ernst wie der Vater. „Steves Dad war ein Patriarch, der eine super erfolgreiche Restaurantkette führte, die für ihre Steaks berühmt war“, sagt Matt Colon, Steve Aokis langjähriger Manager. „Der Junge lebte vegan, dachte feministisch und gründete eine kommunistische Partei in Santa Barbara.“

Als einer der ersten Acts kamen The Kills bei Dim Mak unter Vertrag, heute ein international anerkanntes Indie-Rock-Duo, dann machte er die britische Band Bloc Party in den USA bekannt. Aoki eilte bald ein Ruf als Trendsetter voraus, seine „Dim Mak Tuesday“-Events in Hollywood waren Pflichttermine. „Zu seinen Partys schickte man coole Bands, wenn man sie bekannt machen wollte“, sagt Colon. Bei diesen Partys stolperte Aoki irgendwie ins DJing. Er nannte sich spaßhalber „Kid Millionaire“, obwohl er einen alten, klapprigen Isuzu Rodeo fuhr. Er trieb sich in der Celebrity- und Fashionista-Szene rum und mischte obskure elektronische Musik mit Britney-Spears-Songs.

„Wir alle wuchsen mit Punk Rock auf“, sagt Bryan Linares, der bei Dim Mak vor acht Jahren als Praktikant anfing. „Damals lebte man irgendwie in einer Blase. Das hat sich komplett geändert. Die Leute sind offener geworden. Geh zu einem ­Festival, da siehst du Jay-Z, wie er sich The xx von der Seitenbühne aus ansieht. Das ist die Zukunft.“ 

Aoki sah, wie größere Labels zusammen mit der Musik verschwanden, auf die sie sich spezialisiert hatten. Er hielt sein Label offen: Seit 2008 bringt Dim Mak Platten von EDM über Dubstep und Drum ’n’ Bass bis zu Electro heraus, bis 2014 insgesamt 500 Alben. Er heuert Leute an, „die vorn leben, an der Front, dort, wo Musik entsteht und gelebt wird“, sagt Aoki.

Steve Aoki

Die Fans wissen, was sie von Steve Aoki zu erwarten haben: „Cake me! Cake me!“ Und der Meister kommt dieser Aufforderung natürlich sehr gerne nach.

Doch die Richtung gibt letztlich er selbst vor, mit seiner Neugier, mit seiner Erfahrung und dem Background von 300 Tagen pro Jahr auf Tour.

Die letzten paar Monate verbrachte Aoki damit, seinem neuen Album „Neon Future, Vol. 2“ den letzten Schliff zu ­verpassen. Das Album lässt Beats und Texturen kollidieren und sprengt Genres: Aoki arbeitet mit Snoop Dogg zusammen, mit Linkin Park oder Rivers Cuomo von Weezer. Das Album ist Beleg für Aokis Entwicklung. Der Vorgänger „Neon Future, Vol. 1“, herausgekommen letztes Jahr, war der ultimative Party-Beschleuniger. In „Vol. 2“ fügt Aoki Balladen hinzu – und ein paar Tränen. Der Track „Home We’ll Go“ vermengt hellen Electro mit akustischen Einschlägen der kanadischen Rockband Walk off the Earth und klingt, als wären Mumford & Sons zusammen mit Daft Punk in eine Bar marschiert, um dort zu jammen. 

„Der größte Unterschied ist, dass der emotionale Grundton dieses Albums ein bisschen dunkler, ein bisschen tiefer ist“, sagt Aoki.

Zwei Tage nach dem Hakkasan-Set ist Aoki zurück in L. A. für einen Management-Tag. Ein Meeting nach dem anderen, auch ein Besuch seines Labels in Downtown soll sich ausgehen. In 24 Stunden wird er in einem Jet zu ein paar Wochenend-Gigs im Bundesstaat Indiana fliegen. „Manchmal fühle ich mich wie ein Zombie“, sagt er.

Im Büro seiner Managementfirma in Beverly Hills trifft Aoki die Organisatoren des Air + Style-Events von Snowboard-­Superstar Shaun White. Es soll eine ­Mischung aus Coachella-Musikfestival und X Games werden, mit Aoki in der Kanzel an der Spitze der 50 Meter hohen Rampe des Events. Das ist der Plan. Aoki lehnt sich am Tisch vor, starrt stumm auf die Planskizzen, steht dann auf, geht raus auf den Balkon, etwa 15 Meter über dem Wilshire Boulevard. 

„Die Rampe wäre dreimal so hoch“, ruft er in den Raum, beinahe lachend. „Die Leute werden mich überhaupt nicht sehen können. Versteht mich nicht falsch. Ich liebe Snowboarden, und ich beginne gerade mit dem BASE-Jumpen. Also finde ich die Idee ja cool. Aber die Bühne hat eigene Regeln. Sorry, das wird so nicht klappen.“
Im nächsten Meeting ist mit Colon die Freigabe mancher Signature-Tracks fürs neue Album zu besprechen, etwa beim folkigen „Home We’ll Go“ braucht das ­seine Zeit. Aoki rollt mit den Augen, „so ermüdend das alles“, sagt er. „Dieser elende Papierkrieg kann so vieles kaputtmachen.“

Die Richtung in seinem Label gibt er selbst vor, mit seiner Neugier, seiner Erfahrung und dem Background von 300 Tour-Tagen pro Jahr.

Später Nachmittag, die Müdigkeit fordert ihren Tribut. Die Zeit seit dem Gig im Hakkasan hat er hauptsächlich im Studio verbracht, um das neue Album fertig zu bekommen. Seine Schuhe hat er bereits ausgezogen, die Augenlider werden schwer. Langsam rollt er sich in der Ecke der Bürocouch ein. Bald wird ein Fahrer kommen und ihn mitnehmen. Dann geht die Arbeit an „Vol. 2“ weiter. 

„Sobald ich alles fertig kriege, gönn ich mir eine Pause und geh snowboarden oder so“, sagt er. „Wenn ich das überhaupt irgendwann einmal alles fertig­ kriege.“

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04 2015 The Red Bulletin

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