Giorgio Moroder

„Ich will meinen Schnauzer in den Ruhestand schicken“

Text: Florian Obkircher
Bild (Rechts): Anna Maria Zunino Noellert

Discokönig Giorgio Moroder im Interview mit The Red Bulletin übers Golfspielen, die nächste Donna Summer, Daft Punk und seinen Porno-Balken

1977 schrieb Giorgio Moroder einen Hit, der die Clubmusik revolutionierte. „I Feel Love“ vereinte erstmals den treibenden Beat der Disco-Ära mit modernen, hypnotischen Synthesizer-Sounds. Ein Mix, der Avantgarde-Musiker wie Brian Eno und die Tänzer im Studio 54 gleichermaßen begeisterte.

In den Folgejahren arbeitete der Italiener mit Stars wie David Bowie oder Blondie und komponierte die Musik für Hollywood-Filme wie „Flashdance“ und „Midnight Express“. 1990 verabschiedete sich Moroder dann aber in den musikalischen Ruhestand. Und dort wäre der Südtiroler noch immer, hätten ihn Daft Punk nicht 2013 mit einer Kollaboration zurück ins Rampenlicht geholt. Seit dem ist der Musiker wieder im Studio aktiv und veröffentlicht dieser Tage sein Comeback-Album „Déjà Vu“, auf dem er mit Gastsängerinnen wie Kylie Minogue, Foxes und Charli XCX ans Mikrofon bittet und zeigt, wer der wahre Discokönig ist.

THE RED BULLETIN: Zwischen Ihrem letztem Album und dem neuen liegen fast 30 Jahre. Was haben Sie in der Zwischenzeit getrieben?

GIORGIO MORODER: Viel und nichts. Ich habe einen Kurzfilm gemacht, ein paar Lieder produziert und Golf gespielt. Zwei Jahre lang habe ich in Paris gelebt – und eigentlich auch nicht viel gemacht. Außer die Aufnahmen für das Daft-Punk-Album. Aber die haben auch nur drei Stunden gedauert. Ach ja, 1992 habe ich ein Auto entworfen.

Ein Auto?

Ja, einen Sportwagen mit dem Namen Cizeta-Moroder. Ein wunderbares Auto, 16 Zylinder! Es wurden zirka 20 Stück hergestellt, ich besitze den Proto-Typen.
 

I feel Love 

Mit „I Feel Love“ gesungen von Donna Summer revolutionierte Moroder 1977 die Clubmusik

Was ist Ihr Handicap beim Golf?

Ungefähr 5.60. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen: Wenn man ein gutes Handicap kriegen will, muss man viel trainieren. Ich habe aber nie an Wettbewerben teilgenommen, mir geht’s immer um den Spaß am Spielen mit meiner Frau.

Beim Golf ist der Puter das Eisen zum Einlochen. Was wäre das Pendant in der Musik? Was braucht man, um einen Hit abzurunden?

Das wäre vermutlich das Mixing. Wenn alles fertig aufgenommen ist, dann sagt man unter Musikern in der Branche: We’re going to fix it in the mix. Das heißt: Das Abmischen ist ein heikler, sehr wichtiger Prozess. Um sicherzustellen, dass die Lautstärken der verschiedenen Instrumente ausgeglichen sind. Und dass man die Stimme klar hören kann. Als Produzent hört man sich den Mix wieder und immer wieder -wochenlang - bis endlich alles passt.

„Ich will den ganzen Club zum Tanzen bringen“
Giorgio Moroder

Auf Ihrem neuen Album arbeiten Sie mit jungen Sängerinnen wie Charli XCX zusammen, die vom Alter her ihre Enkelin sein könnte. Wie haben Sie Ihre Partnerinnen ausgewählt?

Ich habe etablierte Künstlerinnen wie Kylie Minogue dabei, einige Sänger um die 30, wie Mikky Ekko und Matthew Koma. Und dann noch ein paar ganz junge Talente, wie Foxes und Charli XCX. Mir war wichtig, dass für jede Altersstufe jemand auf dem Album vertreten ist. Es ist wie bei einem DJ-Set: Man will den ganzen Club zum Tanzen bringen.

Wer von den jungen Sängerinnen hätte denn das Zeug zur neuen Donna Summer? Zur nächsten großen Disco-Queen?

Es gibt derzeit so viele junge Talente. Rita Ora liebe ich heiß, genau wie Ariana Grande. Charli XCX ist auch sehr gut. Aber ganz ehrlich: Eine so große Stimme wie Donna? Da kommt von den Jungen niemand heran.
 

 

„Déjà Vu“

Giorgio Moroders Comeback-Album „Déjà Vu“ erschien bei Sony Music.

Der Titel ihres neuen Albums ist „Déjà Vu“. Welchen Ratschlag würden Sie Ihrem 24-jährigen Ich durch die Zeitmaschine schicken?

Ich würde meinem jüngeren Ich raten: „Mach alles genauso wie ich es gemacht habe. Sitz jeden Tag im Studio und hab nicht viel vom Leben.“ Nein, Scherz. Aber Arbeit und Fleiß sind sehr wichtig. Ein noch wichtigerer Ratschlag: „Verliere nie deine Neugierde.“ Als Münchner muss man auch einmal nach England oder nach Amerika ziehen, um Neues kennenzulernen. Man muss offen sein und den Drang haben, es unbedingt zu schaffen. Sonst klappt’s nicht in der Musikbranche.

„Wenn ich mich in ein paar Jahren endgültig aus dem Musikgeschäft verabschiede, dann schicke ich auch meinen Schnauzer in den Ruhestand“
Giorgio Moroder

Wenn Sie jetzt nach 30-jähriger Pause wieder ins Profi-Musikgeschäft zurückkehren, welche Neuerungen überraschen Sie?

Dass es heute notwendig ist, zu wissen, wie man Social Media effektiv einsetzt. Das ist für den Einstieg ins Musikgeschäft heute unabdingbar. Digitale Selbstvermarktung schaut einfach aus. Aber man muss genau wissen, wie es funktioniert.

Wissen Sie, wie’s funktioniert?

Nein. Ich überlasse meine Social-Media-Seiten meinem Management. Ich lese gern Facebook-Kommentare, aber ich beteilige mich nicht an den Diskussionen. Wenn ich einmal einen Tag frei habe, dann gehe ich lieber Golfspielen als vor dem Computer zu sitzen.

Was Daft Punk ihre Roboterhelme sind, ist Ihnen der Schnauzbart. Wie sind Sie zu dem Markenzeichen gekommen?

Das liegt 40 Jahre zurück. Damals gab es ein paar Rockgruppen aus England, die hatten riesige Schnauzer. Und ich dachte mir, so etwas will ich auch haben. Die ersten Schnauzer waren schlimm. Viel zu groß! Peinlich, wenn man das heute sieht. Später hatte ich dann einen kleineren Schnauzbart, das sah dann ganz okay aus. Erst in den 1980er-Jahren meinte eine Freundin zu mir: „Wie wär’s, wenn du dir das Ding wegschneidest.“ Es brauchte gar nicht viel Überredungskunst, ich wollte ihn ohnehin loswerden.

Heute tragen Sie ihren Pornobalken aber wieder mit Stolz, oder?

Vor ein paar Jahren meinte meine Frau, dass sie ihn vermisst. Sie schaute sich alte Fotos an und sagte: „Giorgio, du hast doch so gut damit ausgesehen.“ Aber ganz ehrlich: Wenn ich mich in ein paar Jahren endgültig aus dem Musikgeschäft verabschiede, dann werde ich sicher auch meinen Schnauzer in den Ruhestand schicken.

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05 2015 Redbulletin.com

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