Dorian Concept

„Ich verwende den Synthesizer bewusst falsch“

Interview: Florian Obkircher
Foto: Philippe Levy

Es kommt nicht darauf an, welches Instrument du spielst, sondern wie du es spielst. Der Wiener Dorian Concept wurde mit einem Billig-Keyboard zum Star des Electronic Jazz.

Der microKORG sieht aus wie ein Spielzeug-Synthesizer: schmale Plastiktasten, bunt blinkende Knöpfe, altmodisches ­Digital-Display mit drei Ziffern. Der Preis: schlanke 300 Euro. Die meisten Profi­musiker würden das handtaschengroße Keyboard nicht einmal im Proberaum aufstellen.

„Ich verwende den Synthesizer bewusst falsch. Ich spiele ihn wie ein Jazz-Saxophon.“
Dorian Concept

Dorian Concept machte es zu seinem Markenzeichen – und avancierte so zum Star der Elektronikszene. Seit der Veröffentlichung seines gefeierten Debütalbums „When Planets Explode“ (2009) tritt der Wiener fast jedes Wochenende in Live-Clubs zwischen Mumbai und Los Angeles auf, 2010 sogar in Londons Royal Albert Hall. Concepts YouTube-Videos werden millionenfach geklickt. Der britische Radiomacher Gilles Peterson preist ihn gar als den „neuen Joe Zawinul“.

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THE RED BULLETIN: Wieso spielt man Jazz mit einem Kinder-Keyboard?

Dorian Concept: Der microKORG hat einen Ruf als so ziemlich schlimmster Synthesizer aller Zeiten. Genau das finde ich spannend.

Es geht also um die Herausforderung?

Genau. Als Jugendlicher ging ich oft zu Jazz-Live-Sessions und war fasziniert vom Können dieser Musiker. Von deren Leidenschaft, ihr Instrument fünf Stunden pro Tag zu üben, um richtig gut zu sein. Ich nahm auch selbst Klavierunterricht. Aber ich merkte schnell, dass Handwerk nicht alles ist. Dass es oft wichtiger ist, das im Unterricht gelernte Wissen wieder zu ­vergessen, um sich seinem Instrument ­anders nähern zu können. Seine eigene musikalische Sprache zu finden.

Wie klingt Dorian Concepts Sprache?

Ich verwende den microKORG bewusst falsch. Nicht wie einen Synthesizer. Ich improvisiere damit wie mit einem Jazz-Saxophon. Mit der rechten Hand spiele ich die Melodien, mit der linken schraube ich an den Effekt-Knöpfen. Ich habe es mir wohl als Einziger angetan, die Möglichkeiten dieser Billig-Kiste auszuloten.

Wann hast du gemerkt, dass dieser Anti-Ansatz fruchtet? 

2006 suchte ich auf YouTube nach Videos über den microKORG, um zu sehen, wie andere Leute ihn verwenden. Aber es gab nichts Interessantes. So machte ich selbst fünf kurze Videos. Daheim aufgenommen mit meiner alten USB-Kamera. Die Videos hatten schnell über eine Million Klicks.

Vier Jahre später bist du dann in der ­Royal Albert Hall in London aufgetreten. Vor 5000 Besuchern. Kein schlechter Aufstieg.

Ich wurde von meinen musikalischen ­Helden zu dem Aufritt eingeladen: dem ­Cinematic Orchestra. Es war super. Auch wenn ich mich bei großen Konzerten und Jazz-Festivals oft etwas schräg fühle. Wenn vor mir eine opulente Band spielt – und ich dann mit meinem Mini-Synthe­sizer auf der Bühne stehe.

Dorian Concept

© Yusaku Aoki / Red Bull Content Pool

Wie nehmen dich deine Kollegen wahr?

In der Elektronikszene gelte ich als ­virtuoser Sonderling, im Jazzbereich bin ich der seltsame Typ mit dem Spielzeug-Keyboard. Ich bin ein überall Außen­seiter, aber ich genieße das.

Wie erklärst du dir deinen Erfolg?

Originalität ist heute wichtiger denn je. Du musst etwas Außergewöhnliches ­machen. So wie als Jazzer ein Spielzeug-Keyboard spielen, zum Beispiel.

Wie bezeichnest du deinen Stil?

Ein Journalist meinte einmal, meine ­Musik klingt wie ein Jazzkonzert in einer japanischen Spielhölle. Ich stehe auf bunte Musik, die immer in Bewegung ist. Das hat mit meiner kurzen Aufmerksamkeitsspanne zu tun. Schon als Kind mochte ich die Werbeunterbrechungen beim Fern­sehen lieber als den eigentlichen Film.

Wie viele MicroKORGs hast du im Laufe deiner Karriere schon verschlissen?

Drei. Einer ging kaputt, einen hab ich verloren, aber dem dritten geht’s noch ganz gut. Auch wenn ihm sechs Tasten fehlen.

Du trittst trotzdem noch damit auf?

Klar. Du besorgst dir ja auch keinen neuen Hund, nur weil dein alter und nicht mehr so gut gehen kann, oder?

Interessanter Vergleich …

Ich sehe fehlende Tasten als Heraus­forderung. Du bist gezwungen, dir andere Melodien zu überlegen. Nicht die offensichtlichen. So kommst du auf ganz neue.

Um bei dem Bild zu bleiben: Wie viele Tasten müssen fehlen, dass du deinen microKORG einschläfern lässt?

Bei sieben fehlenden Tasten wird’s eng. Schließlich hat er im Neuzustand nur 37. Wird also wohl bald Zeit für einen neuen Kompagnon, auch wenn ich mich schwer vom alten trennen kann.

DORIAN CONCEPT

Geburtsdatum/-ort
16. September 1984 in Wien

Neues Album
Auf „Joined Ends“ spielt Concept vorwiegend das Wurlitzer E-Piano. „Es hat mehr Tasten als der microKORG“, sagt er. „Ich will mich stärker aufs Spielen konzentrieren.“

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12 2014 The Red Bulletin

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