Keanu Reeves und seine Liebe zu Custom-Bike

Easy Rider
Keanu Reeves

Text: Ann Donahue
Fotos: Peter Yang

Keanu Reeves wollte ein Custom-Bike von Custom-Bike-Guru Gard Hollinger. Doch Hollinger wollte mehr: Er hatte die Idee zu einem revolutionären Projekt. Zehn Jahre später feiern die beiden die Geburt einer Schönheit aus Kohlefaser und Stahl. 

Du hörst Keanu Reeves, bevor du ihn siehst. Er kündigt sich durch ein raues Grollen an, das zwischen den Lagerhallen des Viertels näher rollt, und ­allein der Sound ist schon beeindruckend, nicht nur weil das ein sehr schöner Sound ist, für jemanden, der Motorradsounds mag, sondern auch weil es ein sehr lauter Sound ist, jedenfalls laut genug, um die Alarmanlagen der umstehenden Autos zu beunruhigen.

Keanu Reeves, ganz in Schwarz, biegt dann in eine Lagerhalle ein und lenkt sein Motorrad durch die Lobby, am Empfang vorbei. Der Fairness halber sei erwähnt: Er darf das, die Lagerhalle gehört ihm nämlich. Dann nimmt er seinen Helm ab und sagt fröhlich: „Ciao!“

Das Motorrad, das Keanu Reeves fährt, ist eine KRGT-1 aus der Produktion der Arch Motorcycle Company. Es ist sein eigenes Bike – nicht im „Er hat es gekauft“-Sinn, sondern im „Er hat es gebaut“-Sinn. Denn er hat Arch gemeinsam mit dem Customizer-Urgestein Gard Hollinger gegründet. Seit kurzem bieten die beiden die KRGT-1 zum Kauf an.

Promi-Marken sind ja so ein Ding. Ohne Namen nennen zu wollen, können wir uns wohl darauf einigen, dass kein Mangel an Produkten herrscht, die mehr kosten, als sie wert sind, nur weil irgendein Promi sein Gesicht dafür hergibt. In diesem Fall ist das aber völlig anders.

Keanu Reeves, der Besessene

Reeves ist ein Motorrad-Besessener, in der Dimension von: Jemand ­erduldet die Banalitäten des Erwachsenseins, während er von den Dingen träumt, die ihm wirklich Freude bereiten. Arch ist der endgültige Ausdruck einer Faszination für Motorräder, die in Reeves’ Kindheit begann und in seinen Zwanzigern so richtig Fahrt aufnahm.

Keanu Reeves mit seiner Arch KRGT-1

In der Werkstatt: Keanu Reeves und eine KRGT-1 vor der Auslieferung an einen Kunden. Bestellungen ­werden einzeln ­abgearbeitet. ­Stückpreis: 78.000 Dollar.

 „Mit 22 drehte ich in München am Bavariafilmplatz“, sagt er (für „Abenteuer im Spielzeugland“ mit Drew Barrymore, 1986; Anm.). „Da war ein junges Mädchen mit einer Kawasaki Enduro. Ich bat sie, mir zu zeigen, wie man mit dem Ding fährt. Dann kurvte ich dort auf dem Parkplatz herum, und als ich zurück in Los Angeles war, legte ich mir eine Enduro zu.“

Seither kann man Keanu Reeves’ ­Leben in einem Satz ­zusammenfassen: Wenn er nicht dreht, fährt er. Zum Beispiel gemeinsam mit Freunden auf ausgiebigeren Trips durch Big Sur in Kalifornien, durch Nordaustralien oder entlang der Route Napoléon in Frankreich. Dreht er außerhalb von Los Angeles einen Film, kauft er ein gebrauchtes Motorrad für die Wege des Alltags, vom Hotel zum Set und zurück. Sind die Dreharbeiten zu Ende, verkauft er es wieder. Zumindest ist das der Plan. („Ich habe auf diese Weise vier oder fünf Motorräder gesammelt. Na gut, vielleicht eher sechs oder sieben …“, sagt er. „Oder warte … wenn ich nachzähle, acht, neun …“)

„Als ich ‚My Private Idaho‘ drehte, fragte ich den Regisseur Gus Van Sant: ‚Also, welches Motorrad werde ich fahren?‘“, erzählt Reeves dann weiter. „Und er kam mit einer kanariengelben ’71er-Norton-Commando an. Der Requisiten-Typ fragte: ‚Weißt du, wie …?‘, und ich nur so: ‚Ich habe so eine, Mann. Quasi Heimspiel für mich.‘“

„Was, wenn das Bike schön aussieht, aber scheiße zu fahren ist?“
Reeves' größte Sorge

Finanziell war die Gründung von Arch für Reeves kein besonderes Risiko – seine Filme spielten fast zwei Milliarden Dollar ein. Aber es gab dann doch die Gefahr, dass das Business zu sehr Business wird, man denke nur an Themen wie Skalierbarkeit der gefertigten Teile. Und dann gab es Zweifel: Was, wenn das Bike schön aussieht, aber scheiße zu fahren ist? Was, wenn es hammermäßig auf der Straße liegt, aber wie ein Panzer aussieht? Oder: Was, wenn das Bike einfach nicht funktioniert und das ganze Projekt im Mülleimer landet?

„Die Wahrheit ist, dass man bereit sein muss, Niederlagen einzustecken, um Erfolg zu haben“, sagt Gard Hollinger, ­Keanu Reeves’ Partner. „Erfolg hat man nur, wenn man ­bereit ist, weiterzumachen und weiterzumachen und weiterzumachen. Egal was passiert.“ Schlussendlich dauerte es fast zehn Jahre, bis es die KRGT-1 vom Konzept in den Verkauf geschafft hatte. 

Aber jetzt steht sie da.

„Wenn ich damit rumfahre, rufen mir Leute zu: ‚Das ist das fantastischste Motorrad, das ich jemals gesehen habe!‘ So was macht Spaß“, sagt Reeves. „Hinter uns liegen zehn Jahre. Aber sie haben sich gelohnt. Heute weiß ich: Dieses Bike wollte auf der Welt sein. Es macht mich unfassbar glücklich, auf dieser Maschine zu sitzen.“

Keanu Reaves im Portrait

Hollywood-Star als Motorrad-Macher: Keanu Reeves

THE RED BULLETIN: Wie habt ihr beide euch kennengelernt?

KEANU REEVES: Ich hatte eine 2005er Harley Dyna Wide Glide und wollte sie customizen lassen. Und zwar nach den Vorstellungen, die ich nach dem Blättern in Prospekten hatte … also Anfängerfehler Nummer 1. Dann folgte Anfängerfehler Nummer 2: Man hatte mir Gard gerade vorgestellt, da bat ich ihn um eine Sissybar (eine Sozius-Rückenlehne; Anm.), und er meinte nur: „So was mach ich nicht.“ Darauf ich: „Was machst du dann?“ Also führte er mich in seinem Geschäft herum. Vielleicht etwas widerwillig zu Beginn …?

GARD HOLLINGER: Erzähl ruhig weiter. (Zur Interviewerin:) Keanu tut immer so, als hätte ich ihn damals verhört.

REEVES: Hast du auch. Du warst nicht das, was man zugänglich nennen würde, Mann. 

Ich hatte früh beschlossen, die Sache auf meine Art zu tun, selbst wenn ich dabei verhungere.
Custom-Bike-Guru Gard Hollinger

Gard, du hattest damals schon 20 Jahre Erfahrung im Bauen von Custom-Bikes. Was hat dich so fasziniert?

HOLLINGER: Ich hatte früh beschlossen, die Sache auf meine Art zu tun, selbst wenn ich dabei verhungere. Ich habe zu vielen Jobs nein gesagt, Kunden abgesagt. Es war nicht mal persönlich gemeint. Aber klar, als Keanu dafür Verständnis zeigte, war es leichter …

REEVES: Gard fragte mich, was ich mit dem Bike anstellen will. Ursprünglich wollte ich damit Touren fahren, ein Bike, das sich gut handeln lässt, mit V-Motor und Satteltaschen.

HOLLINGER: Ich habe mir echt Mühe gegeben, hinzukriegen, was Keanu wollte. Aber wir kamen immer wieder an Punkte, wo Funktion und Form einfach nicht zusammenpassten. Er war dann immer groß darin zu sagen: „Nein, nicht die Form ändern! Wir ändern die Funktion ein bisschen.“

Keanu Reeves mit seiner Arch KRGT-1

Testfahrer Nr.1: Das Feedback von Keanu Reeves floss unmittelbar in die Entwicklung der Maschine ein.

Wie lange ging das so hin und her?

REEVES: 2007 begannen wir mit dem Bau des Prototyps. Als der fertig war, fuhren wir ihn beide und dachten, dass er ziemlich okay war. Er war wunderschön. Die Ergonomie, das Handling … ich bin nie zuvor ein Bike wie dieses gefahren. 

Klingt nach einem Lotto-Sechser von einem Bike, auch wenn man daran denkt, das Ding in Serie gehen zu lassen.

HOLLINGER: Aber dann machte ich das, was ich immer mache. Ich sagte: „Lass uns einfach mal dieses eine Bike fertigbauen. Dann reden wir weiter.“ Die Serie hat so viele Einschränkungen. Allein die Frage, wo du die Scheinwerfer montierst … 

REEVES: Und wir wollten etwas Einzigartiges, nicht nur in der Ästhetik, sondern auch im Hinblick auf den Fahrspaß.

Keanu, was war dein Feedback als Testfahrer Nr. 1?

REEVES: Ich bin Testfahrer Nr. 2. Gard ist Testfahrer Nr. 1.

HOLLINGER: Nein, nein. Um ehrlich zu sein, fährt er es sehr viel mehr.

REEVES: Und um ehrlich zu sein, ist das die einzige Art, etwas Substanzielles beizutragen. Ich bin kein Mechaniker, ich habe keine technische Erfahrung. Ich habe ein bisschen Zeit auf Motorrädern verbracht, kann also was darüber sagen, wie sich ein Bike anfühlt. Ich kann Feedback geben, ja, das schon. 

HOLLINGER: Keanu ist bescheiden. Er gab mir immer viel Feedback, und es war gutes Feedback. Das muss ich echt sagen. Und ich fahre schon mein ganzes Leben. 

Keanu Reeves mit seiner Arch KRGT-1

Keanu Reeves: „Dieses Bike wollte auf der Welt sein. Es macht mich unfassbar glücklich, darauf zu sitzen.“

Der Preis für die Maschine fällt mit 78.000 US-Dollar ziemlich happig aus, aber die Fachpresse lobt sie sehr. Was ist das für ein Gefühl?

REEVES: Es ist mit ein Grund, es zu machen. Das Package, das hier zusammengestellt wurde, ist mit keinem anderen Motorrad vergleichbar. Du fährst eine weite Kurve in extremer Schräglage und fühlst dich wohl dabei – es gibt keine Maschine, die das so kann wie diese. 

Ihr habt gemeinsam über ein halbes Jahrhundert Fahrerfahrung. Was geht euch durch den Kopf, wenn ihr mal richtig ordentlich Gas gebt?

REEVES: Was heißt richtig ordentlich?

Sagen wir mal, über 200 km/h.

REEVES: Ich bin gar nicht so oft schneller als 200 gefahren. Ein paar Mal, erinnere ich mich, auf meiner Suzuki GSX-R750 auf einem Highway im Staat New York. Ziemlich interessant.

Todesangst oder Lebenslust?

REEVES: Für mich geht das Hand in Hand. 

HOLLINGER: Wenn du richtig Angst kriegst, lässt du es bleiben. Außerdem: Schnell ist ein relativer Begriff. Bei manchen Verhältnissen können auch 70 km/h zu viel sein.

REEVES: Oh ja, zum Beispiel in den Santa Monica Mountains, wenn du den Motor abdrehst und im Leerlauf den Hügel runterrast, ohne zu bremsen. 

„Todesangst und Lebenslust gehen für mich Hand in Hand.“
Keanu Reeves

Ist Motorradfahren für dich eine Auszeit vom verrückten Hollywood-A-Promi-Dasein?

REEVES: Na ja, nein. Ich weiß nicht, ob ich so lebe …? Für mich gehört Biken zu einem normalen Tag. Wenn ich auf dem Bike sitze, ist das Zeit zum Nachdenken. Man kommt zur Ruhe, fährt, ist ganz bei sich selbst.

HOLLINGER: Das ist etwas, das Keanu mir zurückgegeben hat. Das Fahren war für mich irgendwie zur Routine geworden. So in der Art wie bei einem Schuster, für den ein Paar Schuhe das Letzte ist, was er sehen will. Es war schön, das wieder zurückzubekommen – wenn ich jetzt nicht unbedingt mit dem Auto fahren muss, nehme ich das Bike.

Was war eure allerbeste Motorrad-Ausfahrt?

HOLLINGER: Die nächste. Immer die nächste.

REEVES: In Bezug auf Arch war es, glaube ich, als wir bei der Formel 1 in Austin waren. Es war das erste Mal, dass Gard und ich auf den Bikes unterwegs waren. Ich fragte und fragte herum: „Wo können wir fahren?“ Irgendwer erwähnte Marble Falls (nordwestlich von Austin; Anm.), und so fanden wir uns auf diesen zweispurigen Straßen mit 160 km/h wieder. Ich lachte in meinen Helm hinein, weil alles so perfekt war. Es war großartig, in diesem Moment gemeinsam mit Gard zu fahren, nachdem wir so viele Jahre mit der Entwicklung des Bikes verbracht hatten. Es war die Geburt. Wir brachten das Bike raus in die Welt und taten das, worauf wir all die Zeit gehofft hatten: Wir machten eine gemeinsame Ausfahrt auf dieser fantastischen Maschine.

Keanu Reeves beim Gespräch mit seinem Partner Gard Hollinger

Keanu Reeves beim Gespräch mit seinem kongenialen Partner Gard Hollinger.  

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10 2015 The Red Bulletin

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