Ellphant

Elliphant: „Lass dich nicht ruhigstellen“

Text: Florian Obkircher

Elliphant ist ein Star auf dem Weg zum Superstar. Hier erklärt die schwedische Sängerin, wie sie aus ihren Makeln Kreativität schöpft.

Katy Perry ist ihr Fan („Elliphant ist die coolste Bitch im Musikbiz“), Star-DJs wie Diplo und David Guetta veredeln Hits mit ihrem Gesang: ­Ellinor Miranda Salomea Olovsdotter, kurz: Elliphant. 2012 wurde ihre Debütsingle „Tekkno Scene“ als „FIFA 13“-Soundtrack zum Szene-Hit.

Mit ihrem neuen Album „Living Life Golden“ wird die 30-jährige Schwedin nun die große Popwelt erobern. Ihr Mix aus Pop, Dancehall und Hip-Hop ist so großartig wie durchgeknallt. Zu durch­geknallt für die Charts? Nein, wie Elliphant beweist. Denn anders zu sein kann Erfolg bringen. Du musst dich nur trauen. Und es richtig machen.

© YouTube // ElliphantVEVO

THE RED BULLETIN: Eine Rapperin aus Schweden mit jamaikanischem Akzent macht Electro-Pop. So knackt man doch keine Charts!

ELLIPHANT: Pah, so was höre ich schon seit dem Beginn meiner Karriere. Manager-Typen wollten mir erklären, wie der Hase läuft, man darf seine Hörer nicht überfordern und so weiter. Ich machte ­immer das Gegenteil und mischte alle Genres, auf die ich gerade Bock hatte. Und genau dadurch wurde Katy Perry auf meine Musik aufmerksam.

Haben Sie aus Prinzip oder aus Kalkül alle Regeln des Business gebrochen?

Weil es sich einfach richtig anfühlte. Weil es für mich nicht das eine Genre gibt, in dem ich heimisch bin. Viel zu oft im Leben werden wir zu Entscheidungen gezwungen, dies oder das, immer oder, nie und. Dieser gesellschaftliche Druck ist gefährlich. Deshalb ermutige ich Menschen in meinen Songs, Schwarzweißdenkschablonen zu überwinden. Ich mag Grauzonen-Menschen.

„Ich ermutige Menschen in meinen Songs, Schwarzweißdenk­schablonen zu überwinden.“
Elliphant, 30

Grauzonen-Menschen?

Leute, die unbequem sind, weil sie sich nicht in eine Schublade zwängen lassen. Schon als Teenager wird von dir erwartet, Entscheidungen zu treffen, die deine Zukunft bestimmen. Wenn du dich in keinem der konventionellen Lebensentwürfe wiederfindest, giltst du als Problemfall. Und wirst abgestempelt.

Klingt, als würden Sie aus Erfahrung sprechen.

Mit neunzehn wurden bei mir ADHS und Legasthenie dia­gnostiziert. Endlich hatte ich eine Erklärung dafür, warum es mir so schwerfiel, Regeln stur zu befolgen.

Sie bekamen die Sache mit Medikamenten in den Griff?

Nein, ich begann viel zu verreisen, vor allem nach Indien, um mich selbst zu finden. Dass ich keine Medikamente bekam, war ein Riesenglück.

Inwiefern das?

Menschen, die sich nicht ­unterordnen, werden heute ruhiggestellt. Wen betrifft das? Vor allem Künstler und Kreative. Wenn wir vor 300 Jahren damit angefangen hätten, wäre die Kunstgeschichte um vieles ärmer. Van Gogh hätte sich vielleicht sein Ohr nicht abgeschnitten, aber auch nie seine „Sternennacht“ gemalt.

Wie gehen Sie mit Ihrer Legasthenie jetzt um?

Sie ist mein Markenzeichen! Als Legasthenikerin verdrehe ich Wörter. Mein Songtitel „Ciant Hear It“ müsste eigentlich „Can’t Hear It“ heißen. Aber scheiß drauf!

© YouTube // ElliphantVEVO

Makel als Identitätsstifter und Alleinstellungsmerkmal?

Richtig. Setz dich über Konventionen hinweg. Sie sind nicht naturgegeben, sondern menschengemacht! Amerikanische Ureinwohner schickten ihre Kinder als Teenager eine Woche allein in den Wald. ­Geniale Idee. Und weshalb?

Keine Ahnung.

Damit sie für sich selbst her­ausfinden, wer sie sind und was sie am besten können. Ohne dass es ihnen wer vorschlägt – oder gar vorschreibt. Viele meiner Freunde nahmen nach dem Studium einen Kredit auf, um eine Wohnung zu kaufen. Weil ihre Eltern ihnen dazu rieten. Um den Kredit abzuzahlen, arbeiten sie heute in Jobs, die sie nicht erfüllen. Ist das nicht verrückt?

Was ist die Lösung?

Es ist doch ganz einfach. Weißt du, was die meisten Menschen am Sterbebett sagen? „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben. Statt so zu leben, wie andere es von mir erwarten.“ Ich sag dir was: Ich glaube, sich an diesen Grundsatz zu halten, ist der Schlüssel zu einem erfüllten Leben.

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05 2016 The Red Bulletin

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