nathalie Emmanuel

„Game of Thrones ist eine emotionale Achterbahnfahrt“

Text: Holger Potye
Bild oben: MARK RALSTON/AFP/Getty Images

Iain Glen spielt Ser Jorah Mormont, den früheren Ratgeber von Daenerys Targaryen. Er fiel am Ende der 4. Staffel in Ungnade und wurde von ihr verbannt. Nathalie Emmanuel ist Missandei, Ex-Sklavin, Übersetzerin, Beraterin und beste Freundin von Daenerys Targaryen.

THE RED BULLETIN: Iain, sind Sie überrascht, dass Sie in der 5. Staffel wieder dabei sein dürfen nach Ihrer Verbannung?

Iain Glen: Yeah, ich bin noch immer am Leben und Teil der Serie. Fühlt sich gut an.

Was passiert also mit Ihnen?

Iain: Das darf ich nicht verraten. Aber was ich sagen kann, ist: Ser Jorah wurde am Ende der vierten Staffel von der Person verbannt, die er liebt. Meine Reise durch die neue Staffel unterscheidet sich also grundlegend von den bisherigen Staffeln. Das war spannend zu spielen. Mein Ziel ist es irgendwann wieder die Zuneigung und das Vertrauen von Daenerys zurückzuerlangen. Auf der Reise dorthin treffe ich viele Charaktere, mit denen ich noch nie das Vergnügen hatte gemeinsam vor der Kamera zu stehen. Es wird eine körperlich anstrengende Staffel für Ser Jorah, so viel darf ich auch verraten. Es gibt jede Menge Gefechte auf meiner Reise und ich habe es genossen mich im Schwertkampf zu messen.

Nathalie, Sie sind in der 5. Staffel zum ersten Mal Teil des Hauptcasts. Fühlt sich gut an, oder?

Nathalie Emmanuel: Es ist ganz unglaublich und es kam definitiv unerwartet für mich. Als ich zum ersten Mal die Storyline von meinem Charakter Missandei gesehen habe, hieß es: Du bist 3-5 Episoden dabei, vielleicht später auch immer wieder einmal. Es war überhaupt nicht klar, ob Missandei eine Zukunft in der Serie haben würde. Jetzt bin ich schon die dritte Staffel dabei, und überglücklich, bei einer so großartigen Serie dabei sein zu dürfen.

Wie wird sich Ihr Charakter in der 5. Staffel weiterentwickeln?

Nathalie:  Nun, Ende der vierten Staffel haben Daenerys und ihr Heer Meereen eingenommen und sie hat entschieden erst einmal dort zu bleiben, um Meereen zu regieren. Ich unterstütze sie als Ratgeberin und es entwickelt sich eine besondere Freundschaft zwischen uns. Emilia (Clarke) ist privat eine ganz süße Person, da fiel es mir nicht schwer unsere Freundschaft auch vor der Kamera gut rüberzubringen. Und meine Beziehung zu Greyworm entwickelt sich auch interessant. Missandei verwandelt sich von der meinungslosen Sklavin zu einem freien Menschen. Darum dreht sich für mich alles in der fünften Staffel.

Missandei ist eigentlich ja Übersetzerin. Beherrschen Sie eigentlich die Fantasiesprachen aus der Welt von Westeros tatsächlich oder haben Sie Ihre Sätze auswendig gelernt?

Nathalie: Ich würde gerne sagen können, dass ich die fremden Sprachen in Game of Thrones perfekt beherrsche. Das würde ich gerne, weil ich sie faszinierend finde.

Iain: Gibt es denn überhaupt eine komplette Fantasysprache, die man lernen könnte?

Nathalie: Ich denke schon.

Iain: Ich meine, wenn man unsere Showrunner nach gewissen Worten fragt, liefern sie diese auch. Aber gibt es ein ganzes Wörterbuch mit den Fantasysprachen aus der Serie?

Nathalie: Ich glaube ja. Soweit ich informiert bin, sind unsere Produzenten David (Benioff) und Dan (Weiss) zu einer linguistischen Gesellschaft gegangen und haben gesagt: „Wir machen diese Show, die auf den Büchern von George R.R. Martin basiert und bräuchten Sprachen dafür!“ Und dann haben die Vorschläge gemacht. Und eines Tages tauchte David mit einem dicken Wörterbuch am Set auf und meinte: „Das ist unser Sprachnachschlagewerk!“ Ich habe ihn in der Vergangenheit des Öfteren gefragt: „Wie sage ich das in dothrakisch? Und was heißt das auf valyrianisch?“ Und er meinte dann immer: „Warte einen Moment! Dieses Wort wurde noch nicht erfunden.“ Und kurze Zeit später hatte er es dann. Es gibt eine Art Formel auf der die verschiedenen Sprachen basieren. Er schickt mir zuerst meinen Text auf Englisch und danach bekomme ich ihn in valyrianischer Sprache.

Iain: Inklusive Soundfile, damit du weißt, wie man es aussprechen muss?

Nathalie: Ja, er sagt den Satz in fließendem Valyrianisch vor.

Iain: Valyrianisch mit einem schweren amerikanischen Akzent. (Lacht.)

Nathalie:  Mit einem leichten amerikanischen Akzent! (Lacht.) Und dann bekomme ich den Text Silbe für Silbe inklusive richtiger Aussprache auf Tonband. So lerne ich die Sprachen. Mittlerweile habe ich aber rausgefunden, dass die verschiedenen Sprachen gewisse Rhythmen haben und kann die Vokabeln daher schneller lernen. Die Sprachen in Game of Thrones haben eigene Rhythmen und Formeln. Das hilft.

Wenn Sie einen Dialog auf Dothrakisch führen, wissen Sie also, was Sie sagen?

Nathalie: Meistens ja. Aber wenn es um emotionale Szenen geht, sagen sie dir das extra, damit ich weiß, welche Wörter ich besonders betonen muss. Das hilft mir. Übersetzer übersetzen den Text und hören zugleich zu. Das passiert meist gleichzeitig. Daher warte ich oft auf ein bestimmtes Wort meines Gegenübers, damit ich weiß, wo im Text wir gerade sind.

Iain, die Serie ist für Ihre besondere Darstellung von Sex und Gewalt bekannt. Sind Sie der Meinung, dass man da kompromisslos sein muss? Und haben Sie Angst, dass beides einmal over the top sein könnte? Wo liegen die Grenzen?

Iain: Ich glaube nicht, dass wir jemals over the top sein könnten. Sex und Gewalt gehören zur Show um die Geschichte, die wir erzählen, plausibel zu machen. Es ist eine der Grundfesten der Serie. Man muss glauben können, dass das, was in Game of Thrones passiert, tatsächlich einmal hätte passieren können. Die Politik, die Machtspiele zwischen den einzelnen Häusern – das alles wirkt echt. Wenn wir uns unsere eigene Geschichte vor Augen rufen, werden wir ähnliche Dinge finden wie in der Serie: die Brutalität des Mittelalters, die ethnischen Säuberungen. Das hat es alles gegeben und gibt es noch. Es geht um Dynastien, die sich bekriegen und furchtbare Dinge passieren in dieser Welt. Wir versuchen in der Show immer ehrlich und echt zu sein. Auf der anderen Seite findet man in derselben Serie, sehr behutsam erzählt, wunderschöne Liebesgeschichten zwischen bestimmten Charakteren. Wie zum Beispiel auch bei Nathalies Charakter. Ich finde der Gesamtmix stimmt.

Nathalie: Es ist eine Show für Erwachsene. Wenn du den Sex oder die Brutalität weglassen würdest, würde man die Intelligenz des Publikums untergraben. Beide Aspekte sind wichtig für die Authentizität. Sonst wäre das eine komplett andere Show.

Iain: Ich würde sogar sagen, dass die Serie von Natur aus nicht politisch korrekt ist. Schauen wir uns nur den Charakter von Peter (Dinklage) an. Er wird als Zwerg praktisch die ganze Zeit herumgestoßen. Stellen Sie sich mal vor es käme jemand ans Set der sagt: „Ich bin mir nicht sicher, ob die Art und Weise wie mit Zwergen in dieser Show umgegangen wird, adäquat und angemessen ist. Wir müssen politisch korrekt vorgehen!“ Ich glaube nicht, dass das dem Publikum gefallen würde. All diese Dinge passieren im richtigen Leben. Unsere Welt ist nicht politisch korrekt. Wir würden einige essentielle Dynamiken der Show ändern. Aber das Tolle daran ist, dass Tyrion trotz aller Widrigkeiten seinen Weg geht. Ich glaube das Publikum mag uns, gerade weil wir nicht politisch korrekt sind. Breaking Bad ist auch nicht politisch korrekt. „Was, ist unser Held etwa in die Produktion von Crystal Meth involviert?“ Die Antwort ist „Ja“! Daraus entstehen spannende, emotionale Konflikte und das macht die Serie sehenswert.

Nathalie: Unsere Welt und die Menschen darin sind nicht nur gut oder nur böse. Die menschliche Existenz birgt so viel Komplexität in sich. Wenn man da die dunklen Seiten oder das Sexuelle weglassen würde, würde sich unsere Serien-Welt nicht echt anfühlen. Sie wäre uninteressant.

Iain: Wir kennen doch alle Filme, bei denen es uns völlig egal ist, was mit den Figuren passiert. Es gibt riesige Kampfszenen, irgendwer stirbt und es berührt dich nicht, obwohl es dich berühren sollte. Wenn so etwas passiert, weißt du, dass die Drehbuchschreiber nicht genug in ihre Figuren investiert haben. Ich hoffe bei den Figuren von Game of Thrones ist das anders.

Game of Thrones

Wie wird sich Missandei´s Beziehung zu Greyworm in Staffel 5 entwickeln? 

© HBO

Aber in Game of Thrones zahlt man einen hohen Preis, wenn man die Protagonisten zu lieb gewinnt.

Iain: Da gebe ich Ihnen recht!

Nathalie:  Das macht das Ganze ja so besonders. Keiner ist sicher. Jedes Mal, wenn eine der Figuren in den Kampf zieht, weiß man nicht, ob er oder sie zurückkommen wird. Dadurch wird alles erst aufregend. Die Show ist eine emotionale Achterbahnfahrt.

Iain: Die Showrunner haben an Sean Bean gleich in der ersten Staffel ein Exempel statuiert und die Latte hoch gesetzt. Die Botschaft war: In Game of Thrones ist alles möglich! Das ist essentiell für die Show. Gleichzeitig ist es für uns wunderschön zu sehen, dass das Publikum diese Figuren wirklich liebt und sich um sie sorgt. Unsere Charaktere sind glaubwürdig. In Geschichten bleiben die Helden meist am Leben. Im richtigen Leben passieren guten Menschen böse Dinge.

Schauen Sie sich die Serie eigentlich auch privat an?

Nathalie: Ich hab Game of Thrones schon geliebt, als ich selbst noch nicht dabei war. Und daran hat sich nichts geändert. Was für mich neu ist, ist, dass ich nun die Schauspieler auch persönlich kenne und mich mit ihnen freue, wenn sie tolle Szenen haben. Das hebt das Ganze für mich auf einen neuen Level. 

Iain: Ich finde es immer toll, wenn ich so wie jetzt, andere Darsteller aus unserer Show treffe, die ich sonst aufgrund der Produktionsbedingungen – wir drehen ja gleichzeitig an 3-4 unterschiedlichen Locations – nicht sehen kann. Und ich genieße es immer noch, mir das Ergebnis unserer Arbeit daheim auf dem Fernseher anzusehen und darüber zu diskutieren.

Haben Sie durch Ihre Rollen etwas über sich selbst als Mensch gelernt?

Nathalie: Ja, mir ist aufgefallen, dass ich privat ein echter Zappelphilipp bin. Ich kann einfach nicht still sitzen. Ich muss zum Beispiel immer mit meinen Händen etwas tun. Missandei ist im Gegensatz dazu ein kleiner Buddha. Sie ist immer beherrscht und sehr kontrolliert in ihren Bewegungen.  In gewisser Weise hilft mir Missandei dabei etwas ruhiger zu werden.

Iain: Ich habe für mich festgestellt, dass ich gerne mit einer Waffe kämpfe. Ich konnte mir die Kunst des Schwertkampfes ein bisschen aneignen und ich genieße das. Es ist schön sich nach einem körperlich anstrengenden Tag zurückzulehnen und ein gutes Glas Wein zu genießen. Eine Schwertkampfszene macht mir auf jeden Fall mehr Spaß als eine lange Dialogszene. Das weiß ich jetzt.

„Ich würde gerne an einem Herzinfarkt sterben, während ich mit Daenerys Liebe mache.“
Iain Glen
iain glen

Schauspieler Iain Glen spielt Ser Jorah Moront, den ehemaligen Freund und Berater von Daenerys Targaryen.

© Frederic Nebinger/WireImage

Haben Sie Angst davor eines Tages ein Drehbuch zu erhalten, in dem ihr Charakter das Zeitliche segnet?

Iain: Ich mache mir nicht ständig Gedanken deswegen, aber es ist mir bewusst, dass es jederzeit passieren könnte. Umso dankbarer bin ich, dass ich schon so lange ein Teil der Show sein durfte. Es ist also ein gemischtes Gefühl. Aber wir haben sehr gute Drehbuchautoren. Ich vertraue ihnen und wenn eines Tages meine Zeit gekommen ist, werde ich das akzeptieren. Das passt dann auch so.

Wenn Sie es sich aussuchen könnten, wie würden Sie dann gerne aus der Serie abtreten? Wie würden Sie gerne sterben?

Iain: Ich würde gerne an einem Herzinfarkt sterben, während ich mit Daenerys Liebe mache. (Lacht.)

Nathalie: Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich würde gerne romantisch sterben. Ich würde gerne etwas aus Liebe tun, das dann für mich vielleicht nicht gut endet. Ich würde gerne für jemanden anderen sterben. Das wäre dann romantisch und dramatisch.

Iain: Aber ich kann Ihnen garantieren: Wie immer es auch sein wird, es wird nicht so sein, wie wir uns es vorstellen.

Warum ist die Show Ihrer Meinung nach weltweit so erfolgreich?

Iain:  Da spielen mehrere Faktoren mit. Man hat nur sehr selten im Fernsehen diese tollen Produktionsbedingungen zur Verfügung. Wir haben das Budget und die Qualität um ein tolles Produkt abzuliefern. Und Qualität setzt sich überall auf der Welt durch. Ein anderer Aspekt ist die Zeitebene. Dadurch, dass die Welt, in der Game of Thrones angesiedelt ist, eine mittelalterliche oder sogar vor-mittelalterliche Welt ist,rücken unserer Kulturen enger zusammen. Würde sie in der Jetztzeit spielen, würde das nicht funktionieren. Alles wäre viel regionaler. Und dann sind da noch die tollen Drehbücher, die komplexe Storylines erzählen, denen man einfach folgen will. Game of Thrones ist keine TV-Show bei der man sich zurücklehnen und das Hirn abschalten kann. Wir haben emotionale Liebesszenen, wir haben massive Battle-Sequenzen und wir haben diese politisch-strategische Ebene in der Show. Es ist der perfekte Mix.

Nathalie: Ich finde auch, dass die Drehbücher wahnsinnig gut sind. Eine gute Geschichte liebt jeder Mensch auf der Welt. Und eben diese Qualität findet man auf jeder Seite der Drehbücher und in jeder Minute der Show.

Die fünfte Staffel von Game of Thrones gibt es auf SKY zu sehen!

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04 2015 Redbulletin.com

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