Alfie Allen

„Theon ist einer der menschlichsten Charaktere“

Interview: Holger Potye
Fotos: Getty Images 
 

Alfie Allen spielt in „Game of Thrones“ die Rolle von Theon Greyjoy, der die letzten beiden Staffeln ein bisschen viel Pech hatte. John Bradley spielt Sam Tarly, den treuesten Freund von Jon Snow. Sam ist auf „Castle Black“ im Norden stationiert. 

THE RED BULLETIN: Dürfen Sie uns schon etwas verraten, bevor die neue Staffel startet?

ALFIE ALLEN: Alle sterben! 

Wer zuerst?

(Alfie lacht.)

Was dürfen wir von Theon Greyjoy in Staffel 5 erwarten?

Alfie: Theon wird Charaktere aus Westeros treffen, die er zuvor noch nie getroffen hat. Und man darf sich auf einige ungewöhnliche (Liebes-)Beziehungen freuen. Und vielleicht, aber nur vielleicht, ist da ein Licht am Ende des Tunnels für Theon. Aber davor muss er wieder jede Menge Torturen durchleben. Und das Licht am Ende des Tunnels ist eigentlich auch irgendwie besch*****.

Die fünfte Staffel von Game of Thrones erscheint im April auf HBO. 

Was steht bei Sam an?

JOHN BRADLEY: Man wird ganz neue Seiten an Sam (Tarly) kennenlernen. Seit der ersten Staffel weiß man, dass Sam gut im Überreden und Überzeugen von Leuten ist. Es gab einige Momente, in denen Jon Snow eine Idee hatte und Sam konnte ihn mit logischen Argumenten innerhalb von 30 Sekunden davon überzeugt, dass es keine gute Idee wäre, und Jon änderte daraufhin seine Meinung. In der fünften Staffel wendet Sam diese Fähigkeit in viel größerem Stil mit größeren Konsequenzen an.

Seit Sam in der ersten Staffel auf Castle Black ankam, war er ein gebrochener Mann. Er war schwach und scheinbar frei von jedem Nutzen oder Wert. Seither haben sich die Dinge aber verbessert. Sam konnte seine Fähigkeiten weiterentwickeln. Bis zum Ende der fünften Staffel wird sich Sam stark verwandelt haben. Er ist sich plötzlich seiner Fähigkeiten bewusst. Er war sich seiner Schwächen immer bewusst – vom Tag seiner Geburt an. Aber jetzt entdecken er und das Publikum auch seine Stärken. Und er überredet Jon Snow dazu ihm die Möglichkeit zu geben, sein Potential erstmals voll zu nutzen.

 

Wie anstrengend waren denn die Dreharbeiten zur 5. Staffel?

John: Staffel 4 waren für meinen Charakter Sam und für mich vor allem emotional sehr anstrengend. Sam durchlebte eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Er startet relativ stabil in die vierte Staffel, muss dann herausfinden, dass die Liebe seines Lebens gestorben ist und ist dementsprechend am Boden zerstört. Dann findet er heraus, dass sie doch nicht gestorben ist und erlebt ein Hochgefühl. Und gleich darauf wird ihr Leben bedroht und er muss sie schützen, weil Castle Black angegriffen wird. Ich musste also sehr rasch zwischen all diesen verschiedenen Emotionen wechseln, was keine leichte Aufgabe war. Ich war in der vierten Staffel also mehr mental als physisch erschöpft. In der fünften Staffel kann Sam mehr auf seine strategischen Fähigkeiten zurückgreifen. Er hat wieder mehr Zeit um nachzudenken und zu planen. Wir lernen neue Seiten an Sam kennen. Sam kann seine Fähigkeiten als Vermittler, als politischer Berater einbringen. Sam wird zu einer Art überzeugendem  Showman, er spielt Leuten etwas vor. Unsere Rollen fordern von uns sehr viele unterschiedliche emotionale Momente. Dadurch wirken die Figuren in der Serie auch so lebendig und echt. Sie scheinen tatsächlich menschlich zu sein. Das ist großartig. In gewissem Sinne spielen wir nicht eine Figur, sondern viele verschiedene Figuren in einer Figur. Die Charaktere in „Game of Thrones“ sind psychologisch äußerst komplex – was wiederum zeigt, wie großartig George R.R. Martins Romanvorlage ist und wie gut unsere Showrunner David Benioff und Dan B. Weiss die Bücher fürs Fernsehen adaptiert haben.

„Ich muss meinen Charakter mögen, oder?“
Alfie Allen

Alfie: Stimmt. Für mich waren die dritte und vierte Staffel anstrengender. Die fünfte Staffel konnte ich wieder mehr genießen. Der Grund dafür liegt darin – ohne zu viel zu verraten – dass Theon nicht mehr so alleine und isoliert ist. Die dritte und vierte Staffel verbrachte ich, wenn man so will, in einer Einzelzelle an ein Kreuz gebunden. Das war vor allem physisch eine Herausforderung. Ich musste mir das Hinken aneignen und meine Haltung verändern, denn wenn du so viel Zeit an ein Kreuz geschnallt bist, gehst du danach gebeugter und bist gebrochen. Die letzten zwei Staffeln waren also vor allem physisch eine Herausforderung. Staffel 5 war im Vergleich dazu ein Genuss. Und ich bin jetzt quasi ein bisschen Teil des Bolton-Clans. 

GoT

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John Bradley (ganz left) und Alfie Allen (ganz rechts) mit Game of Thrones-Kollegin Emilia Clarke.

© Getty Images 

Mögen Sie Ihre Charaktere eigentlich?

Alfie:
 Ich muss ihn mögen. Natürlich greifst du als Schauspieler immer auch auf persönliche Erfahrungen aus deinem Leben zurück, die in deine Rolle einfließen. Dadurch wird deine Figur realer. Also, ja! Ich mag meine Rolle und ich fühle mit ihm mit. Theon ist einer der menschlichsten Charaktere in „Game of Thrones“, weil er Fehler macht.

John: Ich mag meinen Charakter auch, denke aber, dass es für das Publikum nicht leicht ist ihn zu mögen. Seine Unentschlossenheit und sein fehlendes Selbstbewusstsein sind nicht gerade Eigenschaften, die man liebt. Aber ich hoffe, dass ihn das Publikum in Zukunft bald mehr mögen wird, denn Sam beginnt sich für andere einzusetzen. Das macht ihn sympathischer. Ich kann mich gut erinnern, als Sam in Castle Black ankam und Jon Snow ihn fragte: „Was hast Du hier verloren?“ Erst als Sam Jon erklärte, warum er hier ist, nämlich, dass sein Vater ihn hasste und seinen Tod vorgetäuscht hatte und ihn zur Night Watch geschickt hat, um ihn nicht mehr sehen zu müssen. Und Sam sich im Grunde in einer unmöglichen Situation befand und vom Leben nur die Schattenseiten kannte.

Sam war immer in einer Art passivem Loop gefangen, ohne etwas daran ändern zu können. Mit der neuen Staffel ändert sich das langsam. Sam hat jetzt einen Grund zu leben. Jede Entscheidung, die er trifft, trifft er nun auch für eine andere Person mit. Er suhlt sich nicht mehr in Selbstmitleid. Er hat von passiv auf pro-aktiv gewechselt und tut alles, was er tut, nun auch für die Person, die er liebt. Das macht ihn als Charakter viel liebenswerter. Und das freut mich.

„Mein letzter Tag auf Erden würde aus einer Portion Brathähnchen mit Bratkartoffeln und geschmolzenem Käse bestehen – daheim auf der Couch. Und im TV läufen Sport News.“
Alfie Allen

An welchen Locations haben Sie die fünfte Staffel gedreht?

John: Ich war wieder „nur“ in Belfast dieses Jahr. Es soll ja Schauspielkollegen geben, die in den warmen Süden dürfen. (Lacht.) Die erste Saison wurde viel in Malta gedreht, und einige Szenen in Marokko und Dubrovnik. Belfast ist im Vergleich dazu wettermäßig natürlich etwas mickrig. Belfast ist ein netter Ort mit vielen netten Menschen, aber es kann dort ganz schön kalt werden. Als ich das einmal gegenüber unseren Showrunnern gesagt habe, meinten die: „Du findest es hier also kalt? Wir wäre es, wenn wir dich in der nächsten Staffel nach Island schicken?“ Ich sagte sofort: „Nein, nein! Belfast ist ok!“ Kurz gesagt: Ich durfte noch keine sonnigen Fleckchen in „Game of Thrones“ besuchen. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt. Für die Sbow selbst ist es aber wichtig all diese unterschiedlichen Locations zu haben. Natürlich könntest du alles auch auf einer Sound Stage in L.A. drehen. Du änderst die Lichtverhältnisse ein bisschen und schon bist du im Norden an der Mauer. Aber ich denke an echten Locations in der Wildnis zu drehen macht die Welt von Westeros erst authentisch und gibt ihr eine Tiefe – auch wenn es manchmal vom Wetter her eine echte Herausforderung für uns bedeutet. 

In „Game of Thrones“ sterben die Charaktere bekanntermaßen wie die Fliegen. Wie würden Sie denn im echten Leben gerne einmal abtreten?

John: Irgendwo im Süden. Andererseits vertrage ich die Hitze nicht wirklich. Also würde ich wahrscheinlich tatsächlich sterben, wenn ich zu lange in der Sonne bin. Ich habe mir aber schon des Öfteren gedacht, wenn du dir die ganzen brutalen Tode in „Game of Thrones“ vors innere Auge rufst, dass Sam eigentlich auf relativ unspektakuläre, wenig heldenhafte Weise sterben müsste. Zum Beispiel nach einer Herzattacke, weil er zu viele Stiegen hinaufgelaufen ist. (Lacht.) Das wäre realistisch. Was das echte Leben angeht: Das Wichtigste ist wohl nicht alleine und vereinsamt in deiner Wohnung zu sterben. Das wäre mein Ziel.

Alfie, wie würde Ihr letzter Tag auf Erden aussehen?

Alfie: Er würde aus einer Portion Brathähnchen mit Bratkartoffeln und geschmolzenem Käse bestehen – daheim auf der Couch. Und im TV läuft SKY’s Sport News. Das wäre dann perfekt.

Warum ist die Serie weltweit so erfolgreich?

Alfie:  Ich treibe mich immer wieder auf „Game of Thrones“-Conventions herum. Da wird dir erst bewusst, wie viele Familien die Serie gemeinsam schauen. Es wäre für mich ein Albtraum, wenn ich mir eine Liebesszene zwischen zwei Mädchen in „GoT“ anschauen müsste und meine Mutter sitzt dabei neben mir. Die Show spricht einfach sehr viele verschiedene Zusehertypen an – und auch vom Altersspektrum her ist sie breit gefächert. Als ich in Australien bei einer Convention in Perth war - Perth ist, glaube ich, die abgelegenste Stadt auf diesem Planeten. Und ich war dort, fuhr die Küste entlang und blieb bei einem Coffee-Shop irgendwo im Nirvana stehen. Auf einmal kamen zwei Typen raus. Sie schienen mich zu erkennen und meinten: „Wie geht’s dir? Wir lieben „GoT“! Du bist der Hammer!“ Und ich sagte: „Ja, danke! Das freut mich.“ Und sie sagten: „Du bist doch aus London, stimmt’s?“ Ich bejahte. Und sie meinten: „Wir fliegen bald nach London zu den Olympischen Spielen!“ Und ich sagte: „Oh, cool! Ihr schaut Euch die Olympischen Spiele an!“ Und sie sagten darauf: „Nein, nein! Wir sind das australische Ruderteam!“ (Lacht.) Das zeigt dir, wie verrückt die ganze Sache ist. Selbst am Ende der Welt kennt man deine Show.

In „GoT“ ist es oft schwer nachzuvollziehen, welche Ziele welche Charaktere verfolgen. Haben Sie manchmal auch noch „Aha-Erlebnisse“, wenn Sie das Drehbuch lesen?

Alfie: Die Drehbücher überraschen mich eigentlich immer. Vor allem in diesem Jahr gibt es einige erstaunliche Story-Twists. In der dritten Staffel hatte ich für mich beschlossen nur mehr meine Szenen in den Drehbüchern zu lesen, damit ich mich nicht von den anderen ablenken ließ. Aber in Staffel 5 hab ich’s nicht mehr ausgehalten und alles gelesen. Und ich darf verraten: Es warten einige erstaunliche und sehr schockierende Momente auf Euch!

„Die ganze Sache ist verrückt. Selbst am Ende der Welt kennt man deine Show.“
Alfie Allen

Haben Sie eigentlich Angst davor, in der Serie frühzeitig abtreten zu müssen? Gerade „Game of Thrones“ ist ja bekannt dafür, dass niemand sicher ist und alle Charaktere von einem Moment auf den anderen sterben können.

Alfie: Yeah, ich mach’ mir definitiv Sorgen. Aber unsere Produzenten David (Benioff) und Dan (Weiss) verraten nichts. Ich kann mich erinnern, gegen Ende der zweiten Staffel, als ich in der Geschichte einen ziemlich heftigen Schlag auf den Schädel abbekommen habe, fragte ich die beiden: „Werde ich das überleben oder nicht?“ Ich fragte sie so oft, dass sie mir eines Tages ein Drehbuch gaben. Es war gefälscht, aber das wusste ich nicht.

„Sam müsste eigentlich auf relativ unspektakuläre, wenig heldenhafte Weise sterben. Zum Beispiel an einer Herzattacke, weil er zu viele Stiegen hinaufgelaufen ist.“
John Bradley

 Was passierte dann?

Alfie: Als ich auf dem Weg zurück nach London in der Flughafen-Lounge saß, begann ich im Drehbuch zu lesen. Und da stand, dass ich sterben würde. Da stand: Bran sitzt auf Hodors Rücken. Die beiden kommen auf Theon zu und Bran rammt ihm ein Messer ins Herz und flüstert: „Das ist mein Winterfell, nicht deines!“ Und ich dachte es wäre echt. Ich meine die Entscheidung liegt immer bei den Produzenten. Und mein Tod war nicht der Schlechteste. Es war also ok für mich. Klar, sechs Monate später wäre ich wahrscheinlich enttäuscht gewesen und hätte mir gedacht: „Scheiße, ich wäre unheimlich gerne noch weiter dabei!“ Aber zu dem Zeitpunkt war ich eigentlich ganz zufrieden mit meinem Tod. Er war irgendwie cool. Die Dreharbeiten begannen wieder und die anderen Schauspieler trafen sich in Belfast am Set und sagten zu unseren Showrunnern David und Dan: „Ihr müsst Alfie Bescheid sagen, dass alles nur ein Scherz war. Was ist, wenn er sich die Haare schneidet oder irgendetwas anderes Dummes tut!“ Ich war zu dem Zeitpunkt gerade auf Urlaub, als ich plötzlich einen Anruf von den beiden bekam. Sie fragten mich: „Alfie, wie findest Du deinen Tod?“ Und ich antwortete. „Ja, er ist schon cool. Vielen Dank, Jungs!“ Sie warteten einen Augenblick und sagten darauf: „Ja, aber was würdest Du sagen, wenn Du als Zombie zurückkehren könntest?“ Und ich meinte: „Yeah! Das ist auch cool. Okay!“ Darauf sagten sie: „Okay, wie wäre es, wenn Du als nackter Zombie zurückkehren würdest – ohne einer einzigen Textzeile?“ Dann begannen sie zu lachen. Und mir wurde klar, dass sie mir einen Streich gespielt hatten. Sie lachten nur und sagten dann: „Alles gut, Mann! Du bist immer noch im Spiel!“ Unsere Showrunner lieben es uns Streiche zu spielen. Kit (Harrington – er spielt Jon Snow) haben sie auch schon reingelegt. Und noch jemanden, aber dazu darf ich noch nichts verraten.

Alfie, träumen Sie eigentlich manchmal von Westeros? Haben Sie manchmal Albträume, in denen Ramsey Bolton vorkommt?

Alfie: Nein, Ramsey lass’ ich nicht in meinem Kopf rein. Auch nicht in meinen Träumen. Ich verstehe mich übrigens mit Iwan Rheon, der die Rolle von Ramsey spielt, privat ganz hervorragend. Wir liegen fast überall auf einer Linie. Nur beim Lieblingsfußballverein unterscheiden wir uns. Er steht auf Manchester United, ich auf Arsenal

Träumen Sie von Westeros, John?

John: Um ehrlich zu sein, kann ich mich an keinen einzigen meiner Träume aus den letzten vier Jahren erinnern.  Ich weiß nicht, warum das so ist. Aber ich glaube es wäre gut, wenn man die Welt von „GoT“ möglichst aus seinen Träumen rauslässt. Sie ist sehr düster, makaber und extrem. (Lacht.) Mein Ratschlag lautet also: Leute, träumt niemals von Westeros. Das ist schlecht für eure geistige Gesundheit!“

Die fünfte Staffel von Game of Thrones gibt es auf SKY zu sehen!

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04 2015 Redbulletin.com

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