Fahri Yardim läuft

Der Mann, der Til Schweiger den Rücken freischießt

Text: Andreas Rottenschlager
Fotos: Christoph Voy

Er sollte eigentlich Deutschlehrer werden. Doch „Tatort“-Star Fahri Yardim verzichtete auf den sicheren Job. Denn: „Das Leben wartet dort, wo du Kontrolle aufgibst.“

Als straßenschlauer Tatort-Kommissar Yalcin Gümer spielte sich der Hamburger Fahri Yardim in den vergangenen drei Jahren in die A-Liga deutscher Fernsehstars. Gümer, ein türkischstämmiger Cop mit Bomberjacke, hackt sich in Computer, trägt am liebsten Jogginghosen und schießt TV-Partner Til Schweiger den Rücken frei, wenn es brenzlig wird. „2016 könnte Yardim das ‚Tatort‘-Revier dann komplett übernehmen“, schrieb der „Spiegel“ bereits nach Folge zwei. 

Seit Anfang Februar kämpfen Yardim und Schweiger im Kino-„Tatort“ gegen die russische Mafia. Es ist die erste ­Leinwand-Adaption der Krimireihe seit 29 Jahren (zuletzt spielte Götz George als Ruhrpott-Bulle Horst Schimanski 1987 einen „Tatort“-Kommissar im Kino; Anm.). „Sobald du beim ‚Tatort‘ dabei bist, schauen dir Millionen Fans auf die Finger“, sagt Yardim beim Red Bulletin-Interview in Berlin. „Aber das ist gut so. Ich stehe auf Kritik.“

Der „Tatort“-Film „Tschiller: Off Duty“ läuft bereits im Kino.

© Warner Bros. DE // YouTube

THE RED BULLETIN: Herr Yardim, die klassische Einstiegsfrage an einen „Tatort“-Kommissar – also: Wo waren Sie letzten Sonntag zwischen 20.15 und 21.45 Uhr?

FAHRI YARDIM: (zieht sein Smartphone aus der Hosentasche und scrollt durch den Kalender): Ich habe mir das Basketballspiel Alba Berlin gegen Bamberg angesehen. Mein Kumpel Lucca Staiger spielt bei Bamberg. Nach der Partie waren wir gemeinsam italienisch essen.

Interessieren Sie die Fälle Ihrer ­Kollegen nicht?

Doch, aber ich bin nicht dogmatisch, was den Sonntagabend angeht. Wenn mich die Vorberichterstattung kitzelt, schalte ich ein. Manche Folgen sehe ich mir später in der Mediathek an.

Fahri Yardim, 35, „Tatort“-Shootingstar: „Ist es nicht wunderbar, wenn ­Twitter während der Sendung explodiert?“

Die „Tatort“-Krimireihe stammt aus dem Jahr 1970. Trotzdem sehen regelmäßig mehr als zehn Millionen Menschen zu. Nur Fußball-WM-Spiele schaffen ähnliche Quoten. Was macht diese Serie so erfolgreich?

Der „Tatort“ ist eine Konstante in wilden ­Zeiten. Gleichzeitig bleibt er modern, weil er Deutschland zeitgemäß erzählt. Sonntag um 20.15 Uhr spürst du die Luft knistern, weil du weißt, dass Millionen Menschen gerade das Gleiche erleben wie du. Außerdem kann man über jede „Tatort“-Folge wunderbar streiten. Ist es nicht großartig, wenn Twitter während der Sendung explodiert?

Unter dem Hashtag #tatort werden pro Folge bis zu 23.000 Tweets abgesetzt. Die User kommentieren mittlerweile jede Geste der Kommissare. Lesen Sie manchmal am Handy mit, während Ihr „Tatort“ läuft?

Das mache ich ständig.

„Die ‚Tatort‘-Fans kommentieren jede Bewegung von dir. Aber das ist gut so. Ich stehe auf Kritik.“
Fahri Yardim

Es muss schrecklich sein, von zehntausenden Menschen in Echtzeit kritisiert zu werden.

Ich liebe das.

Im Ernst?

Ich stehe drauf, mir die Postings durchzulesen. Das hat pseudo-masochistische Züge. Im besten Fall funktionieren die ­sozialen Netzwerke wie ein Second Screen. Es entsteht eine zweite Ebene der Unterhaltung. Von unterirdischen über bemühte bis zu fantastischen Kommentaren ist alles dabei.

Fahri Yardim

„Der ‚Tatort‘ ist eine Konstante in wilden Zeiten.“

Über Schweigers Figur Nick Tschiller schrieb der „Spiegel“ nach der ersten Folge, er sei ein „Prügler mit Penisangst“. Ihr Kommissar Yalcin Gümer wird in den Medien als „smarter ­Bomberjacken-Cop“ gelobt. Ist es ­Ihnen unangenehm, wenn Sie bessere Kritiken bekommen als der eigentliche Star der Serie?

Gestört haben mich die positiven Kritiken nicht, das wäre kokett. Aber ich lasse mich davon nicht blenden: Meine Rolle ist als Ausgleich zu Tils impulsivem Kommissar angelegt. Wer das übersieht, hat nicht verstanden, wie wir als Team funktionieren. Was der Kommentar mit der Penisangst soll, verstehe ich nicht.

Es fällt trotzdem auf, dass gerade Herr Schweiger immer wieder hart kritisiert wird. Woran liegt das?

Til macht, was er für richtig hält – egal was andere von ihm denken. Dadurch wird er angreifbar. Er ist ein Nullopportunist in einer Welt, in der es viele Opportunisten gibt.

„Niemand brennt so für seinen Beruf wie er. Er hat Tränen in den Augen, wenn ihm eine Szene gefällt.“
Fahri Yardim über „Tatort“-Partner Til Schweiger

Ist das sein Erfolgsgeheimnis?

Leidenschaft ist Tils Erfolgsgeheimnis.

Die haben andere Schauspieler auch. 

Aber es brennen nicht alle wie er. Der Typ hat Tränen in den Augen, wenn er im Schneideraum sitzt und eine Szene ihn berührt. Er offenbart sein Empfinden ganz unmittelbar. Wenn er einen Film eines anderen Schauspielers gut findet, ist er der Erste, der per SMS gratuliert.

„Tatort“-Highlights aus 46 Jahren:

Diesen Monat kommt Ihr Ermittlerduo mit einem „Tatort“-Film in die Kinos. Was kann ich als Zuseher ­erwarten, was ich nicht schon im Fernsehen gesehen habe?

Hier kann man nur das Deichkind-Lied „Denken Sie groß“ zitieren.

Fahri Yardim

„Ich war knapp davor, fertig zu werden, als ich mein Studium schmiss.“

In dem Song geht es um große Visionen.

Wir wollten einen großen deutschen ­Actionfilm machen. Ein Projekt, von dem andere nur reden. Wir haben in Hamburg, Istanbul und Moskau gedreht. Es ist eine Reise durch fantastische Städte, von der jede ihre ganz eigene Stimmung in den Film bringt. Für eine Szene sind wir in Moskau um vier Uhr morgens mit einem Mähdrescher auf den Roten Platz gefahren. Das war wahrscheinlich der absurdeste Moment meiner Schauspielkarriere.

Den Sie, wie Ihre restlichen Dreharbeiten, beinahe nicht erlebt hätten. Sie wollten eigentlich Lehrer werden.

Stimmt. Ich habe Deutsch und Erziehungswissenschaften studiert. Ich war knapp davor, fertig zu werden, als ich mein Studium schmiss. Es war ein dummer Moment, um aufzuhören. Und genau deshalb war er perfekt. 

Sie verzichteten auf einen sicheren Job, um sich als unbekannter Schauspieler durchzuschlagen? Ein perfekter Plan klingt anders.

Das Leben wartet dort, wo du Kontrolle aufgibst. Ich war als Kind relativ ängstlich. Aber ich blieb immer neugierig. ­Irgendwann erkannte ich, dass Angst auch ein Kompass sein kann. Ein Hinweis auf ein Defizit und somit eine Chance. Wenn du dich deinen Ängsten stellst, kannst du deine Persönlichkeit erweitern. Das gilt für alle möglichen Situationen.

„Angst kann ein Kompass sein. Ein Hinweis auf ein Defizit. Wenn du dich deiner Angst stellst, kannst du deine Persönlichkeit erweitern.“
Fahri Yardim

Wenn ich also Angst vor dem Zehnmeterturm habe…

… musst du da rauf … 

… oder meinen Boss in der Kaffeeküche zu treffen…

… sprich ihn an. Angst ist nützlich, in wirklich gefährlichen Situationen. Aber wir unterwerfen uns zu oft diffusen Ängsten, zum Beispiel auch im Beruf. Die sichere Stelle als Beamter nicht anzutreten war ein Schlüsselerlebnis für mich. Ein Freiheitsmoment.

Fahri Yardim

„Angst ist nützlich, in wirklich gefährlichen Situationen. Aber wir unterwerfen uns zu oft diffusen Ängsten.“

Nachdem Sie Ihr Studium geschmissen hatten, spielten Sie Nebenrollen in Ethno-Komödien wie „Kebab ­Connection“ oder dem Gangsterfilm „Chiko“. Kann man von den Gagen solcher Jobs die Miete bezahlen?

Nicht lange. Geld verheißt Sicherheit. Aber es korrumpiert auch deine Lebendigkeit. Ich breche lieber eine Lanze für die Unsicherheit, als jedem zu empfehlen, den sicheren Pfad zu gehen. 

Sie haben leicht reden. Als „Tatort“-Kommissar sind Sie ein gemachter Mann.

Das ist eine Wunschprojektion! Der „Tatort“-Kommissar ist kein Fußball-Bundesliga-Profi. Natürlich ist die Sendung ein Meilenstein in meiner Filmografie, und sie hilft mir, Kontakte zu knüpfen. Endgültige Sicherheit bietet die Rolle aber nicht. 

„Ich breche lieber eine Lanze für die Unsicherheit, als jedem zu empfehlen, den sicheren Pfad zu gehen.“
Fahri Yardim

Wenn Sie Ihre bisherige Karriere ­konsequent weiterdenken, müssten Sie als Nächstes ohnehin eine völlig andere Rolle annehmen. 

Ja. Die Palette muss bunt bleiben. ­Diversität hat immer mein Leben gezeichnet. Genauso wie die Brüche in meiner eigenen Bequemlichkeit. Nach dem Motto: „Scheiß auf den Bausparvertrag und geh lieber zelten!“ 

Ihre Theorie der Unsicherheit gefällt mir jedenfalls. Welche Sicherheit kann man im Alltag aufgeben, um sich weiterzuentwickeln? 

(Überlegt.) Sprechen Sie in einer Männergruppe offen über Ihre Schwächen. Sie können zum Beispiel sagen: „Ich bin gar kein guter Autofahrer.“ 

Fahri Yardim

1994 spielen die Toten Hosen im „Tatort“ – als Seemannsquintett.

Was habe ich davon?

Schwächen anzuerkennen ist eine herrliche Emanzipation. Wer eine Schwäche akzeptiert, verbraucht keine Energie mehr, um sie zu verbergen. Gerade Männer wenden viel Kraft auf, um eine falsche Fassade aufrecht zu halten. Dabei sind die Personen dahinter meist viel interessanter. Gerade die Unvollkommenheit erzählt viel mehr über eine Persönlichkeit.

Welche Schwäche haben Sie zuletzt verheimlicht?

Meinen Tanzstil.

Sie fanden Ihren Tanzstil peinlich?

Ich habe lange Zeit für den Blick von außen getanzt. So wie ich meinte, dass es andere von mir erwarten. Richtig getanzt habe ich erst, als ich von dieser Erwartung abließ. Das Loslassen war erreicht, als klar war: Ich sehe richtig scheiße aus, aber dafür fühlt es sich fantastisch an.

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03 2016 The Red Bulletin

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