Ferris MC

„Ich bleibe eine Rampensau“

Interview: Lea Wieser
Bilder: Sven Sindt/Warner Music

Nach 10 Jahren feiert Ferris MC sein Comeback mit seinem Solo-Album „Glück ohne Scherben“. Im Gespräch mit The Red Bulletin philosophiert er über die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens, Karma und das Anderssein. 

Gewohnt locker sitzt Sasha Reimann, alias Ferris MC in einem Drehstuhl, eine Zigarette in der linken Hand, den Kaffee in der rechten. Für einen 41-Jährigen, der etliche Drogenexzesse hinter sich hat, sieht er doch noch einigermaßen frisch aus.

Als er sich vor rund zehn Jahren mit seinem Ausstieg als Solo-Künstler „selbst begrub“, wie er es melodramatisch nennt, rechnete niemand mit einem Comeback. Doch Ferris wäre nicht Ferris ohne Überraschungen: mit seinem Album „Glück ohne Scherben“ ist er zurück.

Der ewige Freak der deutschen Rap-Szene scheint nach seiner durchwachsenen Vergangenheit mit etlichen Höhen und Tiefen - Drogenkonsum bis zum Exzess inklusive - und seiner Zeit als Bandmitglied bei Deichkind, reifer geworden zu sein, um nicht zu sagen: Ferris MC ist erwachsen geworden. Mit The Red Bulletin philosophiert er über das Leben, seine neu gewonnene Freiheit und das Anderssein. 

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„All die schönen Dinge“ von Ferris MC

Das Album „Glück ohne Scherben“ erscheint am 29. Mai bei Warner Music. 

Du warst über zehn Jahre nicht mehr alleine unterwegs – warum genau jetzt?

Das war ein schleichender Prozess, das war nicht geplant. Als ich aufgehört habe, habe ich natürlich nicht gedacht „ich mach‘ mal ein Comeback“ – das kam erst in den letzten drei, vier Jahren langsam in mir hoch. Es ist das Resümee aus dem wie ich früher war und wie ich jetzt bin und was die elf Jahre dazwischen angeht.

Fühlst du dich nach so einer langen Pause wieder wie ein Newcomer?

Ich fühle mich wie ein Newcomer im gehobenen Alter, manchmal wie ein Newcomer im richtigen Alter – also eher wie ein Newcomer als ein Comebacker. 

Auf deinem Album singst du „Deutschrap ist ein großer Zirkus voller Affen“. 

Ja da geht’s um die ganze Neuzeit-Gangster-Rap-Schiene. Um die Leute, die Rap-Musik machen und eigentlich gar nichts mit dem Hip-Hop-Kontext zu tun haben und teilweise auch nichts zu tun haben wollen – einfach keinen Respekt vor der Hip-Hop-Kultur haben, sondern Musik nur aus wirtschaftlichen Gründen machen und nicht aus Leidenschaft. Das ist ein Affenzirkus.

„Ich bin erwachsen geworden, ja. Trotz alledem bleibe und bin ich ein Freak - und ich bleibe eine Rampensau.“
Ferris MC

Machst du Musik aus Leidenschaft oder wegen des Erfolgs?

Wenn ich Musik mache im musikalischen Prozess oder im Textprozess, der sich ja gerne mal ein halbes Jahr oder Jahr in die Länge zieht, denkt man nicht an das Geld. Man will den Leuten eine bestimmte Emotion, eine bestimmte Themenwelt aufmachen und erschaffen. Das unterscheidet mich von den ganzen Neuzeitrappern, bei deren Textinhalten es nur um „ich mache so und so viel Geld, ich fahre dieses und jenes Auto, die und die Klamotten trage ich, ich bin die Nummer 1“ geht. Aber vielleicht bin ich auch einfach zu alt dafür. 

Also steckt eine Mission hinter deiner Musik?

Unbewusst. Im Endeffekt steckt die Mission dahinter darzustellen, wie ich jetzt bin und den Unterschied zu zeigen, wie ich früher war. Das ist das Resultat, meine Mission. Aber es ist nicht meine Mission die anderen Rapper in ihre Schranken zu weisen.

Ferris MC

„‘Glück ohne Scherben‘ ist ‚ne richtig fette Produktion“

Knapp zwei Jahre arbeitete er mit dem deutschen Produzenten Swen Meyer, der bereits Alben mit Tim Bendzko und Fettes Brot aufnahm, an seinem Solo-Comeback.

© Sven Sindt/Warner Music

Deine Texte sind ziemlich tiefgründig im Vergleich zu früher - woher kommt diese neue Tiefgründigkeit?

Die Songs sind schon tiefgreifender geworden, aber trotzdem passend zu mir und meiner Person und immer noch gradlinig. Ich versuche nicht nur an der Oberfläche zu kratzen.

Du hast eine ziemlich harte Vergangenheit hinter dir, Drogen und das Ganze inklusive – ist mit dem alten, verrückten Ferris endgültig Schluss? Hast du dich neu erfunden?

From boys to men (Lacht.) Klar, ich bin jetzt eher ein Mann als ein Junge – früher war ich der Junge. Ich würde nicht sagen, dass ich mich neu erfunden habe, es ist eher das Resultat aus meiner Lebenserfahrung, die ich gemacht habe, mit allen Höhen und Tiefen, mit allen Drogenexzessen, mit der neu gewonnenen Drogenfreiheit, mit dem Wissen daraus – und das ist das Endergebnis. Jeder Mensch macht Entwicklungen durch. Wenn du 20 bist, wirst du mit 30 nicht mehr so ticken wie mit 20 und mit 40 nicht mehr so wie mit 30, geschweige denn wie mit 20.

Ferris MC

Endlich erwachsen

Ferris MC erklärt, dass die neue Tiefgründigkeit seiner Musik das Resultat seiner bisherigen Lebenserfahrung ist. 

© Sven Sindt/Warner Music

Würdest du sagen, dass du erwachsen geworden bist?

Ich bin erwachsen geworden, ja. Trotz alledem bleibe und bin ich ein Freak, das ist auch optisch nicht von der Hand zu weisen. Und ich bleibe eine Rampensau.

Du selber bezeichnest dich immer als Freak, als Außenseiter der Szene - was ist für dich ein „Freak“?

Ja, das bin ich einfach. Das hört man auch auf dem Album, das kannst du nicht vergleichen mit dem, was momentan auf dem Markt ist. Meine Musik ist zwar zugänglicher und reifer, sie ist aber auch nicht Kunst und abstrakt - und sie passt sich nicht an. Deswegen bin ich wieder der Rebell und das macht mich zu einem Außenseiter. Weil ich nicht auf einen Zug springe, der momentan schon fährt, sondern mir meinen eigenen Zug gebaut habe und das wiederum macht mich zum Freak. Ich werde mit dem Album in der deutschen Hip-Hop-Szene, die für mich sowieso nicht existiert, der Außenseiter sein. 

„Mein ganzes Leben mit der neu gewonnenen Freiheit ist jetzt mein Lebenselixier.“
Ferris MC

Was nervt dich so, dass du so anders sein willst?

Ne, es nervt mich gerade nicht, weil das gibt mir ja die Möglichkeit anders als die anderen zu sein. Wenn die nicht so wären, hätte ich gar keinen Anlass anders zu sein, somit können die gerne ihren Einheitsbrei abliefern und sich anbiedern an ihren Fans. Bei mir weiß man, ich mache das, was ich für richtig halte und jeder soll für sich entscheiden, ob er daraus was ziehen kann oder nicht. Ich will authentisch bleiben, ohne dabei langweilig zu sein und zeigen, dass ich in Würde gealtert bin.

Früher war Cannabis dein „Lebenselixier“ – was ist es heute? 

(Überlegt.) Die neu gewonnene Freiheit, die ich dadurch erlebe. Ich war gefangen von Cannabis, ich war abhängig. Es wird zwar als weiche Droge gehandelt, aber für mich war das Runterkommen nach so viel Jahren viel schwieriger als von den harten Drogen. Deswegen sollte man vorsichtig sein. Ich bin zwar für eine Legalisierung, weil das die Kriminalisierung entkriminalisieren würde und Hanf eine Heilpflanze ist, die vielen Menschen helfen kann, aber mir hat es nicht mehr geholfen. Mein Lebenselixier ist jetzt die Heirat mit meiner Frau, die zukünftige Kinderplanung - mein ganzes Leben mit der neu gewonnenen Freiheit ist jetzt mein Lebenselixier. 

Sollen deine Kinder einmal ihre eigenen Erfahrungen machen oder wirst du der superstrenge Vater sein, der seinen Kindern erklärt, dass Drogen scheiße sind? 

Das ist echt eine gute Frage, ich weiß noch nicht, wie ich mich da verhalten werde. Was ich weiß ist, dass es nichts bringen würde, militant gegen was anzugehen und zu sagen „Und wenn du das machst, dann dies, das und blabliblu“. Bei mir waren Drogen eine Flucht vor meinem eigenen Leben und vor der Verantwortung - und ich hatte ein kaputtes Elternhaus. Vielleicht bleibt meinem Kind das Herumexperimentieren zu wollen erspart, wenn es aus einem heilen, glücklichen Elternhaus kommt und ganz andere Werte im Leben mitbekommt.

Ferris MC

Vielbeschäftigt

Seit 2008 ist er als „Ferris Hilton“ Bandmitglied bei Deichkind - dieses Jahr erschien ihr neues Album „Niveau Weshalb Warum“

© Sven Sindt/Warner Music

Welche Werte würdest du deinen Kindern vermitteln?

(Grinst.) Du stellst Fragen. Das ist echt ein hartes Brot … Ich habe mir da keinen Plan gemacht, ehrlich gesagt. Das muss sich auch erst entwickeln … Man ist ja nicht sofort Vater oder Mutter, nur rein biologisch - was das Kopfmäßige angeht, muss man sich erst mal reinfuchsen und ein bisschen mit der Zeit gehen. Die ganzen Erziehungsmaßnahmen haben sich ja auch von Generation zu Generation entwickelt. Man muss einfach schauen, was man herausfiltern kann, was das Beste für sein eigenes Kind ist. Aufpassen, dass das Kind auch ein bisschen selbstständig aufwächst - es wäre total blöd, wenn man sein Kind unter so einer Glocke hält und verhätschelt und dann gar nicht mehr weiß, was das Kind selber im Stande ist zu leisten. Man muss ja auch Fehler begehen, um was lernen zu können.

Würdest du sagen, dass du deine Fehler erst begehen musstest, um daraus zu lernen?

Ja klar, meine Fehler, meine ganze Lebenssituation, auch meine Kindheit - was natürlich unfreiwillig war - dass ich meinen Vater gar nicht kenne, ich gar nicht weiß wer er ist. Dass meine Mutter kaum wusste mich großzuziehen, total überfordert war und ich mich sehr früh von ihr gelöst habe und alles auf eigenen Füßen erfahren musste, das gehört ja auch dazu. Und daraus entstehen dann natürlich Fehler. Wenn man sich alleine irgendwie durchwurschteln muss, passieren Dinge, die man als Erwachsener vielleicht nicht machen würde, aber als Jugendlicher schon. Du weißt vielleicht gar nicht, dass das jetzt ein Fehler war. Ich halte es für gut, bestimmte Fehler zu machen. 

FERRIS MC

Name:

Sasha Reimann 

*2. Oktober 1973

Aktuelle Alben:

„Glück ohne Scherben“ (2015) - Comeback als Solo-Künstler

„Niveau Weshalb Warum“ (2015) - als Deichkind-Mitglied 

 

 Was ist deine Lebensphilosophie?

(Stille.) Nicht niedergeschrieben bisher. Eigentlich liegt sie indem was ich leiste: Immer professionell zu sein, das Beste zu geben, freundlich zu sein, immer an das Gute im Menschen zu glauben, auch wenn das ein bisschen naiv klingt. Den anderen nichts Böses zu wünschen, weil das einfach auch nicht gut fürs Karma ist, versuchen positiv zu denken, in allen Bereichen auch das Positive aus dem Negativen ziehen zu können, keine Angst vor dem Scheitern zu haben, keine Angst vor dem Hinfallen, man kann sich ja aus eigener Kraft immer wieder etwas aufbauen. Solche Sachen - und dann so die Klassiker. Pünktlichkeit zum Beispiel (Lacht.)

Was wäre passiert, wenn du tatsächlich KFZ-Mechaniker geworden wärst?

Wäre ich nicht. Aber zu der Zeit war ich zu jung für Pläne, da hat man einfach gelebt, da hat man nicht zukunftsorientiert irgendwelche Pläne gestrickt. Ich hatte das Glück, dass ich schon als junger Mensch wusste, dass ich entweder Schauspieler oder Musiker werden will. Und habe dann – mal mehr, mal weniger – kontinuierlich daran gearbeitet. 

Wenn du dich entscheiden müsstest – Musik oder Schauspielerei?

Ich möchte gar nicht vor diese Entscheidung gestellt werden, ich bin Sternzeichen Waage und Waagen können sich nicht entscheiden. Da sind zwei Türen und du sagst einer Waage „Such dir eine Türe aus, durch die du gehst“, die Waage wird jahrelang vor diesen zwei Türen stehen und weiß nicht welche sie nehmen soll.

Werden wir in Zukunft mehr von Ferris MC oder Ferris Hilton sehen?

Mehr von Ferris MC. Ferris Hilton war für Deichkind ja eher so ein Jux. Und mittlerweile ist auch den Letzten klar, dass das bei Deichkind Ferris MC ist. Jetzt kann ich mich wieder auf meinen alten Namen besinnen.

Woher kommt überhaupt dein Künstlername „Ferris“?

Ferris macht blau – der Film. Da war ich ein kleiner Lachs und fand den Film so super - ich weiß gar nicht wie alt ich da war, so 14, 15 - und dann habe ich mir den Namen Ferris gegeben, schon bevor ich richtig angefangen habe Musik zu machen. Der Film war ein Zeichen.

„Glück ohne Scherben“ 

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04/2015 Redbulletin.com

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