Fettes Brot

Fettes Brot: „Misstraue dir selbst!“

Foto oben: Jens Herrendorff
Text: Paul Krisai

Fettes Brot sind erfolgreich, weil sie Fan-­Erwartungen zuverlässig enttäuschen: wie ­Unberechenbarkeit zum Erfolgsfaktor wird.

„Teenager vom Mars“ ist das neue Album von Fettes Brot, und es tut, was alle Fettes-Brot-Alben tun: Es klingt völlig ­anders als das vorherige. Eigentlich eine Todsünde im Business, aktives Abschütteln von Fans.

Uns hat interessiert, ob die drei Hamburger trotz oder wegen ihrer Unberechenbarkeit seit 23 Jahren so erfolgreich sind. (Um seine Unberechenbarkeit zu unterstreichen, fehlte Björn Beton beim ­Interview, aber entschuldigt, wegen eines Videodrehs.)

THE RED BULLETIN: Angefangen habt ihr 1992 als Abiturienten-Band. ­Inzwischen geht ihr selbst zu Elternsprechtagen. Was tut ihr gegen das Altern?

KÖNIG BORIS: Es kommt auf deine Haltung an. Es gibt alte Menschen, die im Kopf jung bleiben, und umgekehrt gibt es Kopfrentner, die sich in ihre heile Welt flüchten und nur noch Schlager hören. Das biologische Alter hat damit wenig zu tun. Sich zu interessieren für andere Menschen, andere Länder, andere Musik – das hält jung.

DOKTER RENZ: In der Musik waren wir nie konservativ, sondern haben immer Türen eingetreten. Die Leute haben Spaß daran, zu sehen, wie wir uns ständig verändern. „Die drei Typen von Fettes Brot“, das ist so ein bisschen wie eine Serie. Wir gehen jetzt in die achte Staffel.

Der neue Song „Teenager vom Mars“ vom gleichnamigen aktuellen Album.

© Fettes Brot // YouTube

Beschweren sich Fans von früher, dass sich euer Stil so stark verändert hat?

RENZ: Natürlich auch. Ich ertappe mich manchmal selbst dabei, dass ich mir als Fan einer Band noch ein Album wünsche, das das gleiche Gefühl auslöst wie das vorige. Und dann kommt es ganz anders. Man muss jedem Künstler zugestehen, dass er einen an neue Orte mitnimmt.

BORIS: Am gefährlichsten ist, wenn man sich mit der ­eigenen Musik langweilt. So was merken die Zuhörer.

„Langeweile ist am gefährlichsten.“
König Boris

Ist es also schlecht, wenn eine Band einem Genre treu bleibt?

BORIS: Auch das kann ein Konzept sein, aber so sind wir einfach nicht. Wir ziehen uns gerne den Teppich unter den Füßen weg. Aber es ist ja nicht so, dass wir auf einer Platte nur Vogelgeräusche machen, auf der nächsten ein Klavierkonzert und dann eine Doom-Metal-Platte.

Aber wie entwickelt man sich ständig weiter?

RENZ: Man muss sich misstrauen. Geht uns etwas besonders leicht von der Hand, fragen wir uns: Ist es so leicht, weil wir es schon einmal gemacht haben? Oder haben wir etwas Neues erfunden, das sich trotzdem vertraut anfühlt? Es geht darum, eine Lücke zu finden, durch die man sich neu ausdrücken kann, ohne sich zu wiederholen. So ist’s auch im Leben: Ein Teil von dir bleibt immer unfertig. Das ist die Chance, dass etwas Neues passiert. Wer dafür offen bleibt, verändert sich auch.

“Teenager vom Mars” – ist das die Frischzellenkur für die Brote?

RENZ: Wer weiß – am Mars ist man in unserem Alter vielleicht noch Teenager! Uns hat die Idee gefallen, von außen auf die Welt zu blicken und zu analysieren, was falsch läuft und wer sich dämlich benimmt.

Das Ergebnis ist eine kritische Abrechnung: “Alle hörn jetzt Schlager” hinterfragt den Hype um Helene Fischer & Co. …

BORIS: Wir fragen uns, was das für eine Gesellschaft bedeutet, wenn alle beginnen, Heile-Welt-Musik zu hören, sich zurückziehen in ihren eigenen Partykeller und mit dem Rest der Welt nichts mehr zu tun haben wollen. Dieser Versuch, die Welt wieder in Gut und Böse, in Falsch und Richtig einzuteilen – das ist keine Lebenshaltung. Es funktioniert einfach nicht. Weil wir miteinander leben müssen.

RENZ: Wenn Rentner im Musikantenstadl sitzen und sich mit Schlager berieseln lassen, verstehe ich das schon. Was mich aber wirklich irritiert: Es sind auf einmal die Jungen, die Schlagermusik zu ihrer Lieblingsmusik gemacht haben. Die haben bis vor Kurzem noch Peter Fox gehört und sich mit anspruchsvolleren Themen auseinandergesetzt. Und jetzt finden sie Andreas Gabalier total funky. Dann denk ich mir: Was ist denn da passiert auf dem Weg?

Was wollt ihr mit eurem Protest bewirken?

BORIS: Uns ist es wichtig, zu aktuellen Themen unseren Senf dazu zu geben und zu sagen, was uns ankotzt an der Gesellschaft. Wir sehen es aber nicht als unsere Aufgabe, Lösungen zu präsentieren. Es reicht schon, die Fragen zu stellen. Ohne, dass wir immer wissen, wie’s denn besser geht.

RENZ: Wir legen den Finger in die Wunde.

BORIS: Das klingt ganz schön eklig.

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11 2015 The Red Bulletin

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