Fettes Brot

Fettes Brot: Die Hip-Hop-Analyse

Interview: Paul Krisai
Foto (oben): felixkrueger.com

Zwölf Tracks in fünf Minuten: Mit ihrem legendären Deutschrap-Medley (siehe unten) lieferten Fettes Brot eine Hommage an ihre Vorbilder und Kollegen. Cros Lässigkeit, die Macht von Deichkind, Sidos Ghetto-Poesie – die Hamburger Rap-Veteranen deuten 12 stilprägende Tracks.

1. „Reimemonster“ (Afrob & Ferris MC)

KÖNIG BORIS: „Reimemonster“ ist ein absoluter Knaller, ein deutscher Hip-Hop-Klassiker.

DOKTER RENZ: Mein Lieblingslied von Ferris MCs neuem Album ist „Fensterlose Zeit“. Ferris ist ein alter Weggefährte, wir haben schon 1995 zusammen die Bühnen der Republik gerockt.

2. „Mein Block“ (Sido)

DR: Sido hat eine atemberaubende Karriere hingelegt. Ich war schwer beeindruckt von seinem Hit „Mein Block“. Eine sehr humorvolle, dirty Art, mit der er da aus seinem Viertel erzählt. Natürlich ahnt man, dass das rapmäßig übertrieben ist, aber es ist auf jeden Fall eine neue Art der Ghetto-Poesie, die man so auf Deutsch noch nicht gehört hatte.

KB: Wir wissen ja, dass er uns früher gehört hat. So kam es dann auch, dass er Dokter Renz zu den 30-11-80 eingeladen hat. Da klingelte einmal das Telefon und Sido war dran. Mit Doc Renz er sich einen geilen Rapper geangelt.

Hier zum Track in bester Sound-Qualität: soundcloud.com

© Sebastian Pertsch // YouTube

3. „Chabos wissen, wer der Babo ist“ (Haftbefehl)

KB: Das Interessante an ihm ist, dass er eine neue Sprache als Kunstform erfunden hat. Inhaltlich zwar manchmal nicht ganz unsere Schiene – zu brutal, zu viele Messer, aber „Chabos wissen, wer der Babo“ ist ist ein absoluter Kracher.

4. „Safari“ (Da Blumentopf)

DR: Blumentopf waren schon immer Meister im Wortspiel. Ein schöner Eindruck ist bei „Liebe und Hass“ zum Beispiel: Was ich lieb: unsere Platte steht in jedem Plattenladen / was ich hass: unsere Platte steht in jedem Plattenladen. Das ist der gleiche Satz mit anderer Betonung. In sowas sind sie absolute Meister. Super Typen. 1996 waren wir schon gemeinsam auf Tour. Da habe ich schöne Erinnerungen dran.

5. „Fremd im eigenen Land“ (Advanced Chemistry)

DR: Eines unserer großen Vorbilder, an denen wir uns “abarbeiten” mussten. Sie hatten damals schon eine ganz eigene Strahlkraft und „Fremd im eigenen Land“ war ein absolutes Opus. Und leider ist das Thema aktuell wie nie.

6. „Dickes B“ (Seeed)

DR: „Dickes B“ war das erste Lied von denen, das ich auf dem Schirm hatte. Irgendwie haben die Berlin noch mal auf eine neue Art und Weise dargestellt. Ich liebe zum Beispiel auch das Video zu „Aufstehn“, das so aussieht wie der Süden der USA, etwa Mississippi, und in Wahrheit ist es auf den Spreearmen gedreht.

„Da klingelte einmal das Telefon und Sido war dran.“
König Boris

7. „Easy“ (Cro)

DR: Cro lässt einen mit den Ohren schlackern, was Lässigkeit und in die Wiege gelegte Coolness angeht. Das ist es, was ihn auszeichnet: Er wirkt authentisch.

KB: Das ist auch gar keine Pandamaske, das ist sein echter Kopf.

DR: Das ist das Einzige, was ich als künstlich wahrnehme: Er tut, als wäre er ein Pandabär. Trotzdem: Super Typ. Er hat Schwung in die deutsche Hip-Hop-Landschaft gebracht und wird die Nation noch musikalisch entführen.

8. „Sie ist weg“ (Die Fantastischen 4)

KB: Gemeinsam mit Advanced Chemistry eine der zwei Bands, die für uns wie Leitplanken waren. Wir kennen uns gut, Smudo wohnt ja auch in Hamburg, man läuft sich ab und zu mal über den Weg. „Sie ist weg“ hat uns sehr beeindruckt, ein absoluter Klassiker.

DR: Immer wenn das während meiner Zivildienstzeit im Radio lief, hab ich vor lauter Freude lauter gedreht. Kurz darauf war’s ein Nummer-1-Hit. Das haben die uns tatsächlich voraus, wobei wir in Österreich ja auch mal einen Nummer 1 Hit hatten („Lass die Finger von Emanuela“, Anm.). Aber man muss ja noch Ziele haben.

 Fettes Brot

© Press Handout

9. „Weck mich auf“ (Samy Deluxe)

DR: Von seiner Raptechnik waren wir alle fasziniert. Das war so eine Freshness, die er hatte. Er hat sich als enorm wandlungsfähig erwiesen und die Sachen, die er mit Afrob zusammen macht – gut.

10. „‘Türlich ‚Türlich“ (Das Bo)

KB: Das Bo hat seinen ersten Rapauftritt auf einem unserer Konzerte gehabt. Auf der Tournee mit der Mitschnacker-EP. Wir kommen alle aus benachbarten Dörfern und so haben wir uns schnell zusammengefunden. Jeden Samstag sind wir damals gemeinsam nach Hamburg ins Powerhouse gegangen. “Fettes Brot +10” stand immer auf der Gästeliste.

„Immer wenn während meiner Zivildienstzeit „Sie ist weg“ im Radio lief, hab ich vor lauter Freude lauter gedreht.“
Dokter Renz

11. „Leider geil“ (Deichkind)

DR: Ich finde die Band besonders beeindruckend, weil sie Katastrophen wie den Tod eines Bandmitglieds, die andere Bands längst ins Jenseits befördert hätten, scheinbar schadlos und immer stärker werdend überstanden haben. Wirklich krass, die haben sich wie ein Phönix aus der Asche immer wieder neu erfunden. Und mittlerweile sind sie eine Macht – live und auch, was aktuelle Statements zur Zeit angeht.

KB: Wir freuen uns, dass einer von ihnen auf unserem neuen Track „Meine Stimme“ mit drauf ist: Kryptic Joe.

12. „Rock On“ (Beginner)

DR: Wie alle anderen warten wir auch drauf, ob’s noch ein Album gibt von denen.

KB: Ich hab auf Facebook gelesen, sie arbeiten dran. Bambule ist ein Klassiker, der in keinem gut sortierten Hip-Hop-Schrank fehlen sollte. Mit den Beginnern haben wir 1993 unser erstes Konzert gespielt. Björn Beton würde jetzt erzählen, dass damals auf der Bühne ein Hakenkreuz mit der Motorsäge zersägt wurde. Das hat ihn damals sehr beeindruckt.

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11 2015 redbulletin.com

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