Frank Spotnitz über "The Man in the High Castle"

Frank Spotnitz: Was uns „The Man in the High Castle“ lehrt

Interview: Holger Potye
Foto: Liane Hentscher

The Red Bulletin hat sich beim TV-Festival in Monte Carlo mit dem Showrunner getroffen, um mit ihm über sein Leben nach „The Man in the High Castle“, seine neue Serie und einen möglichen Wiedereinstieg bei „Akte X“ zu sprechen.

Durch seine Arbeit an „Akte X“ wurde Frank Spotnitz bekannt. Seine aktuelle Serie - „The Man in the High Castle“ - sorgte bei Amazon Prime für Furore. Mit dem Gedankenexperiment „Was wäre, wenn die Nazis den zweiten Weltkrieg gewonnen hätten?“, das auf einem Roman von Philip K. Dick basiert, bescherte er dem Streaming-Dienst Traumquoten. Jetzt ist er für eine neue Serien-Herausforderung bereit - eine der mächtigsten Familien der euopäischen Geschichte.

THE RED BULLETIN: Sie werden in der 2. Staffel von „The Man in the High Castle“ nicht mehr als Showrunner tätig sein. Warum sind Sie ausgestiegen?

FRANK SPOTNITZ: Es gab kreative Differenzen, unterschiedliche Anschauungen darüber, wie die Geschichte sich weiterentwickeln sollte. Ich wollte in eine Richtung gehen, in welche die anderen nicht gehen wollten. Das respektiere ich und habe die Konsequenz daraus gezogen. Ich denke aber, dass es trotz meines Ausstiegs eine großartige zweite Staffel geben wird. 

Die 2. Staffel von „The Man in the High Castle“ startet am 16. Dezember auf Amazon Prime.

© Youtube // Series Trailer MP

Hatten Sie lange überlegt, bevor Sie sich entschlossen haben, einen Roman von Philip K. Dick zu adaptieren? Schließlich hat er eine große Fan-Gemeinde, die nur schwer zufriedenzustellen ist.

Ich konnte mich daran erinnern, dass ich das Buch vor langer Zeit gelesen hatte und es mir damals gut gefiel. Als ich es nun von Neuem las, dachte ich nur: „Diese Geschichte zu adaptieren wird eine echte Herausforderung. Es ist nämlich eigentlich keine richtige Geschichte, eher Gedankenfragmente.“ Ich wollte nicht ein weiterer von denen sein, die eine Geschichte von Philip K. Dick vermurksen. Also habe ich einige Wochen damit verbracht, darüber nachzudenken, wie man die Ideen in seinem Roman am besten umsetzen könnte. Dann wurde mir klar: Es geht nicht direkt. Ich muss Dinge ändern und eine eigene, neue Storyline erfinden, die es im Buch nicht gibt. Aber ich habe versucht, die großen Themen, die in Philip K. Dicks Buch aufgezeigt werden, auf die Serie zu übertragen.

Welche da wären?

Für mich gab es zwei zentrale Fragen. Erstens: Wie bewahrt man seine Menschlichkeit in einer unmenschlichen Welt? Wie schaffst du es, wenn du in einer brutalen Gesellschaft lebst, nicht selbst zum Monster zu werden? Wie bewahrst du Menschlichkeit in deinem Handeln? Und zweitens: Was ist Realität und was Fiktion? Was ist das Wesen von Realität? Letztere Frage taucht in allen Geschichten von Philip K. Dick auf, die ich gelesen habe. Also habe ich versucht, den Plot der Geschichte um diese beiden Fragen herum zu konstruieren. Während ich das tat, tauchte plötzlich eine dritte zentrale Frage für mich auf: Was ist eigentlich Freiheit? Wie definiert man sie? Wir alle haben sehr unterschiedliche Aufassungen und Ideen zum Thema Freiheit.

From the Greater Reich, to the Pacific States, to #SDCC2016. #HighCastle Regram: @lukekleintank

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Wer war für die Auswahl des Titelsongs “Edelweiss” verantwortlich? 

Als wir die Pilotfolge der Serie im Schnittraum bearbeiteten, meinte der Cutter, dass er vor kurzem eine wirklich seltsame Aufnahme eines Songs namens „Edelweiss” von einer japanischen Sängerin gehört hatte. Das klang interessant. Das Lied “Edelweiss” ist nämlich eigentlich ein amerikanischer Song. Er wurde von den Komponisten Rodgers und Hammerstein für ein Musical, in dem eine österreichische Familie den Nazis entflieht, geschrieben. Als ich die Variante der japanischen Sängerin gehört hatte, dachte ich nur: „Das ist perfekt.“ Die Variante ist irgendwie unheimlich und man bekommt ein bisschen Gänsehaut. Leider konnte wir die Rechte zu dieser Version nicht auftreiben. Also haben wir unsere eigene Version produziert und uns dabei von der japanischen Sängerin inspirieren lassen.

Mit „The Man in the High Castle“ wollten Sie die Konsequenzen, die eine hasserfüllte Ideologie mit sich bringt, aufzeigen. Kann man die Serie daher auch als Kommentar zum aktuellen Zustand der amerikanischen Politik, insbesondere des US-Präsidenschaftswahlkampfs, betrachten?

Meine Absicht war, dass sich das Publikum beim Schauen der Serie unwohl fühlt. Die Geschichte wird von den Gewinnern geschrieben. Die Menschen, die nach dem zweiten Weltkrieg auf der Gewinnerseite waren, sagen immer gerne: „Das war damals. Die Nazis waren die Bösen. Wir waren die Guten.“ Tatsächlich ist es aber anders. So funktioniert das nicht. Es gab eine Menge guter Menschen in Deutschland und Italien und all den anderen Staaten, die von einer bösen Ideologie infiltriert und verführt wurden. Das könnte jedem passieren. Wir alle müssen dagegen ankämpfen. Dieser Instinkt in uns zu hassen, intolerant und brutal zu sein - das ist eine grundlegende Schwäche im Wesen des Menschen. Dagegen müssen wir immer ankämpfen und einen Weg finden, uns davor zu schützen.

„Es ist eine Schwäche im Wesen des Menschen - dieser Instinkt zu hassen, intolerant und brutal zu sein. Dagegen müssen wir immer ankämpfen und einen Weg finden, uns davor zu schützen.“

Was können Sie uns über die zweite Staffel von The Man in the High Castle verraten?

Sie unterscheidet sich stark von der ersten. Die Welt wird viel größer. Die Charaktere ändern ihre Positionen stark im Laufe des Geschehens. Das ist notwendig, weil „The Man in the High Castle“ auf einem Streaming-Medium läuft. Im klassischen TV kannst du dasselbe Ding jede Woche von neuem durchziehen, und es ist doch immer irgendwie unterschiedlich. Geschichten auf Streaming-Plattformen sind hingegen der klassischen Romanstruktur verpflichtet. Man erzählt langsamer und die Charaktere verändern sich stark im Laufe der Zeit.

Ihre neue Serie heißt „Medici: Masters of Florence“. Warum glauben Sie, liebt das Publikum historische Kostümdramen im Serienformat?
 
Es ist mein erstes historisches Drama und mir wurde, während ich daran arbeitete, bewusst, dass ich geschichtliche Dramen aus demselben Grund liebe, aus dem ich Science Fiction mag. Wenn du an einer historischen Geschichte arbeitest, musst du sie gezwungenermaßen interpretieren. Die Geschichtsschreibung hat nicht alles und alle in ihre Annalen aufgenommen. Es gibt jede Menge Löcher, unbekanntes Terrain. Also musst du diese Löcher als Geschichtenerzähler stopfen. Die Medici-Saga ist eine unglaubliche Geschichte. So interessant und einzigartig, wie nichts was bisher im TV gemacht wurde - denke ich.

Am Anfang der Serie stellen wir die Frage: „Was, wenn Giovanni de Medici – der übrigens der Gründer der größten und einflussreichsten Bank in Europa war – in Wahrheit ermordet wurde? Wir wissen nämlich bis heute nicht, ob er ermordert wurde. Es wäre durchaus möglich. Es gab Anschläge auf sein Leben, aber in geschichtlichen Büchern finden sich keine genaueren Details zu den Umständen seines Todes. Aber falls er ermordet worden wäre, hätten seine Söhne natürlich ein Interesse daran, den Mörder zu finden. Und damit hatten wir das Rahmengestell für unsere Serie über die Medici, eine der einflussreichsten italienischen Dynastien vom 15. bis 18. Jahrhundert, gefunden.

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Waren Sie mit der Neuauflage von „Akte X“ zufrieden?

Ich war fasziniert und irrsinnig gespannt. Ich habe immer Kontakt zur „Akte X“-Community im Web gehalten. Ich habe sie in ihren Bemühungen unterstützt, genug Geld aufzutreiben, um „Akte X“ wieder zurück auf den Bildschirm zu bringen. Ich war so glücklich, als es dann tatsächlich passierte. Allerdings war ich auch enttäuscht, dass ich nicht mitarbeiten konnte, weil ich zu dem Zeitpunkt gerade an „The Man in the High Castle“ arbeitete. Aber es sieht ganz so aus, als würde eine zweite neue Staffel folgen.

Sie könnten ja an Staffel 2 mitarbeiten?

Wer weiß, wer weiß. „Akte X“ lag mir immer schon am Herzen. Alles ist möglich …

Was halten Sie vom Cliffhanger am Ende der ersten neuen Staffel?

Hm, ich habe keine Ahnung was sich Chris (Carter - der Erfinder von „Akte X“) dabei gedacht hat. Aber ich möchte unbedingt sehen, wie er den Cliffhanger auflöst. Ich war genauso überrascht wie das Publikum und tappe immer noch im Dunkeln.

Welche TV-Serien schauen Sie im Moment?

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Ich habe kaum Zeit fernzuschauen. Die einzigen Serien, die ich mir garantiert immer ansehe, sind „Breaking Bad“ and „Better Call Saul“. Der Grund dafür: Ihr Erfinder, Vince Gilligan, ist ein guter Freund von mir. Wir haben damals bei „Akte X“ zusammengearbeitet.

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08 2016 The Red Bulletin

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