Carice van Houten

„Game of Thrones ist wie Shakespeare“

Text: Holger Potye
Bilder: Getty Images 

Liam Cunningham und Carice van Houten sprechen mit THE RED BULLETIN über ihre Rollen in der fünften Staffel von Game of Thrones und das Erfolgsgeheimnis der Serie.

THE RED BULLETIN: Glauben Sie, dass die Serie so erfolgreich ist, weil es Parallelen zu unserer heutigen Zeit gibt? 

LIAM CUNNINGHAM: Wenn du deinen Job als Schauspieler, Filmemacher, Künstler ernst nimmst und gut machst - ohne pseudokünstlerisch und affig zu werden – dann hältst du der Gesellschaft einen Spiegel vor. In der Serie geht’s um Paranoia, Rache, Macht, alte unbeglichene Rechnungen und Kontrolle. Wenn man sich anschaut, was in den letzten fünf Jahren in unserer Welt passiert ist, oder gerade passiert – speziell im Mittleren Osten und in der Ukraine – wenn die Zuseher Parallelen zwischen unserer Serie und der echten Welt finden, wird es Zeit sich Sorgen zu machen.

Die Art und Weise wie in unserer Fantasywelt Macht dargestellt wird - anders ausgedrückt: Der normale Bürger ist den Mächtigen vollkommen egal - reflektiert die heutige Gesellschaft. Ich will jetzt nicht zu politisch werden, aber die meiste Zeit streiten unsere Herren Politiker doch darüber wer den Längeren hat. Es geht nicht um das Wohl der Bürger oder um das Wohl des Staates. Sie spielen ihre eigenen Spielchen. Das Problem an der Sache ist, dass ihre Spielchen Konsequenzen haben – Menschen sterben deswegen. In Game of Thrones zeigen wir wie Macht selbst anständige Menschen korrumpieren kann. Sie werden zu Monstern. Ich denke, dass wir als Schauspieler und ebenso die Macher der Show unseren Job richtig und gut machen. Es ist nur schade, dass man das von unseren Politikern meist nicht behaupten kann.

Game of Thrones - Staffel 5

Die fünfte Staffel von Game of Thrones erscheint in den USA im April auf HBO.

Liam, das erste Mal wurde ich auf Sie aufmerksam, als Sie in „Dog Soldiers“ gespielt haben - der erste Film von Neil Marshall… 

Liam: Das stimmt, ich habe mit ihm seinen ersten Film Dog Soldiers gedreht und auch seinen aktuellen Film Centurion.

Für Game of Thrones schrieb er die  berüchtigte Battle-Episode „Blackwater“…

Liam: Ja er drehte den Kampf um Blackwater. Für GoT drehte er das erste Mal fürs Fernsehen. Er ist ein guter Freund von mir und schickte mir nach der Ausstrahlung eine SMS: „Hab‘ gerade eine Kritik im Rolling Stone Magazine gelesen. Da steht „Blackwater“ ist möglicherweise die beste Stunde TV-Unterhaltung, die je gemacht wurde.“ Und darunter schrieb Neil: „Nicht schlecht für einen Anfänger.“ Er ist ein lustiger Kerl und ein toller Regisseur. Ich hoffe wir können bald wieder zusammenarbeiten.“ 

Carice, Game of Thrones hat viele starke Frauen-Charaktere – Sansa, Missandei, Daenerys – und natürlich Ihre Figur, Melisandre. Was dürfen wir von ihr in Staffel 5 erwarten?

GoT

Liam Cunningham als „Ser Davos Seaworth“

 CARICE VAN HOUTEN: (Lacht.) Wie beantworte ich die Frage ohne etwas zu spoilern? Sagen wir so, das ist bis jetzt meine Lieblingsstaffel für meinen Charakter. Ich hatte mehr zu tun, als je zuvor und Melisandres Fokus verlagert sich - mehr darf ich wirklich nicht verraten.

Liam (wirft ein): Sie macht eine unglaubliche Entwicklung in der neuen Staffel durch!

Carice: Es ist ein gutes Jahr für mich.

Liam: Ja, für dich vielleicht! Aber nicht unbedingt für einige andere Charaktere! Vielleicht, möglicherweise, unter Umständen…

Carice: (Lacht.) Da gab es eine Szene im Drehbuch, als ich die gelesen habe …

Liam: Vorsicht!

Carice: Ich war schockiert. 

Liam: Ja, ich glaube wir haben sie gleichzeitig gelesen und ich dachte mir nur: „Was?!“ - da waren definitiv einige WTF-Momente dabei. 

Erzähl‘ uns ein bisschen über die Entwicklung der Beziehung zwischen Ihrem Charakter und Jon Snow. Am Ende der 4. Staffel treffen Davos und Jon Snow ja bei der Mauer im Norden aufeinander …

Liam: Nun, selbst wenn Stannis (Baratheon) und ich uns wünschen würden, dass uns Jon Snow auf unserer Reise begleitet, gibt es da noch das Problem mit der Night’s Watch. Er hat ihr sein Leben gewidmet. Das macht die Dinge ein wenig kompliziert. Wie auch immer, beim Start der 5. Staffel ist das „Team Stannis“ zum ersten Mal in einer guten Ausgangsposition. Blackwater war ein Desaster. Danach waren wir lange Zeit saft- und kraftlos. 

Carice: Weil sie wieder mal nicht auf mich gehört haben. 

Liam: Ja, so sind sie, die Frauen. (imitiert Carices Stimme:) „Wieso habt ihr nicht gemacht, was ich euch gesagt habe? Ich hab euch gesagt, dass die Sache böse ausgehen wird!“ Der Einwand ist natürlich berechtigt. Sei’s drum. Jedenfalls wollen wir Stannis auf den Thron bringen. Ob mit oder ohne Jon Snows Hilfe. Das Ziel ist der Eiserne Thron. Aber natürlich wäre es logisch ihn als Verbündeten an unserer Seite zu haben. Andererseits hat er gerade einmal 100 Männer an der Mauer im Norden - trotzdem ist er ein ehrenhafter Mann. Ich denke er ist ein bisschen wie ich, wie Davos, nur dass er viel besser aussieht. (zu Carice) Das wäre jetzt die Stelle, wo du sagst, dass ich zu hart mit mir ins Gericht gehe! Hallo, Carice! Sag einfach: „Liam, du siehst auch gut aus!“

Carice lacht, sagt aber nichts.

Liam: Frauen! Jedenfalls ist es ein interessantes Bündnis. Mal schauen wohin es uns führt.

Vergessen wir für einen Moment, dass sie beide Teil von „Team Stannis“ sind. Wen würden Sie sich als Herrscher von Westeros wünschen?

Carice: Ich würde gerne in einer Welt leben, in der Sam Tarly regiert.

Liam: Ich will Joffrey sein!

Carice (imitiert Liam) „Ich will Joffrey sein!“ Ich sehe schon die Schlagzeile vor mir.

„Wenn Joffrey einen Raum betritt, macht sich jeder vor Angst in die Hosen.“ 
Liam Cunningham

Warum wären Sie gerne Joffrey?

Liam: Er ist ein harter Typ. Es ist großartig A****löcher, wie ihn zu spielen. Er ist so verdammt böse, Mann! Ich liebe es Bösewichte zu spielen. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich liebe meine Rolle als Davos. Aber als Guter bist du immer ein bisschen eingeschränkt. Aber ich liebe die Vielschichtigkeit meiner Rolle. Und ich liebe es, mich mit Stannis und Melisandre zu messen.

Carice: Stan und Mel

Liam: Stan, Mel und Dave. So nennen wir uns am Set. Aber wenn man sich eine Figur wie Joffrey anschaut, ist das faszinierend. Er ist das pure Böse. Er betritt einen Raum und jeder macht sich vor Angst in die Hosen. Keiner traut sich ihn anzuschauen. Er hatte schon eine ganz besondere Ausstrahlung. Wir vermissen ihn am Set, nicht wahr Carice?

Carice: ja, ich vermisse Joffrey und Jack sehr!

Liam: Jack (Gleeson) war ein supernetter Kerl. Kaum zu glauben, dass er und Joffrey derselbe Typ sind.

Carice, in GoT gibt es jede Menge Power-Girls. Ist das unter anderem ein Grund, warum die Show so erfolgreich ist?

Carice: Vielleicht ist es einer der Gründe. Für mich ist Game of Thrones ein bisschen wie Shakespeare. Da ist für jeden etwas dabei. Und ja, es reflektiert teilweise auch die moderne Zeit. Ich habe im Time Magazine einen Artikel gelesen, in dem stand, dass es immer weniger Frauenrollen im Kino gibt. Das ist eine traurige Entwicklung. Ich spreche aus Erfahrung. Ich hatte viele Angebote den Co-Star an der Seite eines großen Hollywoodstars zu spielen. Aber ich wurde immer auf die Exfrau, die Frau, die Freundin, die Hausfrau, die Mutter reduziert. Ich meine es ist nichts falsch an diesen Rollen, aber sie sind keine große Herausforderung. 

Man wird also als Frau in Hollywood leicht in eine Schublade gesteckt?

Carice: Ja, und deshalb habe ich beschlossen meine besondere Position als Schauspielerin in meiner Heimat, den Niederlanden, zu nützen. Wir haben viele großartige weibliche Regisseurinnen die spannende Frauenrollen inszenieren. Das ist auch der Grund, warum ich nie nach Hollywood gegangen bin. Ich habe keine Lust mein Leben damit zu verbringen die hübsche Hausfrau zu spielen. 

Liam: Meryl Streep hat einmal in einem Interview gesagt, dass sie, als sie 40 wurde, hintereinander drei Rollen angeboten bekam, in denen sie eine Hexe spielen sollte. Alles klar. Meryl ist jetzt 40! Damit hat sie die besten Jahre hinter sich und muss sich jetzt auf Hexen konzentrieren. Im Ernst, das kann’s nicht sein! Auf der anderen Seite werden jetzt fürs Fernsehen – das man vor zehn Jahren von der Kinoseite her nur mitleidig belächelt hat – geniale Frauenrollen geschrieben. Das ging mit Six Feet Under los. Das Altersproblem für Frauen ist ein Kinoproblem. Die weiblichen Rollen dort sind meist so eindimensional, dass man schon fast durch sie hindurchschauen kann. Sogar die meisten Männerrollen sind Mist. Deshalb wenden mittlerweile auch viele wirklich gute Schauspieler dem Kino den Rücken zu und machen jetzt Fernsehen.

„Game of Thrones ist ein bisschen wie Shakespeare. Da ist für jeden etwas dabei.“
Carice van Houten

 Liam, Sie spielen in der Serie einen Ex-Schmuggler. Haben Sie im richtigen Leben auch schon einmal etwas durch den Zoll geschmuggelt?

Carice: Hast du?

Liam: Manchmal. (Zu Carice:) Weißt Du, was ich immer sage, wenn sie mich beim Zoll aufhalten und mich fragen, ob ich etwas Wertvolles dabei habe, dass ich verzollen muss?

Carice: Nein, weiß ich nicht.

Liam: „Nichts außer meiner Genialität!“ (Lacht.)

Liam, Sie haben in der Serie eine sehr interessante Beziehung zu Stannis kleiner Tochter Shireen Baratheon. Wird man davon mehr sehen?

Liam: Dazu gibt es eine nette Geschichte. Ich hätte mir nie gedacht, dass ich das Wort „süß“ jemals in Zusammenhang mit GoT verwenden würde. Aber es gibt da diese eine Szene in der 4. Staffel. Bevor wir nach Bravos aufbrechen, sitze ich da und sie hilft mir beim Lesen und ich bedanke mich dafür, in dem ich Shireen ein Bussi auf die Stirn gebe. Ich finde die Beziehung zwischen Davos und Shireen hinreißend. Ich bin ihr Ersatzvater und sie ist meine Ersatztochter - wir haben uns gefunden. Ich finde das entzückend. Und ich erinnere mich gut. Als wir die Abschlussparty zur 4. Staffel hatten, kam Kerry Ingram, die Shireen in der Serie spielt, zu mir und fragte mich: Wollen wir ein Selfie machen? Daraus wurde dann das Vater-Tochter-Selfie. Ich stellte es auf Twitter und bekam hunderte Kommentare, wie süß wir beiden doch gemeinsam aussehen. Ich hab einen Narren an ihr gefressen. Vielleicht haben wir noch einige gemeinsame Szenen. Hoffentlich.

Denken Sie die Brutalität und die Sexszenen in Game of Thrones sind wichtig und notwendig?

Liam: Ich glaube wir würden unser Publikum beleidigen, wenn wir auf sie verzichten würden. Die würden sich denken: „Was soll der Sch***? Wollt’ ihr uns etwa bevormunden?“ Wir würden unseren Zusehern keinen Gefallen tun.

Carice: Das ist Paul Verhoeven-Style!

Liam: Verstehen Sie mich nicht falsch. Die Brutalität ist entsetzlich. Aber Brutalität ist nun mal entsetzlich und erschreckend! Du wirst nicht von einem Maschinengewehr niedergemäht, stehst wieder auf und sagst: „Oh, ich sollte wohl besser ins Spital gehen!“ In GoT wirst du in zwei Teile gerissen. Brutalität ist widerlich und das soll auch so sein. Es soll grenzwertig sein. Ich finde man sollte sich die Serie mit Freunden anschauen, um danach diskutieren zu können: „Warum hat er das gesagt? Das war betimmt ein versteckter Hinweis.“ Für mich ist das gemeinsame Genießen und darüber reden das Schönste. Sex und Brutalität brauchen wir aber auch, damit die Show echt bleibt. 

„Ich hoffe HBO macht Millionen mit unserer Show! Denn sie geben uns die Plattform, um fantastische Geschichten erzählen zu können!“
Liam Cunningham

Bei Game of Thrones fällt auch die besondere Freundschaft auf, die zwischen den Schauspielern herrscht. Werden Sie die nicht vermissen, wenn die Show einmal zu Ende geht? 

Liam: Sagen Sie so etwas nicht!

Carice: Ja, es ist schon traurig.

Liam: Die TV-Kritker sagen, dass wir uns gerade im goldenen Zeitalter des Fernsehens befinden mit großartigen Shows wie den Sopranos, Mad Men …

Carice: Breaking Bad! 

Liam: Breaking Bad, natürlich. Und auch all die skandinavischen Serien wie The Killing und Borgen. Das sind alles wunderschöne Serien. Ich denke, dass eine Menge kreativer, hochtalentierter Menschen von Hollywood gelangweilt sind, weil alles gleich so viel kostet und es schwierig ist bei diesen Produktionsbedingungen Gewinn zu machen. Also entstehen die Filme in Hollywood gerade nach dem Reißbrettschema. Eine Fortsetzung folgt auf die andere. Niemand will ein Risiko eingehen. Es geht nicht mehr um Qualität. Gleichzeitig gibt es da einige tapfere Player wie AMC, Showtime und HBO. Ihnen ist bewusst: wenn man eine wirklich gute Geschichte erzählt, ein Risiko eingeht und bereit ist Geld zu investieren, kann man auch Gewinn machen. Und GoT macht eine Menge Geld - und ich meine das nicht zynisch. Ich hoffe HBO macht Millionen mit unserer Show! Denn sie geben uns die Plattform, um fantastische Geschichten erzählen zu können! Und die Tatsache, dass wir hier sitzen und über GoT reden, ist der beste Beweis dafür. Bei der Sache ist jeder ein Gewinner.

Die fünfte Staffel von Game of Thrones gibt es auf SKY zu sehen!

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04 2015 Redbulletin.com 

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