Gemita Samarra

Gemita Samarra - Die Wölfin

Text: Alex Harris
Fotos: ANDREAS KOCK
Stylist: Sara Dunn 
Hair & Makeup: Desmond Grundy

Erfolg mit „Bond“ und „Game of Thrones“, eine atemberaubende Karriere, die zwischen Model, Stuntwoman und Schauspielerin oszilliert: Gemita Samarra ist jemand, den man besser im Auge behält. Fällt aber zum Glück auch nicht allzu schwer.

Für gewöhnlich erscheinen Models am Set unbewaffnet. Gemita Samarra aber legt ihre Rolle beim heutigen Red Bulletin-Shooting ein wenig, sagen wir, schärfer an: Sie hat ein ziemlich beeindruckendes Messer dabei, eines, wie es Freitaucher für Notfälle bei sich tragen. Was auf den ersten Blick ein wenig einschüchternd wirkt, ergibt umso mehr Sinn, je länger man sie im Wasser beobachtet, wie sie entspannt, anmutig, ganz präzise ihre ­Linien durch den Pool zieht, nein: schneidet. 

Das Messer ist Requisite. Zwischen den Takes liegt es in einem Klingenschutz am Esstisch, Samarra braucht die Hände für ihren Smoothie. Zwischen den Schlucken schießen Worte in einem wahren Stakkato aus ­ihrem Mund, man kommt beim Zu­hören kaum mit. Sie hüpft aufgekratzt um das Set, dazu dieses strahlende Lächeln im Dauermodus, glühende Augen. 

Gemita Samarra

„Ich komm auch klar damit, allein zu sein. Das fällt vielen schwer, so als hätten sie Angst vor sich selbst. Ich nicht.“

Es ist nicht schwer, dem Zauber von Gemita Samarra in der Sekunde zu verfallen, ihrer positiven Einstellung, ihres perfekten Filmstar-Looks wegen. Da ist ­etwas Wildes, beinahe Unzähmbares an ihr. Vielleicht kommt das davon, dass sie einen Wolf zum besten Freund hat. Heute ist einer der wenigen Tage, an denen Lupa – Mischling aus Wolf und Schäferhund, gezüchtet von tschechischen Spezialeinheiten für den Kampfeinsatz – nicht an Samarras Seite wacht. „Ich nehme sie mit, wohin es mir möglich ist“, sagt sie. Dass Shootings davon ausgenommen sind, beruhigt die Crew.

Ein Wolf als Haustier ist längst nicht das Verblüffendste an der in Großbritannien geborenen 23-Jährigen mit spanischen und südafrikanischen Wurzeln: Nicht allzu viele Models tauschen High Heels gegen Messer und setzen sich im Stuntbusiness durch. Und noch weniger werden Bond-Girls oder schaffen es in „Game of Thrones“ (zu sehen ist sie in der letzten Staffel). Steht dahinter ein Karriereplan? Nein. Im Gegenteil. Die Liste der Prioritäten war klar: Zuerst Abenteuer. Dann Arbeit. 

„Ich stamme aus einer Zirkusfamilie“, erzählt Samarra, die in England aufwuchs, aber als Kind in ganz Europa rumkam. Ihre Mutter war eine dieser todesmutigen Trapezartisten, von denen man glaubt, dass sie, außerhalb der riesigen rotgelben Zirkus­zelte, in Wirklichkeit gar nicht existieren. „Sport war wichtig in unserer Familie“, sagt Samarra, die heute in London lebt. „Ich wurde nie zu irgendwas gedrängt, aber meine Eltern ermutigten mich, selbst etwas zu tun.“

In die Stuntwelt stolpert man nicht einfach so. Üblicherweise muss man sechs Disziplinen beherrschen, bevor man eine Chance bekommt. Bei Samarra war doch ein wenig Zufall dabei. Ihre beiden liebsten Hobbys – das vom Zirkus inspirierte Reiten und das Schwimmen – sind auf dieser Liste. Und wenn wir jetzt von Hobbys reden, untertreiben wir ein wenig: Sie war in ganz Europa als Turnierreiterin unterwegs und qualifizierte sich als Synchronschwimmerin beinahe für Olympia.

„Ich würde unter Wasser leben, wenn ich könnte. Darum lernte ich Freitauchen.”

Alles begann damit, dass Samarra als Model entdeckt und bei einer Agentur unter Vertrag genommen wurde. Ihre Zusatzqualifikation im Wasser war ein Konkurrenzvorteil. „Nicht als Marktnische, die ich bewusst angesteuert hätte. Es hat sich eher zufällig ergeben, einfach aus meiner Liebe zum Wasser heraus“, sagt sie. „Ich würde unter Wasser leben, wenn ich könnte. Darum lernte ich Freitauchen. Und als man jemanden brauchte, der beim Modeln lange den Atem anhalten konnte, hatte ich den Job. So einfach war das.“

Samarras amphibischer Hintergrund wird bei unserem Shooting in London deutlich. Unermüdlich taucht sie immer wieder unter. Die einzige atemlose Person am Set ist der Fotoassistent, der nervös das Lichtrigg übers Wasser balanciert. Dass sie bloß ­einen ungeschickten Augenblick davon entfernt ist, durch­gebrutzelt zu werden, scheint sie höchstens zu amüsieren.

Samarra

Es ist nicht schwer, dem Zauber von Gemita Samarra in der Sekunde zu verfallen, ihrer positiven Einstellung, ihres perfekten Filmstar-Looks wegen.

Sie hätte ein vergleichsweise komfortables Leben mit dem ­Etikett „Nixenmodel“ führen können, aber ihr Hunger nach ­neuen ­Erfahrungen und Abenteuern ließ das nicht zu. „Nach ein paar Unter­wasser-Jobs dachte ich zuerst: ‚Okay, das ist, was ich ­machen möchte‘“, erzählt sie. „Doch dann gab es Jobs am Ufer, dann welche an Land. So wurde ich vom Fisch zum Frosch, könnte man sagen. Und dann zum … was lebt an Land und schwimmt gern? Hahaha, ich wurde zum Otter!“

Neues zu lernen fällt Samarra leicht, sie lernt Jiu-Jitsu, Surfen, wird Kletterin, Mountainbikerin, Stuntfahrerin … und all diese Skills verschmelzen irgendwann zu einer einzigartigen Karriere. Motto: Tu, was du willst. Und mach es so, wie es dir am meisten Spaß macht. „Mein Credo war immer ganz einfach: Wenn man Geld mit den Dingen verdienen kann, die man liebt, fühlt es sich nicht wie Arbeit an“, sagt sie. „Ich sprach mit dem Stunt-Koordinator beim ersten Unterwasser-Job, und er meinte: ‚Hey, warum machst du keine Stunts?‘ Das war’s. Es kommt mir nicht vor, als ob ich überhaupt arbeiten würde.“

„Ich könnte nie einer dieser Menschen sein, der einfach halbherzig das macht, was er immer schon gemacht hat“, sagt sie. „Wenn jemand sagt: ‚Ich bin in einem Job gefangen, den ich hasse, aber ich kann nicht raus‘, frag ich: warum nicht? Die Grenzen der Menschen sind ihre eigene Erfindung. Deine Grenzen existieren nur in deinem Kopf.“

„Es ist nicht so, dass ich keine Menschen mag. Ich mag sie nur nicht so sehr wie Tiere.”

Samarra spricht übers Leben, als wäre es die einfachste Sache der Welt. Und irgendwie passt das auch zu ihr: Sie ging mit sechzehn von der Schule ab, streifte durch Europa und die USA, eine Ent­deckerin und Nomadin. „Da war diese Farm in den Niederlanden“, erinnert sie sich. „Das war schön. Gemütlich. Zuletzt lebte ich in L. A. Und dann war da noch die Zeit in England auf dem Land. Ich lebte dort eine Weile im Zelt. Es war kalt, aber das war egal: Ich hatte alles, was ich brauchte.“ Sie scrollt durch Bilder auf ihrem Telefon, die ein riesiges Zelt mitten im Wald zeigen, und natürlich ist auf vielen Bildern auch ihr Wolf zu sehen. „Ich bin wahnsinnig gern allein“, sagt sie. „Es ist nicht so, dass ich keine Menschen mag. Ich mag sie nur nicht so sehr wie Tiere. Und ich komm auch klar damit, allein zu sein. Das fällt vielen schwer, so als hätten sie Angst vor sich selbst. Ich nicht.“

Ihre entschlossen individualistische Art hilft ihr dabei, ihren Weg zu gehen – auch wenn Hindernisse auftauchen, seien es ­Gewohnheiten oder sogar Menschen. „Da bin ich proaktiv“, sagt sie geradeheraus. „Ich hab keinen Bock drauf, dass irgendwas nicht so passiert, wie ich will, dass es passiert, dass irgendwas nicht so funktioniert, wie es funktionieren soll. Dann muss man etwas tun, etwas verändern. Auch wenn das Freunde betrifft, ­Lover – wenn dich jemand zurückhält im Leben, muss man Abschied nehmen. Ich weiß, wer ich bin. Ich weiß, wer ich sein will. Wer mich verändern will, soll sich verpissen.“

Gemita Samarra

„Ich würde nicht sagen, dass mich Gefahr anzieht. Ich bin ja nicht dumm.“

Dabei ist Samarra nicht kaltherzig. Sie ist witzig und zurückhaltend. Ihre Aversion gegenüber Menschen ist nicht annähernd so groß, wie sie selbst vorgibt. Es gibt da ein ziemlich dichtes Netzwerk an Menschen rundum. Und ja, sie hat Freunde auf zwei Beinen, ohne Reißzähne. Dass Schauspieler und Ex-Wrestler Dave Bautista zu ihren engsten gehört, überrascht dennoch. (Die beiden lernten einander auf dem Set von „Spectre“ kennen.) 

Nach einer Reihe von Stunt- und Statistenrollen in Ron ­Howards „Rush“, bei „Fast & Furious 6“ und vereinzelten TV-Auftritten wurde Samarra als Double für Bond-Girl Léa Seydoux in „Spectre“ gecastet, der sie ziemlich ähnlich sieht. In einem James-Bond-Streifen in die Luft gejagt zu werden und am Boden rumzurollen ist so ziemlich das Beste, was einer noch nicht einmal 22-jährigen Stuntfrau passieren kann.

Genita Samarra arbeitete als Stuntgirl für „Rush“, „Fast & Furious 6“, „Spectre“ und weiteren Hollywood Hits. Schau dir dieses Interview bei den American Music Awards in 2015 an.

© Mix 96 Buffalo // YouTube

Trotz der Energie, die sie ausstrahlt, und der Souveränität, mit der sie den Menschen rund um sich begegnet, ist ihr Alltag nicht immer ein Honiglecken.

Allein bei den Bond-Dreharbeiten wurde Samarra während einer Fahrszene ohnmächtig, bekam ­einen Tisch von Bautista ins Gesicht gekickt und flog im Heli­kopter waghalsige Manöver über Marokko – ziemlich großzügig gezogene Limits für einen Brotberuf.

„ich weiss, wer ich sein will. wer mich verändern will, soll sich verpissen.“

Abgesehen von einem grenzwertigen Job, „bei dem ich in ­einer Rikscha fast zu Tode katapultiert wurde“, sind ihre Stunts kontrolliert und sicher. Zumindest im Rahmen der Möglichkeiten eines Jobs, für den man wohl die richtige Einstellung mitbringen muss.

„Ich würde nicht sagen, dass mich Gefahr anzieht. Ich bin ja nicht dumm“, sagt sie. „Wenn etwas nur noch durchgeknallt ist, lass ich es sein. Aber natürlich liebe ich Abenteuer, und ich liebe das Risiko.“

Gemita Samarra

Marken wie American Apparel und Rip Curl buchen Gemita Samarra als Model.

Darum findet man Samarra auch eher beim Klippenspringen als freitags im Club. „Ich steh da nicht so drauf – Clubs, Bars, sich besaufen“, sagt sie, „ich glaube nicht, dass mir das jemals Spaß machen wird.“ Ihre Begeisterung bezieht sie aus dem Adrenalin. Und daraus, immer wieder Neues kennenzulernen, Menschen, Projekte, Länder. Nach der Arbeit an „Spectre“, „Game of Thrones“ und diversen Red-Carpet-Auftritten hat es Samarra nach China verschlagen – mit den typischen chinesischen Folgen. 

Sie liest aus einem kürzlich in San Francisco geführten Interview, das vom Englischen ins Chinesische und dann von jemandem, der offenbar nicht die geringsten Kenntnisse auch nur einer der beiden Sprachen besitzt, zurückübersetzt wurde. „Hör mal, was hier steht: ‚Du bist für gewöhnlich keine Frau, die umfallen kann und ins Gesicht geschlagen werden kann‘“, liest sie und zerspringt fast vor Lachen über den holprigen Text. „Und weiter: ‚Ich bin verblüfft, Rollen anzunehmen, die für gewöhnlich nicht versuchsorientiert sind.‘ Hahaha, wie krass ist das?“

Zukunft? Samarra möchte sowohl ihre Stunt-Skills als auch ihr Schauspielkönnen in Filmen unter Beweis stellen, die nicht nur reine Action sind – eher Thriller, intellektuelle Filme, Filme mit guten Plots. Sie möchte eine ordentliche Schauspielerin mit der Lizenz zum Arschtritt sein, so könnte man das wahrscheinlich am besten ausdrücken. Eine angesehene Darstellerin, die auch mal einen Armhebel einsetzt.

Sie ist auf einem guten Weg. Es tun sich viele Türen auf, in die verschiedensten Richtungen. Marken wie American Apparel und Rip Curl buchen sie als Model. Sie arbeitet mit Regisseuren wie Tim Burton und könnte für weitere „Game of Thrones“-­Episoden zurückkommen. Es gibt Verhandlungen mit „National Geographic“ für Dokumentationen über den Schutz des Meereslebens, was natürlich genau ihr Ding wäre. Und von einem kann sie ganz bestimmt nicht lassen: dem unstillbaren Durst nach Abenteuern. Besser also, wir stellen uns ihr nicht in den Weg.

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06 2016 The Red Bulletin

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