anthony Gethin talks about playing Charles Manson

„Wenn du deinen Charakter verurteilst, bist du erledigt“

Text: Holger Potye 
Bilder: Getty Images/NBCuniversal 

Von den Schlachtfeldern von Westeros über Flower Power und den Vietnamkrieg: der britische Schauspieler Gethin Anthony im Interview über seine neue Rolle als Charles Manson in NBC’s „Aquarius“.

Von den Schlachtfeldern von Westeros zu Flower Power, Charles Manson und dem Vietnam-Krieg: Der britische Schauspieler Gethin Anthony ist ein vielbeschäftigter Mann. Nachdem er von einem Schattenwesen in der Fantasyserie Game of Thrones hingemeuchelt wurde, spielt er jetzt selbst ein Monster. Er mimt Sektenführer Charles Manson in der neuen TV-Serie „Aquarius“. Wir haben ihn beim TV-Festival von Monte Carlo getroffen und wollten von ihm wissen, ob ihm der neue Job Albträume beschert.

THE RED BULLETIN: Sie spielen den kriminellen Sektenführer Charles Manson in der neuen TV-Serie Aquarius. Wie bereitet man sich auf solch eine fordernde Rolle vor?

GETHIN ANTHONY: Ich hatte nur wenig Zeit zwischen Casting und Beginn der Dreharbeiten. Ich habe einige Biografien über ihn durchgearbeitet und mir Dokumentarfilme über Manson auf Youtube angesehen. Ich habe mich dabei auf die Zeit vor 1967 konzentriert, vor seiner Gefangennahme. Ich wollte wissen, wie Manson als freier Mann war. Er war ja nur kurze Zeit seines Lebens in Freiheit. Es gibt eine Interview-Aufzeichnung von ihm aus dem Jahr 1967. Die habe ich benutzt, um mir den Tonfall seiner Stimme einzuprägen und die Art und Weise, wie er denkt. Ich musste auch Gitarre lernen und seine Songs einstudieren. Dafür ging ein großer Teil meiner Vorbereitungszeit drauf. 

Aquarius wird vorraussichtlich im Herbst bei uns erscheinen. 

© YouTube/TVMovie247

Was halten sie von Charles Mansons Musik: Gut oder Bullshit?

Ein bis zwei seiner Songs waren Teil des Soundtracks der damaligen Zeit. Es ist belegt, dass einer der Beach Boys seine Musik schätzte. Wie gesagt, einige Songs hätten – wenn man sie rausgeputzt und professionell produziert hätte – gut in den Californian 60’s Sound gepasst. Die restlichen Stücke sind allerdings musikalisch nur schwer nachvollziehbar. Sie scheinen keinerlei Struktur zu folgen. Mein Gitarrenlehrer hat sich ratlos am Kopf gekratzt, als er sie hörte. Er sagte: „Wie soll ich dir das beibringen? Das macht keinen Sinn.“ Ob das nun gut oder schlecht war, wage ich nicht zu beurteilen. Ich verbrenne mir lieber nicht die Finger. (Lacht.) 

Hat Ihnen die Rolle von Manson Albträume beschert?

Die Rolle nicht, aber die Rahmenbedingungen des Drehs. Ich musste von London nach L.A. umziehen, Freunde und Familie zurücklassen und mich dann 24/7 mit Charles Manson beschäftigen. Ja, ich hatte einige Albträume in dieser Zeit. Es gibt einige Szenen, die später in der Serie zu sehen sind, in denen einige echte Manson-Familienmitglieder vorkommen. Das hat mir tatsächlich ein bisschen zugesetzt. 

Planen Sie, aus Recherchegründen Charles Manson persönlich zu treffen? Er ist heute 79 Jahre alt und sitzt im Gefängnis. 

Wir haben darüber oft und viel diskutiert. Ich habe mir den Rat eines älteren Schauspielers zu Herzen genommen. Er meinte, dass es meine Performance nicht verbessern würde. Wenn ich ihn 1967 treffen hätte können, wäre das etwas Anderes gewesen. Zudem dreht sich Aquarius ja nicht um Manson. Er ist nur ein Nebencharakter mit einer Storyline darin.

Stimmt es, dass sie afrikanischen Tanz studiert haben? 

Ah, ich muss hier etwas klarstellen. (Lacht.) Ich habe keine Ahnung, wie es die Info über meine afrikanische Tanzausbildung in meinen Lebenslauf geschafft hat. Es ist wahr, dass ich ein oder zwei High-School-Kurse bei Tanzlehrer Bode Lawal besucht habe. Es ging um Sakoba Dance Music. Es war einfach etwas, was ich ausprobieren wollte. Aber einer meiner High School-Freunde scheint die Info auf meine Wikipedia-Seite gestellt zu haben. Ich würde niemals behaupten, dass ich eine afrikanische Tanzausbildung genossen habe, auch wenn die Workshops damals zugegebenermaßen Spaß gemacht haben. 

Anthony Gethin talks about playing Charles Manson

Gethin Anthony als Charles Manson in Aquarius 

Finden Sie es gut, dass NBC alle Folgen von Aquarius auf ein Mal releast hat?

Ich halte es für eine großartige Idee. Es ist Zeit, Dinge auszutesten. Unterschiedliche Distributionswege sind wichtig, weil wir mittlerweile Inhalte auf verschiedene Arten konsumieren. Ich zum Beispiel, schaue mir immer vier Folgen einer Serie hintereinander an. Wenn eine neue Serie rauskommt, warte ich erst vier Wochen und schau dann alles am Stück. Dann warte ich wieder vier Wochen. 

Also sind Sie kein Binge-Watcher im klassischen Sinn…

Ich bin ein Mini-Binge-Watcher. Vier Folgen am Stück schaff ich, aber nicht 13. Dazu braucht es echtes Engagement. Ich bewundere echte Binge-Watcher.

Wie nähern Sie sich als Schauspieler der Figur Charles Manson? Ist er für Sie ein Monster oder sehen Sie ihn neutral? 

Ich kann und darf ihn nicht als Monster sehen. Ich denke bei den Charakteren, die ich spiele, immer daran, was sie wollen. Was ist ihr Antrieb, ihre Motivation? Wie können sie ihre Ziele erreichen? Welche besonderen Fähigkeiten und Erfahrungen haben sie, um diese Ziele zu erreichen? Würde ich anfangen, darüber nachzudenken, ob die Figur, die ich spiele, gut oder böse ist, habe ich kaum noch Spielraum, was meine Rolle angeht. Wenn du als Schauspieler über deine Charaktere zu urteilen anfängst, bist du ziemlich schnell am Ende. Klar mag einem das schwierig vorkommen, gerade bei einem Typen wie Charles Manson. Aber ich glaube, du würdest der Geschichte keinen Gefallen tun, wenn du ihn verurteilst. Ich denke bei meinen Rollen nicht in der Kategorie Gut/Böse sondern in den Kategorien “Was wollen sie?” und “Wie bekommen sie es?” 

Warum hatte Charles Manson Macht über andere? Was haben sie in ihm gesehen?

Es waren meist nur ganz einfache Dinge und Tricks. Zum Beispiel hat er das Buch „Wie man Freunde gewinnt: Die Kunst, beliebt und einflussreich zu werden” von Dale Carnegie gelesen.

„Ich halte ihn für nichts Besonderes. Er hatte nur Glück, dass die Zeit damals ihm in die Hände spielte.“
Anthony über Charles Manson

Es ist eines der wenigen Bücher, die er gelesen hat. Darüber spricht er auch. Außerdem hat er sich die Geschichte von vielen Zuhältern im Gefängnis angehört, die ihm verraten haben, wie sie ihre Prostituierten dazu bekamen, das zu machen, was die Zuhälter wollen. Das waren verletztliche junge Frauen. Er lernte, wie man solche Menschen manipuliert. Wie er sie dazu bekommt, das zu tun, was er will. Er spricht in einem Interview darüber und gibt es auch zu. Er wurde 1967 aus dem Gefängnis entlassen und ging nach San Francisco. Es war der perfekte Ort zur perfekten Zeit für ihn. Er war von jungen Leuten umgeben, die ihre Augen und Ohren geöffnet hatten. Sie wollten neue Dinge ausprobieren. Bei der ganzen Hippie-Bewegung ging es darum, Ja zu sagen, Ja zu neuen Erfahrungen. In gewisser Weise ist es also wenig verwunderlich, wie er diese jungen Menschen beeinflussen konnte. Dazu brauchte es keine Magie. Er war kein Zauberer, keine faszinierende Gestalt. Ich denke, es ist wichtig, Manson zu entmystifizieren. Ich halte ihn für nichts Besonderes. Er hatte nur Glück, dass die Zeit damals ihm in die Hände spielte. 

Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie in den 60ern gelebt hätten?

(Lacht.) Das ist eine gute Frage! Darüber hab ich noch nie nachgedacht. Wahrscheinlich hätte ich versucht, Musiker zu werden und wäre dabei kläglich gescheitert. Ich wäre wohl ein ziemlich schlechter Gitarrist geworden, der versucht hätte Girls zu beeindrucken.

 

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08 2015 Redbulletin.com

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