„Gewalt lässt einen niemals kalt“

Text: Holger Potye
Bilder: Netflix, Inc.

Charlie Cox spricht mit The Red Bulletin über seine ikonische Rolle als Held in der neuen „Daredevil“-Serie.

Der britische Schauspieler Charlie Cox ist der Held der neuen, gehypten Netflix-Serie „Daredevil“ – basierend auf den Marvel Comics. Die Show ist in erster Linie ein Crime Drama, aufgepeppt mit einer Prise Superhelden-Action. Charlie Cox ist der namensgebende Held Daredevil – in seiner Kindheit hat er durch einen Unfall sein Augenlicht verloren. Untertags arbeitet er als Anwalt, in der Nacht geht er auf Verbrecherjagd.

THE RED BULLETIN: Was war schwieriger: Kampfchoreographie zu lernen und sich durch halb Brooklyn zu prügeln, oder herauszufinden wie man als Schauspieler einen blinden Menschen realistisch darstellt?

Charlie Cox: Das Blindsein war definitiv härter für mich. Die vielen Action-Sequenzen habe ich im Vergleich dazu genossen. Ich mag es, wenn ich als Schauspieler die Möglichkeit bekomme, mich auch physisch zu verausgaben. Ich mag Kampfchoreographie und lerne schnell. Das Fighten war anstrengend, hat aber Spaß gemacht. Zu lernen, wie sich ein blinder Mensch bewegt, wie er kommuniziert, war viel schwieriger. Ich musste, während ich spielte, immer im Hinterkopf bewahren, dass ich nichts sehen kann.

Die erste Staffel von Daredevil läuft derzeit auf Netflix.

Was machte das Blindsein besonders schwer?

Wenn du deine Augen in eine Richtung bewegst, fokussieren sie automatisch. Und ich durfte meine Augen eigentlich nicht fokussieren, weil sich in ihnen nichts widerspiegeln sollte. Sie waren ja eigentlich tot. Und hinter einer Brille konnte ich mich auch nicht die ganze Zeit verstecken. Es war eine schwierige Aufgabe.

Auffällig viele britische Schauspieler sind in letzter Zeit in Superheldenkostüme geschlüpft: Andrew Garfield, Benedict Cumberbatch, Christian Bale, um nur einige zu nennen. Haben die Engländer eine Schwäche für enge Lederkostüme, Capes und Masken?

Es ist verrückt, ich weiß. Aber ich habe keine Ahnung, warum das so ist. Vielleicht ist es ja nur ein Zufall.

Stimmt es, dass Sie, bevor sie den Job als Daredevil bekamen, keine Fitnessclub-Karte besessen haben?

Ja, das ist richtig. 

Wie sieht es mit Fitness-Tipps von Daredevil aus? Wie kommt man schnell in Schuss?

Gern! In Wahrheit geht es um die richtige Ernährung. Sie ist der wichtigste Teil des Fitness-Pakets. Ich würde sagen 80 Prozent sind das richtige Essen. 20 Prozent Workout. Wenn man das Richtige isst, reagiert der Körper darauf sehr schnell. Huhn, Brokkoli, Haferflocken. Es hängt davon ab, ob man schnell Gewicht zulegen oder reduzieren will. Ich musste rasch an Gewicht gewinnen, also aß ich Süßkartoffeln, Haferflocken, Reis, Huhn und Brokkoli.

Daredevil

Erblindet als kleiner Junge, aber ausgestattet mit außergewöhnlich scharfen Sinnen, ist Matt Murdoch drauf und dran Hell’s Kitchen von dem Bösen zu befreien. 

Daredevil ist ein düsteres Crime Drama. Es gibt viel Gewalt und Brutalität. Warum gibt es in Daredevil so viel Gewalt?

Nun, es gibt einige sehr erfolgreiche Shows im Moment, in denen man so gut wie keine Gewalt sieht: House of Cards, Mad Men, Orange Is The New Black. Und dann gibt es natürlich Shows mit mehr Gewalt. Ich denke, Gewalt lässt einen niemals kalt. Sie weckt Emotionen und das zieht uns in eine Geschichte hinein. Außerdem will Daredevil ein eher älteres, erwachsenes Publikum ansprechen. Ich glaube nicht, dass es notwendig ist, Gewalt in einer TV-Serie zu zeigen – bei unserer Show ist das aber etwas anderes. Das gebe ich zu. Wir brauchen einen bestimmten Level an Gewalt. Daredevil ist im Vergleich zu anderen Serien aus dem Marvel-Universum ein bisschen dunkler, mutiger, brutaler. Der Grund dafür liegt meiner Meinung nach in den Comic-Vorlagen. Viele Daredevil-Geschichten zielen auf ein etwas älteres Publikum ab. Unsere Show spricht eher erwachsene Marvel-Fans an, weniger die Kids.

„Wir brauchen ein bestimmtes Level an Gewalt.“
Charlie Cox

Was ist für Sie ein Held?

Ein Held ist jemand, der über sich selbst hinausgeht. Jemand, der sich mit sich selbst intensiv auseinandergesetzt hat und in sich eine Kraft und Courage gefunden hat, die es ihm oder ihr erlaubt über sich selbst hinauszuwachsen und sich besser zu verhalten, als er oder sie das normalerweise tun würden. Ein besseres Individuum, dem es mehr darum geht, dass es anderen gut geht – nicht nur ihm selbst.  

Daredevil

Karen Page, gespielt von Deborah Ann Woll ist eine der zentralen Figuren in Daredevil.

Wie würde ein Battle zwischen Charlie Cox und Ben Affleck (der Star im Daredevil-Film) ausgehen?

(Lacht.) Ein echter Zweikampf? Ben würde vermutlich gewinnen. Er ist, glaube ich, um einiges größer als ich.

Wenn Daredevil die Chance bekommen würde sein Augenlicht wieder zu gewinnen, würde er sie ergreifen? Oder ist seine Blindheit zu einem essentiellen Teil von ihm geworden?

Ich glaube nicht, dass er wieder normal sehen wollen würde. In einem der alten Daredevil-Comics, ich glaube es war in „Daredevil Yellow“, gibt es eine Szene zwischen Karen und Matt. Da sagt sie zu ihm: „Ich wünschte, ich könnte dir mein Augenlicht geben und dich von deiner Blindheit heilen.“ Und über ihm sehen wir eine Gedankenblase. Darin steht: Ich weiß nicht, wie ich es ihr sagen soll, aber ich will nicht wieder sehen können, selbst wenn es möglich wäre.

Daredevil ist in erster Linie ein Crime Drama. Was sind die fünf wichtigsten Zutaten für einen gelungenen Thriller?

Für mich ist Musik extrem wichtig. Der richtige Soundtrack und der richtige Schauspieler. Das wäre dann wohl Jack Nicholson. Dann sollte unser Held auch noch gegen die Zeit ankämpfen müssen. Und einer der Hauptcharaktere muss das Zeitliche segnen. Oh mein Gott! Das klingt alles so formelhaft und konstruiert. (Lacht.) Und wir brauchen noch eine Szene, in der unser Held in Schwierigkeiten gerät und Angst hat - und der Bösewicht lauert genau hinter ihm.

Daredevil wird in New York gedreht. Vermissen Sie London?

Ja, ich vermisse London. Ich liebe New York und ich schätze es sehr, dass ich die Möglichkeit bekommen habe hier zu leben und Teil der verrückten New Yorker Gemeinschaft zu sein. Es macht Spaß, aber im Herzen werde ich immer Londoner bleiben. Ich vermisse meine Heimatstadt, meine Familie und meine Fußballmannschaft [Arsenal].

Was ist das Schönste und was das Schlimmste an London?

Was ich an London besonders schätze, ist das viele Grün - die Parks. Es gibt so viele schöne, große grüne Flächen mitten in London. Das ist eine Seltenheit in Großstädten. In Manhattan gibt es einen großen Park. In London gibt es hingegen den Hyde Park, Regent’s Park, Green Park, St. James’s Park, Clissod Park, Finsbury Park, Clapham Common. Es gibt so viele Parks. Ich liebe es, in London im Park abzuhängen. Das Schlimmste an London ist, dass man den Sommer in den Parks nicht so oft genießen kann, weil es nur selten sonnig ist. Wir haben ein typisch englisches Wetter!

Das letzte, das Matt Murdoch als Kind sieht, bevor er sein Augenlicht verliert, ist sein Vater. Was würden Sie als Letztes sehen wollen, bevor Sie Ihre Augen für immer schließen?

Oh, wow! Das wäre wohl der Ozean.

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06 2015 Redbulletin.com

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