Gregory Porter

„Gute Songs müssen wahr sein“

Text: Andreas Rottenschlager
Bilder: Vincent Soyez  

Ein ehemaliger Football-Spieler hat die schönste Stimme des Jazz. Der Grammy-Gewinner Gregory Porter über den Mut, sich neu zu erfinden.

THE RED BULLETIN: Herr Porter, wo steht eigentlich der Grammy, den Sie 2014 für Ihr Album „Liquid Spirit“ gewannen?

GREGORY PORTER: Auf einem Regal in meiner Wohnung in Brooklyn. Ich hatte ihn monatelang nicht ausgepackt. Die Schachtel sah so edel aus.

Kritiker loben Ihren Bariton und feiern Sie als Retter des Jazz. Dabei wollten Sie als junger Mann Football-Profi werden…

Ich war Linebacker im College-Team der San Diego Aztecs.

… und zwar ein ziemlich gefürchteter. Warum haben Sie so knapp vor dem Sprung in die Profi-Liga NFL mit dem Sport aufgehört?

Weil meine rechte Schulter im Eimer war. Tacklings gegen den Mann, dieselbe Stoßbewegung, jahrelang. Als ich 22 war, sagte der Arzt: „Gregory, du wirst nie wieder Football spielen.“ Die Diagnose haute mich um. Ich war darauf programmiert, Athlet zu sein. Und innerhalb von Sekunden platzte mein ganzer Lebenstraum.

2014 gewann Porter den Grammy für sein Album „Liquid Spirit“ in der Kategorie bestes Jazz-Gesangsalbum.

Wie haben Sie den Schock verarbeitet?

Mit Musik. Ich war mit den Gospelsongs meiner Mutter aufgewachsen, einer Pastorin. Nach der Verletzung wurde Singen meine Therapie. Ich dachte: „Okay, deine Spielerkarriere ist vorbei. Dann stellst du dich vor dem Match auf das Feld und singst die Nationalhymne.“

Das Singen der Hymne ist der emotionale Höhepunkt vor jeder Partie – aber man erwartet dort keinen ehe­maligen Linebacker. Wie ­reagierten die Leute?

Nach dem Spiel kamen sie zu mir und sagten, sie hätten Gänsehaut bekommen. Einige weinten sogar, weil sie meine Stimme so berührte.

Sie waren 22, Ihre Schulter kaputt, Ihr Publikum heulte: Auch so kann eine Karriere beginnen. Wieso veröffentlichten Sie Ihr erstes Album („Water“, ebenfalls Grammy-nominiert; Anm.) erst siebzehn Jahre später?

Ich dachte einfach nicht dran. Ich trat in kleinen Clubs auf und sang am Broadway. So kam ich über die Runden.

„Die Leute weinten, weil meine Stimme sie berührte.“
Gregory Porter, 45, Jazz-Wunder


Mittlerweile begeistert Ihre Stimme sogar in Montreux, beim berühmtesten Jazz-Festival der Welt. Wie kamen Sie zum Jazz?

Weil er die großen Fragen des Lebens stellt: Woher kommen wir? Warum sind wir hier? Wieso gibt es Ungerechtigkeit in der Welt? Songs wie Nina Simones „Mississippi Goddam“ haben zur Gleichberechtigung der Schwarzen genauso viel beigetragen wie die Bürgerrechtsbewegung. Jazz ist geistreicher Protest.

Jetzt verstehe ich, wieso Sie keine Chart-Musik machen.

(Überlegt.) Ich glaube, jede Musik hat ihre Funktion. Sogar Mainstream-Pop. Nehmen Sie diese junge Frau, die dauernd ihren Hintern zeigt …

Kim Kardashian?

Nein, die andere …

Miley Cyrus?

Genau. Das ist Entertainment. Und wenn ich auf dem Dancefloor bin, will ich unterhalten werden. Aber wenn das alles ist, was wir kriegen, haben wir ein Problem.

„Wenn Hintern-Wackeln das Einzige ist, was uns die Pop‑Musik zu bieten hat, haben wir ein Problem.“
Gregory Porter

Die Songs auf Ihrem Album handeln davon, verletzte ­Vögel zu heilen, oder von enttäuschter Liebe…

Ich sehe vielleicht so aus, aber ich bin doch kein Macho. Ich singe auch über verletzliche Männer. Gute Songs müssen wahr sein, nur das zählt.

Welcher Song erzählt denn die Wahrheit über Sie?

„Real Good Hands“ vom ­Album „Be Good“. Es geht ­darum, wie du vor deinem ­zukünftigen Schwiegervater um die Hand seiner Tochter bittest. Ist mir selber passiert. Ich war richtig nervös und brauchte drei Tage, um mir eine Strategie zu überlegen. Dann sagte ich das, was später eine Zeile im Songtext wurde: „Papa, hast du’s vergessen? Als junger Mann hast du dieselbe Situation erlebt wie ich.“

Hat’s geklappt?

Ich bin glücklich verheiratet.

Und Ihre Football-Karriere? Vermissen Sie das Adrenalin und den Schmerz?

Nein, meine rechte Schulter schmerzt ja noch immer, wenn ich mich schnell bewege. Und für das Adrenalin sorgt mein Sohn. Er ist jetzt drei und will schon Football spielen. Ich muss also lernen, mit der ­linken Hand zu werfen.

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12 2015 The Red Bulletin

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