Tim Roth

„Es sind die Schurken, die Eindruck machen“

Text: Ann Donahue 
Foto (oben): John Russo/Corbis Outline

„The Hateful Eight“-Star Tim Roth liebt schwierige Charaktere. Und weiß, warum man keine Angst davor haben sollte, ein Bösewicht zu sein.

Tim Roth ist einer der großen Charakterdarsteller seiner Generation. Und ein Liebling des Publikums – selbst als Killer, Widerling oder Bösewicht. In Quentin Tarantinos jüngstem Western „The Hateful Eight“ mögen wir ihn als schießwütigen Henker. Mit uns bespricht der 54-Jährige, warum es wichtig ist – und höllisch Spaß macht –, die dunklen Ecken des Lebens zu erkunden.

THE RED BULLETIN: Ich fand online eine Fotogalerie Ihrer Rollen. In 80 Prozent der Bilder sieht man Sie mit Schusswaffe oder Schwert. Warum diese Vorliebe für Bösewichte?

TIM ROTH: Ich war in der Schule ein richtiger Außenseiter, wurde gehänselt, lief eigentlich immer vor irgendjemandem davon. Ich weiß also, wie man Tyrannen spielt – ich hab sie oft genug beobachtet, ich bin oft genug vor ihnen geflüchtet.

Der Trailer zum Film „The Hateful Eight“.

© vipmagazin // YouTube

Gerade die Bösewichte sind in Filmen oft die stärksten Charaktere. Was sagt das über uns als Gesellschaft aus, wenn wir uns an den Bösewicht erinnern und nicht an den nachdenklichen Charakter?

Macht es nicht einfach irren Spaß, im Publikum zu sitzen und jemandem dabei zuzusehen, wie er sich komplett in eine Rolle reinsteigert? Ich sehe da nichts Schlimmes. Wie Quentin sagt, man geht doch ins Kino, es ist nicht öffentlich-rechtliches Fernsehen. 

Tarantino-Filme sind besondere Spielwiesen für dunkle Charaktere, wegen all des schwarzen Humors. Zuerst verzieht man das Gesicht, und dann lacht man. Ist es so vielleicht erträglicher?

Auf dem Set lachen wir uns die meiste Zeit kaputt … „The Hateful Eight“ ist witzig und dabei fast schockierend aktuell (nach dem Bürgerkrieg werden acht verwegene Gestalten in einer Postkutschen-Raststation eingeschneit; Anm.). Als wir das Drehbuch durchgingen, gab es die Proteste in Baltimore (infolge der Polizeigewalt gegen Schwarze; Anm.). Während die Kampagne für die Nominierung des republikanischen Spitzenkandidaten an Fahrt gewinnt, erreicht auch der Rassismus ein neues Level. Sie verstecken es nicht einmal, sie versuchen sich gegenseitig darin zu übertreffen. Das macht den Film noch eindringlicher. 

„Manchmal produziert man einfach Mist.“
Tim Roth, 54, Haneke-Opfer

Die Rolle des Bösewichts bekommt in einem Film mit politischer Botschaft besonderes Gewicht, nicht?

Sie wird besser. Aber manchmal produziert man trotzdem einfach Mist. (Lacht.)

Hier frage ich jetzt nicht nach, oder?

Nein, nein, tun Sie das nicht. Mein nächster Film, für die BBC, ist jedenfalls wirklich relevant – es geht um einen Mann, dessen Sohn, ein Militärpolizist, im Irak getötet wurde. Er beginnt Fragen zu stellen und entdeckt eine Verbindung zum Chilcot- Untersuchungsbericht über den Irakkrieg. Er öffnet den Sarg seines Sohnes, sieht, was passiert ist, und will Antworten auf seine Fragen. Premierminister Blair gibt sie ihm nicht, und so geht er selbst ins Rennen um die Wahlen und konfrontiert ihn vor laufenden Kameras. Er nimmt es mit der Regierung auf, aber auf eine sehr elegante und ruhige Art.

Verfolgen Sie Ihre Rollen bis nach Hause?

Meine Frau sagt manchmal „Um Gottes willen, du siehst unheimlich aus.“ Das ist ein paar Mal passiert. Einmal arbeitete ich mit Regisseur Michael Haneke am Thriller „Funny Games“. Es war unglaublich hart. Wir gingen in den ersten Drehtag und beendeten ihn ziemlich verstört. Und das steigerte sich dann Tag für Tag, fünf oder sechs Wochen lang. Der Film hat uns echt alle fertiggemacht. Schon als ich das Drehbuch las, wollte ich es eigentlich nicht machen. Als ich dann die deutsche Version des Films sah, dachte ich nur: „Ach du Scheiße!“

Wie kommt man von solchen Erfahrungen wieder runter?

Ich setzte mich in den Flieger heim und ließ alles hinter mir. Oder versuchte es zumindest. 

Welchen Charakter würden Sie gern einmal spielen?

Ich liebe Jago (Othellos intriganten Widersacher, Anm.)

Noch so ein Schurke.

Er ist ein toller Typ! Ein guter Soldat! (Lacht.)

Klicken zum Weiterlesen
01 2016 The Red Bulletin

Nächste Story