Daredevil

„Dieser Umstand hat das Fernsehen verändert“

Text: Holger Potye
Bilder: Netflix, Inc.

Steven S. DeKnight ist der Showrunner der gefeierten Netflix-Serie Daredevil. Zuvor arbeitete er für TV-Serien wie „Buffy - die Vampirjägerin“ und „Spartacus“. Hier spricht er über den unberechenbaren Erfolg von Daredevil und was eine gute Fernsehserie ausmacht.  

THE RED BULLETIN: Sie haben es mit Daredevil geschafft, auf einem schmalen Grad zwischen Crime Drama und Superhelden-Geschichte zu wandeln. Eine schwierige Aufgabe …

STEVEN S. DEKNIGHT: 
Daredevil-Schöpfer Drew Goddard hat mir eine tolle Blaupause für die Serie gegeben. Ich musste sie nur noch ergänzen und die Sache dann umsetzen. Und Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen: Für uns war Daredevil immer in erster Linie ein klassisches Crime-Drama, in dessen Zentrum ein Anwalt mit ganz speziellen Fähigkeiten steht. Aber trotz dieser Fähigkeiten – er hat eine verbesserte Wahrnehmung – ist Daredevil am Ende des Tages ein Typ wie du und ich.

Er hat keine Superkräfte.

Genau. Er ist nur ein Typ, der an seine Grenzen gegangen ist und seine größte Kraft ist die Tatsache, dass er nicht aufhört, bis er drauf geht. Genau wie sein Vater. Er gibt niemals auf. Das hat es sehr leicht für uns gemacht. Wir haben nie den Druck verspürt eine „Bösewicht der Woche“-Story zu machen. Und weil wir auf Netflix laufen, konnten wir eine Geschichte mit einem großen Story-Bogen planen. Es fühlte sich an, als würden wir einen dreizehn Stunden langen Film mit Anfang, Mittelteil und Ende produzieren.

Die erste Staffel von Daredevil läuft derzeit auf Netflix.

Buffy war eine „Monster der Woche“-Serie. Trotzdem war sie großartig, weil im Hintergrund größere Story-Arcs gesponnen wurden …

Ja, wenn wir zweiundzwanzig Folgen pro Jahr drehen hätten müssen, wäre es unmöglich gewesen, Daredevil so zu erzählen, wie wir das getan haben. Zweiundzwanzig Episoden wären definitiv zu viel gewesen. Das Geniale an Buffy - und ich durfte ja auch daran mitarbeiten – war, dass es zwar ein Monster der Woche gab, das machte aber nichts. Denn Buffy-Schöpfer Joss [Whedon] machte uns klar, dass nicht das Monster das Wichtige war. Wichtig war, wie sich durch das Auftreten des Monsters die Gruppe verändern würde. Wir lernten dadurch neue Seiten an unseren Lieblingshelden kennen.

Es ging also um die Hauptcharaktere, nicht um das Monster, nicht um den McGuffin [Hinweis: ein beliebiges Objekt oder eine beliebige Person, die in einem Film dazu dienen, die Handlung auszulösen oder voranzutreiben] nicht um den Bösewicht, der vernichtet werden musste. Es drehte sich alles um die Charaktere, deren Emotionen und die Interaktion zwischen ihnen.

Warum haben Sie sich für dreizehn Episoden pro Staffel entschieden?

Das war eine Entscheidung des Netzwerks. Dreizehn Folgen pro Staffel sind Standard bei Netflix. Bei Starz, für die ich Spartacus gemacht habe, war es ein bisschen anders. Da hat die erste Staffel immer acht Folgen und die folgenden Seasons haben zehn. Es ist also immer vom Network abhängig. Zwischen zehn und dreizehn Episoden sind derzeit Standard.

„Der Abschied fällt schwer, weil wir eine tolle Crew und großartige Schauspieler haben.“
Steven S. DeKnight

Wann wussten Sie, dass Sie sich Ihre Brötchen verdienen wollen, indem Sie Geschichten erzählen?

Ursprünglich wollte ich Schauspieler werden. Aber mir wurde schnell klar, dass ich für männliche Hauptrollen zu klein und zu wenig attraktiv war. Und auch wenn ich kein schlechter Schauspieler war, war ich nicht gut genug, um die Charakterrollen abzustauben. Ich war kein Dustin Hoffman. Aber ich habe das Theater immer schon geliebt. Also habe ich begonnen, Theaterstücke zu schreiben und am College aufzuführen. Das kam ganz gut an, also habe ich noch ein Extrajahr an der Filmschule drangehängt. Danach schrieb ich Drehbücher für Filme. Und nach sieben erfolglosen Jahren, in denen ich in Hollywood Fuß fassen wollte, bekam ich schließlich einen Job als Schreiber bei einer MTV-Show namens „Undressed“.

„Undressed“ klingt anrüchig, aber interessant …

(Lacht.) Es war mein erster großer Durchbruch. Es war eine Art Low-Budget-Teen-Sex-Comedy. Danach schrieb ich auf gut Glück eine Buffy-Geschichte und schickte sie an Joss Whedons Leute. Joss gefiel sie und ich durfte daraufhin eine Folge Buffy schreiben. Danach bekam ich einen Fixplatz in seinem Team. Das war der Zeitpunkt, an dem mir klar wurde, dass ich meinen Lebensunterhalt mit Schreiben verdienen wollte.

Daredevil

Charlie Cox spielt den blinden Helden Matt Murdock (links) und Elden Henson verkörpert Foggy Nelson, der in der Serie Matt’s bester Freund ist. 

Als vor kurzem bekannt wurde, dass sie als Showrunner bei Daredevil aussteigen, kam das sehr überraschend. Viele Fans hatten Angst, dass es einen ähnlichen Grund wie Frank Darabonts Abgang bei The Walking Dead“ gegeben hat.

(Lacht.) Nein, ich trennte mich vom Daredevil-Projekt nicht im Streit. Als ich Daredevil als Showrunner von Drew Goddard übernommen habe, hatte ich bereits ein fixes Filmprojekt geplant und allen gesagt, dass ich nur für ein Jahr zur Verfügung stehen würde. Danach würde ich das andere Projekt machen. Der Abschied fällt schwer, weil wir eine tolle Crew und großartige Schauspieler haben.

Und Daredevil ein großer Erfolg ist.

Ja, das stimmt. Und ich wünsche meinen Nachfolgern viel Spaß und Erfolg.

„Wenn es die Geschichte weiterbringt, wenn du einen speziellen Charakter killst, dann kille ihn. Schonungslos.“
Steven S. DeKnight

Sehen wir Sie vielleicht als Showrunner bei der dritten Staffel wieder?

Nun, ich hoffe unsere neuen Showrunner Doug Petry und Marco Ramirez machen einen tollen Job – und das lange. Wenn es mein Zeitplan erlaubt, würde ich gerne wieder ins Marvel-Universum zurückkehren.

Mit einem anderen Superhelden im Schlepptau?

Vielleicht eine Show mit einem anderen Charakter, vielleicht beim geplanten „The Defenders“-Projekt, oder bei einem Marvel-Film. Ich habe die Zusammenarbeit auf jeden Fall genossen.

HBO’s Game of Thrones hat das Killen von wichtigen, zentralen Figuren zur Kunstform erhoben. Bei Daredevil sterben auch zentrale Figuren. Gehören die „Surprise Death“-Momente mittlerweile zum guten Ton bei modernen Serien. Sind sie ein zentraler Teil des Storytellings geworden? (++++SPOILER ALARM++++) 

Ja, stimmt. Ich habe dasselbe ja auch bei „Spartacus“ gemacht. Da sind ja auch wesentliche Charaktere der Reihe nach abserviert worden – wenn es der Story zugute kam. Hier ist meine Sichtweise: Wenn die Storyline dich an einen Punkt bringt, an dem dir klar wird, dass es die Geschichte weiterbringt, wenn du einen speziellen Charakter killst, dann kille ihn. Schonungslos. Jeder kann jederzeit sterben. Bei Daredevil gab es zwei elementare Verluste: Wesley und Ben Urich. Der Tod von beiden war bereits beschlossen noch bevor ich an Bord kam. Beide Kill-Offs waren brillant. Ich musste mir nur noch überlegen, wie man sie am besten umsetzen kann. Ben Urich Tods hat wohl die meisten Marvel-Fans geschockt, weil Ben eine zentrale Figur im Daredevil- und Spider-Man-Universum ist. Marvel wollte, dass die Zuseher, unabhängig davon wie viel sie über die Comics wussten, niemals voraussagen können, was in der TV-Serie passieren wird.

Und was ebenso wichtig war: Wir wollten Fisk, dessen Sympathiewerte wir einige Zeit hinaufgeschraubt hatten, eine Grenze überschreiten lassen, um das Ende der ersten Staffel spannend zu machen. Fisk hat Ben nicht etwa gekillt, weil er dabei war ihn auffliegen zu lassen und eine Story darüber in der Zeitung zu bringen. Nein, Fisk brachte Ben um, weil Ben Fisks Mutter kontaktiert und sie in die Sache mit hineingezogen hatte. Das war für Fisk Bens unentschuldbares Verbrechen. Fisk und seine Frauen sind ein heikles Thema. Diese Lektion musste der Russe Anatoly ja schon in Episode Vier lernen, als er Fisk vor seinem Date blamierte. Du darfst die Frauen in Fisks Leben nicht beleidigen, sonst flippt er völlig aus. Es war sicherlich ein mutiger Schritt von Marvel Ben Urich sterben zu lassen, aber für die Show war es definitiv die richtige Entscheidung. 

Wie haben die Fans auf Bens Tod reagiert?

Schockiert waren alle. Einige waren richtiggehend wütend, andere meinten, dass es einfach ein verdammt guter Story-Twist war. Wir wussten, dass viele Fans aufschreien würden, wenn wir Ben killen. Aber für die Story war es wichtig.

Daredevil

Matt Murdock, gespielt von Charlie Cox kämpft mit dem Gauner Piotr, gespielt von Paul Mann.

Wer hatte die Idee Vincent D’Onofrio als Fisk an Bord zu holen?

Das war Teamwork. Als ich bei Daredevil einstieg, war das Erste, was ich tat, Marvel-Producer Jeph Loeb Bilder von Vincent aus dem Internet zu schicken. Er hatte abgeschorene Haare und einen Schnauzer. Ich sagte zu Jeph: Vergiss den Schnauzer, das ist unser Mann! Er schaut nicht nur von der Statur her wie Wilson Fisk in den Comics aus. Er ist außerdem noch ein phänomenaler Schauspieler und er würde unser Projekt auf einen neuen Level heben. Jephs Antwort lautete: Ja, er ist absolut fantastisch und perfekt für die Rolle. Aber wir werden ihn niemals bekommen. Er ist ziemlich beschäftigt und seine Gage ist wegen seiner Rolle in „Law & Order: Criminal Intent“ astronomisch hoch.

Unsere Casting-Direktorin Laray Mayfield kannte Vincent privat und kontaktierte ihn einfach. Und es stellte sich heraus, dass er ein großer Daredevil-Fan war und großes Interesse am Projekt hatte. Er meinte: Vergessen wir einmal die Gagen-Geschichte. Was habt ihr mit Wilson Fisk vor?! Kurz darauf war er an Bord. Ich glaube nicht, dass die Show ohne ihn als Bösewicht so populär geworden wäre. Für mich ist der Held immer nur so gut wie sein Gegenspieler. Und mit Vincent D’Onofrio hatten wir einen perfekten Gegenspieler.

Nennen Sie mir fünf Elemente, die ein perfekter Thriller oder ein gutes Crime Drama braucht …

Daredevil

Ein Blick hinter die Kulissen: Charlie Cox mit dem Regisseur und Executive-Produzenten Steven DeKnight (rechts) am Set von Daredevil.

Du brauchst eine spannende Ausgangslage. Du brauchst einen großartigen Antagonisten. Der Antagonist muss nicht unbedingt menschlich sein. In „Der weiße Hai“ ist der Gegenspieler unseres Helden ein Hai. Solange man einen fantastischen Antagonisten hat, wird die Geschichte funktionieren. Dann brauchst du Spannung – die unterscheidet sich im übrigen vom nächsten Element, das da wäre: ein kathartischer Abbau von Spannung. So was nennt man dann Schrecken. Du musst die Geschichte also extrem dicht und spannend aufbauen und die angestaute Spannung dann mit einem Schreckmoment auflösen. (Lacht.) Und das letzte Puzzleteilchen ist extrem schwierig: Du musst ein gutes Ende hinkriegen. Die Auflösung der Geschichte muss das Publikum befriedigen und auch noch Sinn machen. Oftmals funktionieren Thriller in den letzten zehn Minuten nicht mehr, wenn es darum geht alles logisch aufzulösen. Und wenn ich noch ein klitzekleines Puzzleteilchen hinzufügen darf: Unser zentraler Protagonist, also der Held, muss so sympathisch sein, dass wir uns mit ihm identifizieren können.

Daredevil

Vincent D’Onofrio spielt Wilson Fisk in der Netflix-Serie Daredevil.

Unsere modernen TV-Helden scheinen mehr Fehler zu haben, als noch vor zehn Jahren. Sind ihre Helden-Gene mutiert?

Es ist absolut okay, einen Helden mit Fehlern zu haben. Momentan sind ohnedies die Anti-Helden als Protagonisten auf dem Vormarsch. Man muss sich nurBreaking Bad, Better Call Saul oderDie Sopranos anschauen. Und man hat heutzutage Gott sei Dank mehr Freiheiten in punkto Antihelden-Konzipierung.

Die Showbranche meint, dass das TV gerade ein goldenes Zeitalter erreicht hat.

Der Ausgangspunkt hierfür war meiner Meinung nach, dass die Pay-TV-Anbieter damit begonnen haben, selbst eigenständigen Content zu produzieren - besonders was einstündige Dramaserien betraf. HBO zeigte und zeigt mit Serien wie „Die Sopranos“, Deadwood undGame of Thrones“ vor, was möglich ist. Dann kamen die Kabel-Anbieter wie AMC und Serien wie Mad Men. Danach kam es zu einer wahren Explosion von Content-Produzenten und Outlets. Als ich klein war, gab es in den USA drei TV-Sender. Da hatte man keinen Vorteil, wenn man ein Risiko eingegangen ist. Heutzutage gibt es so viele Abspielstationen und so viele Content-Lieferanten, da macht es durchaus Sinn, ein Risiko einzugehen und etwas Neues auszuprobieren, um sich von der Masse abzuheben. Dieser Umstand hat meiner Meinung nach das Fernsehen verändert.

Die andere Sache, die für das sogenannte goldene Zeitalter verantwortlich ist: Die Pay-TV und Kabelanbieter und Streamingdienste wie Netflix oder Amazon Prime haben beschlossen, dass eine TV-Serie nicht unbedingt zweiundzwanzig Folgen pro Jahr haben muss. Wenn man nur zehn bis dreizehn Episoden produziert, kann man längere, kompliziertere Geschichten erzählen. Und die Folgen müssen nicht mehr in sich abgeschlossen sein. Man kann das Ganze viel weiter ausdehnen. Wie wir das auch bei Daredevil gemacht haben. Wir leben gerade in einer sehr spannenden Zeit, was TV-Serien angeht und es gibt riesige Chancen im TV-Universum. Man muss nur Mut haben und sie nützen.

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06 2015 Redbulletin.com

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