jason clarke

Vollstoff

Text: Andreas Tzortzis
Fotos: Michael Muller

Wir haben „Everest“-Star Jason Clarke in einen 860-PS-Truck gesetzt. Und ihm dabei zugehört, wie er sein Leben erzählt. Eine Geschichte über Durchhaltevermögen. Und darüber, wie man Chancen nutzt.   

Das gurgelnde Pock-Pock-Pock der 860 Leerlauf-PS klingt nach unehelichem Kind einer Harley-Davidson und eines Apache-Kampfhubschraubers und übertönt alles, was irgendjemand im Umkreis von ein paar hundert Metern sagen könnte, Betonung auf könnte: Erstens sind wir hier in der Hungry ­Valley Recreation Area nördlich von Los Angeles, also ziemlich allein auf weiter Flur. Zweitens steht dem Mann hinterm Lenkrad der Mund offen. Denn dieser Truck ist anders als alles, was Jason Clarke je gefahren ist.

Das Ungetüm mit NASCAR-Motor, Vollcarbon-Karosserie und „Mad Max“-Look hat nichts zu tun mit all den Porsches und offenen Sportwagen, die der aus „Terminator: Genisys“ und „Zero Dark Thirty“ bekannte Hollywood-Star sonst in seiner Freizeit rund um Los Angeles durch die Gegend drischt. In den Gurten festgezurrt, drückt der 46-Jährige das Gaspedal durch und donnert einen staubigen Hügel hinauf. Am Gipfel bremst er abrupt, reißt das Teil herum und donnert als eine Art Staublawine wieder den Abhang runter.

Er klettert wackelig hinter dem Lenkrad hervor, im auffällig blassen Gesicht ein breites Grinsen. 

„Unpackbar“, sagt er. „Wow. Wow, wow, wow! Einfach nur wow. In dem Ding zieht es dir den Arsch zusammen. Dieses Ding macht dir Angst. Aber es ist so geil. Du musst dich nur trauen, richtig Gas zu geben. “

jason clarke

860 PS und viel Landschaft: ein Ausflug ganz nach dem Geschmack von Jason Clarke

Ein Risiko eingehen und dafür belohnt werden, das passt insgesamt gut zu Jason Clarke.

Die aufsehenerregende Rolle in ­Phillip Noyce’ Aborigine-Drama „Long Walk Home“ (2002) und die unterkühlte Performance als CIA-Agent in „Zero Dark Thirty“ (2012) wären für die allermeisten Schauspieler Höhepunkte ­gewesen. Er sieht sie nur als Stationen auf seinem Weg. Er stand als Affenfreund Malcolm in „Planet der Affen: Revolution“ ebenso für authentisches Blockbuster-Feeling wie als John Connor in „Terminator: Genisys“. 

Aber es ist seine unglaublich präzise Performance als todgeweihter Berg­führer Rob Hall im kommenden Expeditions-Drama „Everest“, die Clarke ganz an die Spitze bringen könnte.

Im Auto des Phantoms

Doch vorläufig sitzt er noch auf ­einer Parkbank im verblassenden Licht des Nachmittags, weit weg vom Staub und Lärm des Tages. Der Trophy Truck steht nebenan in all seiner wunderbaren Bedrohlichkeit. Er gehört Robert Acer, einem Phantom der amerikanischen Motorsport-Community. Acer ist, so sagt man, ein vermögender Mann aus Malibu. Aber niemand weiß das genau. Niemand kennt seinen echten Namen, niemand kennt sein Gesicht, denn Acer nimmt in der Öffentlichkeit niemals seinen Daft-Punk-artigen Helm ab. 

„Ich wollte Jason das vorher nicht sagen“, ertönt seine Stimme gedämpft aus dem Carbon-Helm mit dem verspiegelten Visier. „Aber je schneller man dieses Ding fährt, desto geschmeidiger wird es. Er hat das ganz richtig erkannt. Find ich cool, dass er selbst draufgekommen ist.“

Schau dir den Trailer zu „Everest“ an!

© YouTube / Universal Pictures Germany

Jason Clarke kam als Sohn eines Schafscherers und einer Justiz­angestellten im winzigen Winton in Queensland in Australiens Nordosten zur Welt. Als ältestes von vier Kindern verbrachte er die meiste Zeit damit, seine kleinen Geschwister auf Streifzügen durch das Outback zu beaufsichtigen. „Eine coole Zeit“, sagt er. Aber die Anziehungskraft der großen Stadt wurde irgendwann doch zu groß.

Er ging nach Sydney, jobbte in einem Café. Die meisten Gäste waren Rucksacktouristen. „Diese Aura der Freiheit und des Abenteuers, die sie umgab, faszinierte mich. Und dann hatte ich ­irgendwann die Idee, dass die Schauspielerei für ein ähnliches Lebens­gefühl steht. Also schrieb ich mich in einer Schauspielschule ein.“

Man kann nicht sagen, dass Jason Clarkes Einstieg ins Schauspielgewerbe kometenhaft verlief. In den nächsten Jahren hielten sich Versuch und Irrtum einträchtig die Waage. Clarke war pleite. „Ich hätte dann irgendwann sicher ­etwas anderes gemacht. Es hat doch keinen Sinn, herumzusitzen und als frustrierter Schauspieler allen auf den Sack zu gehen.“ 

Die Wende mit 33 Jahren

Die Wende kam gerade noch rechtzeitig, als Clarke 33 war und knapp vorm Aufgeben. Der australische ­Regisseur Phillip Noyce schenkte ihm in „Long Walk Home“ das Vertrauen, Clarke glänzte als Polizist in dem herzzerreißenden Aborigine-Drama. 

Landsmann Noyce hatte den Sprung in die USA damals schon hinter sich. Nun brachte er seinen Landsmann auf den Gedanken, es ihm gleichzutun, ebenfalls den Sprung nach Amerika zu wagen, zu den großen Filmen, den großen Studios, den großen Chancen. „Hab keine Angst“, sagte er zu Clarke, „du kannst es schaffen.“

Nach Amerika zu gehen war ein Alles-oder-nichts-Ding“, sagt Clarke. „Was machst du, wenn es nicht klappt? Ich hatte keinen Plan B. In Amerika zu scheitern hätte bedeutet, nach Hause zurückzukommen und … ich weiß es nicht. Ich wusste es auch damals nicht. Vielleicht Schafscherer wie mein Vater. Ich hatte als Kind gesehen, wie hart seine Arbeit ist.“

„Abgesehen von seiner ­Gesundheit ist das größte Gut eines Mannes sein Wort“
Jason Clarke zitiert Gabriel García Márquez
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Als die Rollen ausblieben, kaufte Jason Clarke einen 1989er-Ford-Thunderbird und fuhr in die Wüste zum Felsenklettern.

Clarke kratzte irgendwie 10.000 Dollar zusammen, kaufte ein Ticket nach Los Angeles und beschloss, es so lange in den USA zu versuchen, wie das Geld reichte.

Als die Rollen ausblieben, kaufte er einen 1989er-Ford-Thunderbird und fuhr in die Wüste zum Felsenklettern oder nach Nordkalifornien zum Backpacken. „So hatte ich zumindest das Gefühl, irgendwas zu tun, nicht nur rumzusitzen und zu warten. Ich dachte: Wenn es nicht klappt, hab ich immerhin Amerika gesehen.“  

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„Beim Backpacken kannst du viel lernen“, weiß Jason Clarke.

„Die Anfangszeit war frustrierend. Dauernd hab ich versucht, einen Fuß in die Tür zu bekommen, doch da war immer jemand, der sie fest zuschlug.“

Die erste Tür, die keiner mehr zuschlug, war „Brotherhood“, eine Showtime-Serie. Jason Clarke, damals schon 37 Jahre alt, wurde für eine der zwei Hauptrollen gecastet.

„Das war Glück. Auch wenn es Durststrecken gab, hatte ich immer wieder großes Glück“, sagt er. „Mit Regisseur Michael Mann bei ‚Public Enemies‘, mit Kathryn Bigelow bei ‚Zero Dark Thirty‘. Und natürlich auch mit Baltasar Kormákur bei ‚Everest‘. Es gab damals viel Druck, größere Namen als mich zu casten. Eigentlich war Christian Bale für die Rolle vorgesehen.“

Kormákur erinnert sich: „Ich wollte jemanden, der sich gerade nach oben kämpft, der hungrig ist, der bereit ist, mit mir an die Grenzen zu gehen. Dieses Profil passte perfekt auf Jason.“

jason clarke

Hoppla! Am Steuer: Jason Clarke. Der Abstand der Reifen zum Boden war nicht ganz beabsichtigt. Fahrbericht nach der Rückkehr: „Wow. Wow, wow, wow!“

Vor ein paar Jahren filmte die „Everest“-Crew Szenen rund um Weihnachten in der Nähe Londons, als ein Wintersturm über Irland und Schottland zog. Clarke und der erfahrene Everest-Guide und Berater Guy Cotter flogen sofort zum 1344 Meter hohen Ben Nevis im schottischen Hochland.

„Wir kletterten bei Nacht, im Sturm, es ging darum, das echte Gefühl für all das zu entwickeln“, sagt Clarke. Er wollte verstehen, wie sehr Details – ein verlorener Handschuh, ein verspäteter Aufbruch, ein unerwartet heftiger Schneesturm – eine ganze Expedition ins Verderben führen können, wie 1996 jene von Rob Hall, packend nacherzählt vom Bergsteiger und Autor Jon Kra­kauer, der auch selbst an der Unglücks-Expedition teilgenommen hatte („In ­eisige Höhen“). 

„Jason war äußerst penibel“, sagt ­Cotter. „Wir verbrachten Stunden damit, Bücher durchzulesen, Erzählungen zu vergleichen, bis ins letzte Detail.“ 

Cotter hatte 1992 mit Rob Hall zu arbeiten begonnen. „Es war nur eine Frage der Zeit, dass Hollywood auf den Stoff aufmerksam werden würde“, sagt er. Die Vorstellung, einen Film über den Tod eines Freundes zu machen, ­beunruhigte ihn. Doch Kormákur und Clarke nahmen bereits kurz nach Drehbeginn mit Cotter Kontakt auf und ­baten ihn um seine Mitarbeit. Er wurde Clarkes Lehrmeister, nahm ihn mit zum Klettern in seine Heimat Neuseeland.

jason clarke

Er war pleite. Er dachte schon ans Aufgeben. Doch dann kam Landsmann Phillip Noyce.

 In Nepal, nah beim Everest Base Camp auf 5363 Metern, löcherte Clarke Cotter mit Fragen – wie er sich unter Sauerstoffentzug bewegen konnte, wie er mit dem Team Kontakt hielt, „tausend Dinge“, sagt Cotter, „er imponierte mir. Sein Interesse war ehrlich.“

Und dann war da das Yak.

Es gibt eine Einstellung im Film, wo eine Herde der Tiere eine Brücke überquert. Kormákur wollte mehrere Takes machen, aber die Yaks blieben stur. „Man konnte sehen, wie sie unruhig wurden“, sagt Cotter. Als eines in Panik geriet, packte es Clarke, gemeinsam mit Filmpartner Josh Brolin, bei den Hörnern, bevor es jemanden über die Klippe stoßen konnte. – Das ist jene Art von Anekdote, die eigentlich alles über Clarke aussagt.

„Nach Amerika zu gehen war eine Alles-oder-nichts-Sache. Ich hatte keinen Plan B.“  
Jason Clarke über den Sprung nach Hollywood
jason clarke

Clarke stammt aus dem australischen Outback. Landschaften, deren Charme sich erst auf den zweiten Blick erschließt, sind ihm also vertraut.

Die Ausfahrt geht dem Ende zu. Clarke schält sich aus dem Truck-Führerhaus , die Sonnenbrille noch auf, den Helm schon ab­gelegt. Ob er sich als Star fühlt? „Ich möchte kein Star sein. Ich mag mein Leben, ich mag es, ganz normale Leute zu treffen und ganz normal mit ihnen zu reden.“

Vor kurzem wurde er Vater, jetzt ­beschäftigt ihn auch sein Vermächtnis. „Ich höre mir Gabriel García Márquez’ ‚Liebe in den Zeiten der Cholera‘ gerade noch mal für einen Film an, in dem ich spielen werde“, sagt er. „Und da ist ­dieses Zitat: ‚Abgesehen von seiner ­Gesundheit ist das größte Gut eines Mannes sein Name‘, ich verstehe das als: sein Wort. Ich möchte mein Kind nicht mit hunderten Millionen Dollar zurücklassen. Es geht darum, seinen ­eigenen Weg zu finden. Ich glaube, darin liegt ein Abenteuer.“ 

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10 2015 The Red Bulletin

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