Jessie Ware

Frische Ware

Text: Ruth Morgan
Bilder: Maria Ziegelböck

Ihr Soul-Pop-Debütalbum war ein Welterfolg. Nun legt Jessie Ware nach. Mit einem neuen Album und frischen Erkenntnissen: wann man besser nicht mit den Fingern pfeift und wie man wie ein Seehund klingt.

Wenn du mit Jessie Ware sprichst, wird das halbe Who’s Who der Showbranche er­wähnt: Sie arbeitete mit Solange Knowles zusammen, Russell Crowe tweetete ihr ­zunächst und tauchte dann bei einem ­ihrer Gigs auf, Katy Perry outete sich als so großer Fan, dass sie Jessie in ihren Backstage-Bereich einlud.

Nicht, dass sie mit all den Namen angibt. Eher umgekehrt. Jessie Ware ist in ihren Erzählungen fast skurril unpräten­tiös. „Ich hüpfe von einem Fettnäpfchen ins nächste“, sagt sie mit ihrem Akzent ­irgendwo zwischen Südlondon und Privatschule. „Wann immer ich einem Promi ­begegne, krieg ich Sprechdurchfall. Echt. Verliere die Kontrolle über das, was ich sage. Und was ich tue. Als ich das erste Mal Chance The Rapper traf, war ich auf einem Konzert und hatte gerade mit den Fingern im Mund gepfiffen. Chance lehnte sich zu mir rüber, stellte sich vor und wollte mir die Hand schütteln. Ich: ‚Greif diese Hand nicht an! Sie ist voll Spucke.‘ Und er nur: ‚Aha.‘ Du hättest seinen Blick sehen sollen! Hahaha!“

Jessie Ware hat immer noch damit zu tun, sich ans Berühmtsein zu gewöhnen. Man merkt das. Dabei hätte sie eigentlich genug Zeit dafür gehabt. 2012 brachte sie „Devotion“ raus, ihr erstes Soloprojekt, eine Sammlung von anspruchsvollem Downtempo-Soul-Pop. Ihre Stimme war Insidern da bereits bekannt, dank der im Jahr davor herausgebrachten Elektronik-Hits des Londoner Produzenten SBTRKT und des Singer/Songwriters Sampha.

„Wenn ich einem Promi begegne, krieg ich Sprechdurchfall. Echt.“
Jessie Ware
Jessie Ware

Das Projekt brachte Jessie Ware zahlreiche Award-Nominierungen – und eine Fangemeinde von A-Promis. Nicht schlecht für jemanden, der nie Popstar sein wollte. „Ich wollte Sozialarbeiterin werden. Oder Journalistin. Oder Anwältin für Familienrecht“, sagt Jessie, während sie sich auf einem riesigen Ledersofa in den Red Bull Studios London ausstreckt, wo sie ihr erstes Album und einen großen Teil des Nachfolgers „Tough Love“ aufgenommen hat.

„Ich habe es zuerst mit Journalismus probiert, dann in einer Anwaltskanzlei.“ Ihre Musikkarriere verdankt sie dem britischen Sänger und Songwriter Jack Peñate. Mit ihm besuchte sie eine Londoner Kunstschule, zu deren Absolventen auch Jude Law und Florence Welch zählen.

„Ich hatte nie den Mumm, als Solo­sängerin Karriere zu machen“, sagt Ware. „Aber als Jack mich fragte, ob ich als Background-Sängerin mit ihm auf Tour gehen würde, sagte ich sofort zu. Ich hatte nie das Bedürfnis, dass sich alles nur um mich dreht. Ich mochte es einfach, auf der Bühne zu stehen und zu singen. Dann stand ich also da und sang. Und in der Folge genoss ich es schon sehr, wie das Publikum jubelte. Und begann zu über­legen: ‚Vielleicht, wenn ich mein eigenes Lied hätte …‘“

„Ich wollte Sozialarbeiterin werden. Oder Journalistin. Oder Anwältin für Familienrecht“, sagt Jessie.


Mit neunundzwanzig ist Jessie von ­einer Nebendarstellerin zur Hauptattraktion geworden; sieht stylish aus mit ihren roten Prada-Schuhen, der schwarzen Hose und der marineblauen Oversized-Bluse. Sie erzählt, dass sie sich bei der Arbeit an „Tough Love“ deutlich selbstbewusster fühlte als bei ihrem Erstling.

Für ihr ­zweites Album bekam sie auch einiges an Unterstützung, darunter vom derzeit angesagtesten britischen Songwriter Ed Sheeran, vom japanischen Produzenten-Duo BenZel und dem angehenden R ’n’ B-Superstar Miguel. „Es hat etwas für sich, zu wissen, dass einige deiner Kollegen gut finden, was du machst“, sagt sie. „Es ist eine Bestätigung und gibt dir das Gefühl, dazuzugehören.“

Trotz der vielen Gäste auf dem neuen Album bleibt Wares unverkennbarer Sound im Vordergrund. „Tough Love“, eine wunderschöne Prince-artige BenZel-Produktion, ist Titelsong und erste Single Auskopplung. Die Nummer unterstreicht auch das neue Selbstbewusstsein von ­Jessie Ware: Sie pusht sich eine Oktave über ihre Wohlfühlzone hinaus. „Ich habe bisher noch nichts davon live performt“, sagt sie, „und bin schon ziemlich auf­geregt, wie das sein wird … ein paar Nummern sind extrem hoch. ‚Tough Love‘ live zu singen ist ziemlich unmöglich. An einem guten Tag könnte ich mir vielleicht vorstellen, es unter der Dusche hinzu­bekommen.“

Aber es gibt ja für solche Fälle erprobte Lösungen. „Ich werde es live ganz un­geniert in einer anderen Oktave singen“, sagt sie. „Es wird noch immer hoch sein, aber ich werde eher wie ein Seehund ­klingen und nicht wie ein Delphin. Und schlechtes Gewissen brauche ich des­wegen auch keines haben: Selbst Michael Jackson hat live nicht alles in der gleichen Oktave gesungen.“

„Tough Love“ ist am 3. Oktober erschienen.

Die Fakten

Diskografie:
„Tough Love“, 2014; „Devotion“, 2012


Zünftige Happen:
Jessie Ware ist süchtig nach dem pikanten britischen Aufstrich Marmite. „Außerhalb Großbritanniens – und Aus­traliens – versteht das niemand. Wenn ich Leuten im Ausland erkläre, ich liebe ­einen salzigen Hefe-Extrakt mit viel Vitamin B12, meinen sie, das klingt komisch. “


Künftige Sounds:
Ware liebt Musicals und ­würde nur zu gerne ein ­Album im Big-Band-Musical-Stil machen. „Ich bezweifle nur, dass mein Manager mich das machen lassen wird, ­bevor ich vierzig bin.“
 

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11 2014 The Red Bulletin

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