johnnyrandom

„Jedes Fahrrad klingt anders“

Text: AR Sánchez
Fotos: Rick Rodney

Der New Yorker Komponist JohnnyRandom hat sich in der Musikszene mit seinem Fahrrad Gehör verschafft. Nun möchte er einen Müllzerkleinerer schön klingen lassen.

„Bespoken“ klingt zunächst wie ein ganz normales Musikstück, ein ziemlich cooles sogar. Doch das Besondere dran ist nicht, wie es klingt, sondern was klingt: Es wurde mit einem einzigen Instrument eingespielt. Einem Fahrrad. Der in Kalifornien lebende New Yorker Johnnyrandom ist der Mann, der Speichen in Gitarren und Reifen in Drums verwandelt. 

THE RED BULLETIN: Die meisten Leute benutzen Fahrräder zum Fahrradfahren. Wie kamen Sie auf die Idee, damit ­Musik zu machen?

„Man muss sie richtig stimmen, dann klingen Speichen wunderschön.“
Johnnyrandom

Johnnyrandom: Das geschah schon als Kind. Ich war vier, als ich ein Huffy-Fahrrad bekam. Ich begann gleich einmal, mit den Speichen rumzuexperimentieren. Ich wollte rausfinden, was man tun muss, damit sie für Musik taugen. 

Das ist aber nicht die typische Heran­gehensweise eines Vierjährigen an das Rad, das er soeben geschenkt bekommen hat.

Ach, wissen Sie, ich war ein bisschen ein Einzelgänger. Meine Lieblingsbeschäftigung war Hören. Man könnte sagen, ich habe die Welt mit den Ohren entdeckt. Klingt vielleicht nicht allzu aufregend …

… doch, doch!

… aber ich bin wirklich dankbar dafür, dass ich mir selbst überlassen war. ­Dadurch konnte sich meine Neugier ­ungehindert entfalten. Außerdem hatten wir keinen Fernseher daheim. So blieb Zeit zum Lesen und zum Ausprobieren von ­Instrumenten oder anderen Dingen, mit denen ich Musik machen oder „kom­ponieren“ konnte.

Wie haben Sie entschieden, welche Fahrradteile in Ihrer Musik welchen Part übernehmen sollen?

Jedes Rad hat seinen eigenen akustischen Fingerabdruck. Straßenräder haben fili­grane mechanische Komponenten, die sich perfekt für perkussive Sounds einsetzen lassen. Wenn man bei konstanter Dreh­geschwindigkeit das Profil eines Reifens mit einem Plektrum spielt, klingt es wie ein verzerrter E-Bass. Mit einem elektromagnetischen E-Bow kann man auf den Kabeln der Gangschaltung spielen. Scheibenbremsen haben einen großartigen Klang, wie ein chinesischer Gong. Und der kann über 60 Sekunden lang anhalten! 

Was war das überraschendste Klangelement, das Sie gefunden haben?

Der schönste und zugleich am schwierigsten einzufangende Klang war jener der Speichen. Für jede Note musste ich alle Speichen des Rads auf den exakt gleichen Ton stimmen. Man muss sie richtig stimmen, dann klingen Speichen wunderschön. Außerdem muss es ein „radial“ ­gespeichtes Rad sein, also ohne sich überkreuzende Speichen. Als ich es zum ersten Mal probierte, brauchte ich eine Stunde, um eine einzige Note zu spielen. Um eine komplette Oktave einzuspielen, brauchte ich eine Woche.

Je überlegt, Ihr Rad live zu spielen?

Mit Musikern ginge das auf keinen Fall. Es müssten so viele sein, das wäre dann nicht mehr in der nötigen Präzision möglich. Theoretisch wäre es mit zwanzig Fahr­rädern und extrem leistungsstarken, von maßgeschneiderter Software gesteuerten Robotern denkbar, „Bespoken“ live zu performen. Aber das würde wohl an den Kosten scheitern.

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© Marc Bertel

War „Bespoken“ Ihre erste musikalische Arbeit mit Fahrrädern? 

Ich habe 2006 ein kurzes Rad-Arrangement von Tschaikowskys „Tanz der Zuckerfee“ gemacht, eine Auftragsarbeit für ­Specialized Bicycle Components. Das war eine nette Weihnachts-E-Card damals!

Vielleicht eine dumme Frage, weil ­Pianisten fahren mit ihrem Klavier ja auch nicht durch die Gegend. Aber ­benützen Sie Ihr Rad manchmal auch auf herkömmliche Weise? 

Klar. Radfahren ist für mich der beste Weg, mich geistig wieder frisch zu machen. Ich fahre am liebsten Mountainbike in den Redwoods rund um die Bay Area von San Francisco, wo ich lebe. Mein Lieblingsrad ist ein Specialized Stumpjumper FSR. Es hat übrigens auch einige tolle Sounds für „Bespoken“ geliefert. 

Was ist Ihr Lieblingslied rund ums ­Thema Radfahren?

Aktuell „Bicycle“ von St. Vincent. Aber ich interessiere mich für die ganze Geschichte des Fahrrads in der Musik, von Samuel Goss, der 1899 das „Musik-Fahrrad“ erfand, bis zu Queen, Zappa und Kraftwerk.

Sie haben auch mit Küchenutensilien Musik gemacht …

Meine nächste Veröffentlichung heißt „Clarify“ und dekonstruiert eine komplette Küche, aber auf eine Art und Weise, wie man es sich nicht erwarten würde. Ich habe vielleicht sogar einen Weg gefunden, einen Müllzerkleinerer schön klingen zu lassen.

JOHNNYRANDOM

Alter, Geburtsort
40 Jahre, New York City 

Karriere
Studium am California ­Institute of Arts (CalArts), das beim Northridge-Erd­beben 1994 zerstört wurde. Im Berklee College of Music in Boston lernte er, Film- und Fernsehmusik zu machen.

Der Name
„Ich hatte mal Probleme mit einem Synthesizer. Also fing ich an, aufs Geratewohl (engl.: at random; Anm.) Tasten zu drücken, plötzlich lief er wieder. Mein Name ­erinnert mich daran, dass die beste Methode manchmal die unerwartetste ist.“

Musik
„Bespoken“, „Bespoken ­(Inverted MTB Remix)“, „Clarify“ und jede Menge Arbeiten für Fernseh­werbespots

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12 2014 The Red Bulletin

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