Jon Bernthal

Jon Bernthal: Der härteste Kerl in Hell’s Kitchen

Interview: Holger Potye
Photo: Netflix

US-Schauspieler Jon Bernthal mischt als The Punisher die 2. Staffel von Daredevil ordentlich auf. Im Interview erklärt er seine düstere Rolle und auch, wie der Beruf sein Leben gerettet hat.

THE RED BULLETIN: Sie verkörpern den ultrabrutalen Rächer The Punisher in der 2. Staffel des Serien-Hits Daredevil. Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie jeden Morgen über die Brooklyn Bridge gewandert sind, um ans Set zu kommen? 

JON BERNTHAL: Es wäre für mich unmöglich gewesen, diese Rolle zu spielen, wenn ich nicht selbst Vater wäre und eine eigene Familie hätte. Ich denke, das ist der Ausgangspunkt für meinen Part. Wenn ich ein versierterer Schauspieler wäre, würde ich Ihnen jetzt erzählen, dass ich eine wunderbare Zeit in New York hatte, dass ich in jeder Menge Bars und Restaurants abgehangen bin und mich mit Freunden amüsiert habe. Aber das ist nicht meine Art zu arbeiten. Ich musste mich in eine finstere Ecke meiner Seele verkriechen und mich von allen isolieren. Es war die einzige Möglichkeit, mich auf diese Rolle vorzubereiten.

© Netflix US & Canada // YouTube

Klingt nach harter Arbeit.

Ja, aber hinter jeder erstrebenswerten Sache steckt harte Arbeit. Diese Rolle zu spielen war für mich eine große Verantwortung und Ehre. Ich glaube, der Punisher als Comic-Charakter bedeutet vielen sehr viel. Wenn man sich Comics anschaut, dann findet man Sprechblasen mit einigen, wenigen Wörtern darin. Da braucht es schon das Publikum, den Comic-Leser, um die Geschichte und die Charaktere darin mit einer großen Menge eigener Fantasie lebendig werden zu lassen. Was wiederum bedeutet, dass Comic-Leser eine sehr persönliche Beziehung zu Comic-Charakteren haben, deren Geschichten sie folgen. 

Wie war es mit Frank Castle, so heißt The Punisher mit richtigem Namen, als Schauspieler zu leben?

Spaß war es keiner. Das können sie mir glauben. Es ist eine Ehre für mich, dass ich diese Rolle spielen darf. Ich war noch nie zuvor in meinem Leben an diesem Punkt. Ich mag Dinge, die schwer zu erreichen sind, Dinge, die mir Angst einjagen und mich herausfordern. Genau das will ich und genau an diesem Punkt bin ich mit dieser Rolle. Es gibt eine Liedzeile in einem Song von The Grateful Dead: “Anybody that sweats like that must be all right.” Jeder der im Schweiße seines Angesichts arbeitet, muss okay sein. Diesen Zugang hatte ich immer zu meiner Arbeit. Du musst schwitzen, dich spüren, damit sie etwas wert ist. Leichte Aufgaben interessieren mich nicht.

It will take everyone to save Hell's Kitchen. #Daredevil

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Würden Sie sich freuen, wenn Der Punisher eine eigene Serie bekommt. Wären 6 weitere Jahre mit Frank Castle nicht etwas scary? Wie sieht Ihre Familie das?

Darüber denke ich nach, wenn es so weit ist. Ich bewege mich von einem Job zum nächsten. Mit dunklen Figuren habe ich schon so meine Erfahrungen. Und ja, ich denke schon, dass man jedes Mal, wenn man einen finsteren Charakter spielt, einen Teil von sich in ihm verliert. Aber die Schauspielerei hat mir das Leben gerettet. Sie geht mir über alles. Meine Arbeit und meine Familie sind alles, was ich auf dieser Welt habe. Ich erwarte mir keine Geschenke. Ich will für meine Siege hart arbeiten. 

Was meinen Sie mit “Der Schauspielberuf hat Ihr Leben gerettet”?

Ich hatte so meine Schwierigkeiten in der Vergangenheit. Ich wandelte bereits auf dunklen Pfaden, als ich durch Zufall die Schauspielerei für mich entdeckte. Ich habe daher das Gefühl, dass mein Beruf mir das Leben gerettet und mich wieder in andere Bahnen gelenkt hat. Durch meinen Job bin ich erst zum Mann geworden und innerlich gereift. Die Tatsache, dass ich fürs Schauspielen auch noch bezahlt werde, ist wie ein Wunder für mich. Ein Traum ist wahr geworden. Dafür bin ich sehr dankbar. 

„Meine Arbeit und meine Familie sind alles, was ich auf dieser Welt habe. Ich erwarte mir keine Geschenke.“  
Jon Bernthal

In einem Interview aus dem Jahr 2013 haben Sie erwähnt, dass Sie sich bereits 13 Mal die Nase gebrochen haben …

14 Mal!

Auf welchem Stand sind Sie nach den Dreharbeiten zu Daredevil?

Keine Ahnung. Ich bin an einem Punkt angelangt, bei dem ich mir die Nase bereits durch heftiges Schnäuzen brechen könnte. Ich kann alle meine Nasenknochen nach Wunsch bewegen. Das ist ziemlich widerlich. Ich habe einfach aufgehört zu zählen.

Sie sind ein Schauspieler, der eine Prise Action beim Schauspiel zu schätzen weiß.

Ja, und die Action-Szenen in Daredevil sind unglaublich ambitioniert. Wir arbeiten auf Film-Level, obwohl es „nur“ fürs Fernsehen ist. Im TV sind Fight-Sequenzen meist kurz und mit wenig Budget gedreht. Du filmst die Szene aus verschiedenen Winkeln und schickst die Stuntmänner los. Das war’s. Bei Daredevil ist das komplett anders. Die Kämpfe sind wunderschön durchchoreographiert und der  Kampfstil ist an die jeweilige Figur angepasst. Hinter jedem Kampf steckt eine Geschichte. Frank Castle aka The Punisher, also meine Figur, ist ohnedies schon ein harter Kerl. Aber seine Kämpfe werden im Laufe der Zeit immer brutaler. Es gibt gegen Ende der 2. Staffel zwei Fights, die brutaler sind als alles, was man bisher im Fernsehen gesehen hat. 

Es ist Ihnen bereits zwei Mal gelungen, eine eigentlich negative Figur liebenswert zu machen - sowohl bei The Walking Dead als auch bei Daredevil. Wie schaffen Sie das?

Ich versuche die Frage zu ignorieren, ob meine Figur ein guter oder schlechter Typ ist. Ich konzentriere mich darauf, was meine Figur durchmacht, in welcher Situation er sich befindet, und versuche ihn dann so ehrlich wie möglich zu spielen. Da kommt mir die Art, wie Netflix Serien produziert, sehr entgegen. Man muss sich keine Sorgen darüber machen, ob das Publikum einem treu bleibt oder nicht. Es gibt keine halben Sachen. Das Ziel muss lauten: „Vergiss das Publikum. Zieh dein Ding durch!“ Und das zu 100 Prozent. Verlass dich darauf, dass das Publikum dir zwei bis drei Episoden später wieder vergeben hat, wenn du etwas Böses tust. Da hilft natürlich die Tatsache, dass man nicht wochenlang auf die kommenden Episoden warten muss, sondern alles am Stück anschauen kann.

„Es gibt keine halben Sachen. Vergiss das Publikum. Zieh dein Ding durch!“
Jon Bernthal

War es schwierig für Sie, Ihr Ding zu 100 Prozent durchzuziehen? 

Nein, ich habe mich die ganze Staffel lang genau für diese Dinge eingesetzt. Ich habe gesagt: „Es ist egal, ob das Publikum es gut findet, was Der Punisher macht. Wenn wir uns und der Figur treu bleiben, wird es ihm alles verzeihen.“ Für Marvel ist Der Punisher eine wichtige Figur. Es ist ihnen nicht egal, wie er präsentiert wird. Ich hatte einige Kämpfe auszufechten, was meine Figur betrifft. Jeder einzelne war es aber wert. 

Was wäre wenn Der Punisher auf einmal im Walking Dead-Universum auftauchen würde? Würde er dort überleben? Würde er mit einem Alpha-Typen wie Rick Grimes zurechtkommen?

(Lacht.) Jesus! Ich bin bei The Walking Dead (Hinweis: Eine Zombie-TV-Serie bei der Bernthal die Figur des Shane gespielt hat) leider überhaupt nicht mehr am laufenden. Daher weiß ich nicht, ob der Punisher da reinpassen würde.  

Konnten Sie am Set auch improvisieren?

Seit ich The Wolf of Wall Street gedreht habe, hat sich meine Art zu arbeiten komplett verändert. Die einzige Möglichkeit um für ein gewisses Kribbeln und die richtige Intensität beim Drehen von Szenen am Set zu sorgen, ist unberechenbar zu sein. Du musst immer anders reagieren. Du musst deine Kollegen verunsichern und manchmal auch erschrecken. Sie dürfen nie wissen, wie du reagierst. Du darfst nicht berechenbar werden, sonst ist die Szene tot. Es ist verdammt leicht, in eine Routine zu verfallen. Also nütze ich jede Gelegenheit, um zu improvisieren. 

The Wolf of Wall Street war zweifelsohne eine wichtige Erfahrung für Sie.

Das stimmt. Es war eine kleine Rolle, aber sie hat alles verändert. Wir haben fast nur improvisiert. Marty (Hinweis: Martin Scorsese) bietet seinen Schauspielern eine unglaublich kreative Arbeitsatmosphäre. Du fühlst dich wertgeschätzt und wächst über dich hinaus. Du beginnst, Dinge auszuprobieren, Risiken einzugehen. Kurz: Du spielst das Spiel. Und plötzlich wird alles möglich. Ich habe es immer geliebt, so zu arbeiten. Seit ich mit Marty gearbeitet habe, habe ich quasi auch die offizielle Erlaubnis dazu. 

Was hat Sie an der Figur Frank Castle fasziniert?

Die Essenz von Frank Castles Dilemma kommt meiner Meinung nach direkt aus den Comics. Er ist ein Soldat, der für sein Land in den Krieg gezogen ist. Dort sah er unglaublich schlimme Dinge. Er ging in ein fremdes Land, er tötete und er riskierte sein Leben für sein Land. Dann kommt er zurück und muss feststellen, dass seine Familie brutal ermordet wurde. Jetzt brechen alle Dämme. Er befindet sich auf einem Rachefeldzug. Und er wird jedem, der seiner Familie Leid zugefügt hat, unglaubliches Leid bescheren. Er wird sie umbringen, und zwar so brutal wie möglich.   

Das Problem ist: Er fühlt Reue. Er fühlt auch Schuld. Genauso wie Schande. Er ist nur ein Mann. Und daher fragt er sich andauernd: Ist das mein wahres Ich? Tu ich, was ich tue wirklich, weil meine Familie tot ist? Oder mache ich es, weil ich mich gut fühle, wenn ich jemanden das Licht auspusten kann. Ist Töten zu einer Sucht für mich geworden?

Klingt unglaublich düster.

Ist es auch! Aber genau das liebe ich. Ich liebe das Dilemma, den Zwiespalt in der Figur. Ich liebe seine Selbstzweifel, seinen Selbsthass, seine Zerrissenheit und sein Selbstmitleid. All das macht ihn menschlich.

Wie würden Sie die Beziehung zwischen dem Punisher und Daredevil beschreiben?

Ich glaube, sie sind sich in gewisser Weise recht ähnlich. Allerdings gilt: Wenn Daredevil mit seinen Methoden richtig liegt, hat Frank sich geirrt. Sollte Franks kompromissloser Weg der richtige sein, muss Daredevil seine Vorgehensweise hinterfragen. 

Sie haben gesagt, dass Ihnen der Schauspielberuf das Leben gerettet hat. Was ist die wichtigste Lektion, die sie bisher im Leben gelernt haben?

Genieße jede Sekunde. Verschwende keine Zeit. Es könnte jede Sekunde vorbei sein. Und umarme deine Liebsten. Das ist vielleicht die wichtigste Aufgabe, die wir auf dieser Welt haben.

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03 2016 The Red Bulletin

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