Joseph Gordon-Levitt über seine Karriere

„Ich höre auf mein innerstes Selbst“

Text: Julia und Rüdiger Sturm
Bild: Corbis

Joseph Gordon-Levitt versetzt sich in den legendärsten aller Drahtseilartisten und erklärt, wie er Risiko für seine Karriere einsetzt.

THE RED BULLETIN: Für seinen Drahtseilakt zwischen den Türmen des World Trade Center bewegte sich Philippe Petit auf einer Höhe von 414 Metern. Können Sie jetzt nachvollziehen, wie sich das anfühlt? 

JOSEPH GORDON-LEVITT: 
Ich kann es ahnen. Im Juli 2001 war ich auf der Spitze des World Trade Center. Du kamst dir nicht mehr vor, als seist du in einem Gebäude, es war wie in einem Flugzeug.

Welche Fähigkeiten sind für so einen Akt nötig?

Philippe ist ein unglaublicher Kontrollfreak. Aber darin liegt auch seine Stärke. Er ist so ­penibel und so gut organisiert – und das erklärt zum Teil, warum er all das erreicht hat. Außerdem ist das Ganze eine Art Konzentrationsspiel. Er brachte mir bei, auf dem Drahtseil zu gehen, und erklärte mir: „Du findest einen Fixpunkt ­genau vor dir und schaust nur ihn an, ohne an etwas anderes zu denken. Du blickst nirgendwo sonst hin, du denkst an nichts anderes. Sobald du den Fokus verlierst, verlierst du auch dein Gleichgewicht. Denn zwischen deinem Körper und deinem Geist gibt es eine tiefgehende Verbindung.“

The Walk startet bei uns am 22. Oktober in den Kinos : thewalk-movie.net

© YouTube // KinoCheck

Wenn Sie es ihm also nachmachen wollten, dann wüssten Sie, wie?

Ich bin kein Draufgänger, der seine körperliche Gesundheit riskiert. Davon hole ich mir nicht meinen Kick. Ich begann bei 60 Zentimetern, und als ich gut genug war, steigerte ich mich auf vier Meter – in dieser Höhe drehte ich auch meine Szenen. Aber obwohl ich keine besondere Höhenangst habe, verkrampfte sich mein Körper, denn der Instinkt „Ich bin zu hoch“ schaltete sich ein. Erst gegen Ende des Films hatte ich mich daran gewöhnt. Aber für mich ist Philippes „Walk“ eher eine Metapher, denn er besagt: Du kannst gewagte Dinge erreichen, wenn du sie dir in den Kopf setzt. 

Was sich leicht sagt…

Natürlich hat nicht jeder dieselben Voraussetzungen. Manche Dinge fallen bestimmten Leuten leichter, denn das Leben auf der Erde ist nun mal nicht fair. Aber noch leichter sagt es sich: „Mir ist alles egal. Ich kann nichts erreichen. Ich kann nicht der Mensch sein, der ich sein möchte.“ So eine Haltung ist feige. 

„Sobald du den Fokus verlierst, verlierst du dein Gleichgewicht“
Joseph Gordon-Levitt, Metaphoriker

Sie haben sich ja offenbar selbst verwirklicht. Immerhin sind Sie einer der gefeiertsten Schauspieler Ihrer Generation, haben sich als Regisseur und Gründer einer innovativen Medien-Website, hitRECord, etabliert. Warum waren die Voraussetzungen für Sie günstig?

Ich habe sehr viel meinen Eltern zu verdanken. Sie gaben mir das Selbstvertrauen und unterstützten mich in der Haltung, dass ich immer auf mich selbst höre anstatt auf äußere Einflüsse, die mir sagen, was ich sein und denken soll. 

Haben Sie selbst etwas Unmögliches versucht wie Philippe Petit?

Es gibt auch Risiken in der Schauspielerei. Und nach denen bin ich süchtig. Ich suche ein Risiko, das größer ist als das vorhergehende, und das versuche ich zu meistern. So ist „The Walk“ vermutlich die größte Herausforderung meiner Karriere.

Joseph Gordon-Levitt, 34, stellt sein Projekt hitRECord vor 

© YouTube // hitrecord

„Es sagt sich leicht: ,Ich kann nicht der Mensch sein, der ich sein möchte.‘ Aber so eine Haltung ist feige“
Joseph Gordon-Levitt

Und Sie meistern das alles mit Konzentration und Mut?

Eine gewisse geistige Manipulation gehört auch dazu. Philippe riet mir, dass ich nicht von „Fallen“ sprechen sollte. Vielmehr würde ich „entscheiden, wann ich vom Seil heruntersteige“. Er hat also ein Vokabular für positives Denken kreiert. Und das ist enorm wichtig. Aus meiner Sicht passiert Leuten, die sich häufig beschweren, viel häufiger was Schlimmes. Aber wenn du eine gute Lebenseinstellung hast, dann läuft es eher andersrum. 

Andererseits geschehen schlimme Dinge auch unabhängig von der Lebenseinstellung – siehe das Ende des World Trade Center. Was sagen Sie dazu?

Die Katastrophe des 11. Septembers ist eine furchtbare Tragödie. Aber sie ist eben nicht das Einzige, was sich hier ereignet hat. Denn es gab 27 Jahre zuvor auch die Schönheit des „Walk“. Und wie bei jeder Tragödie ist es wichtig, sich an die positiven Dinge zu erinnern – an die Schönheit dessen, was du verloren hast.

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10 2015 The Red Bulletin

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