Karl Stanley

U-Boote ohne Geld bauen

Text: Muhamed Beganovic
Foto: Devon Stephens

Karl Stanley weiß, wie! Ihm reichen Schrott und Begeisterung. Auf Schatzsuche geht er aber, aus gutem Grund, nie.

An einem Abend im Jahr 1983 änderte sich Karl Stanleys Leben. Er war damals neun und las ein Kinderbuch über drei Buben, die sich ein Tauchboot basteln. „Ich wusste sofort: Das ist es, was ich tun will.“ Stanley wurde ein wenig unterstützt und ziemlich viel verlacht („Ich brach den Kontakt zu vielen Freunden ab“).

Als er fünfzehn war, begann er mit der konkreten Arbeit: recherchierte, zeichnete Baupläne, sparte das Geld aus Verlegenheitsjobs an. Acht Jahre später tauchte er mit seinem selbstgebauten Boot 200 Meter tief.

Ein weiteres Jahr später engagierte ihn ein Hotelier aus Honduras als Unterwasser-Fremdenführer in der Karibik, was Karl Stanley bis heute ist. Seit 2002 auch mit einem zweiten U-Boot, das bis zu 900 Meter tief tauchen kann.

THE RED BULLETIN: Der Bau eines U-Boots kostet üblicherweise ein paar Millionen Dollar. Wie haben Sie als Fünfzehnjähriger die Kohle für den Bau Ihres Boots aufgetrieben?

KARL STANLEY: Schritt für Schritt. Ich musste zuerst eine Schweißerausbildung machen. Die haben mir meine Eltern bezahlt, aber dann sagten sie: „Wir können dich nicht weiter unterstützen.“ Dann habe ich Eis verkauft und in der Uni-Bibliothek mit gebrauchten Büchern gehandelt. So habe ich die 20.000 Dollar für die Produktion verdient.

Wie baut man bitte mit 20.000 Dollar ein U-Boot?

Indem man viel selbst macht. Und das Material am Schrottplatz einkauft. Nur beim Stahl darf man keinesfalls geizen, denn man braucht Stahl, der nicht rostet und dem Druck standhält.

„Natürlich muss man lernen, aber man braucht die Uni nicht.“
Karl Stanley, 41

U-Boote werden üblicherweise von ganzen Ingenieurteams konstruiert und gebaut. Sie waren ein Teenager und allein. Sind Sie ein U-Boot-Genie?

Nein, ich war nur motiviert. Ich habe lange recherchiert, viele Bücher gelesen, mich mit Menschen getroffen, die in den 1960er Jahren Tauchboote gebastelt hatten. 

Nun, man könnte auch ­Bücher über Autos lesen und mit noch so viele Ingenieuren reden, trotzdem gelingt es einem nicht, daheim in der Garage ein Tesla Model S zu bauen.

Ein Tauchboot ist viel leichter zu bauen als ein Auto. Es muss entweder kugelrund oder zylinderförmig sein. Sonst kann es weder tauchen noch dem Druck standhalten. Und es muss aus Stahl sein. Diese Reduktionen machen die Sache einfacher.

Sie sagen also, man braucht weder einen Haufen Geld noch die Ausbildung an einer Elite-Uni, um ein U-Boot zu bauen. Der Wille allein reicht. Stimmt das?

Ja. Es kommt wirklich nur auf die Entschlossenheit an. Ich hatte am Anfang weder Kohle noch eine Ausbildung. Geld kann man aber verdienen und ansparen. Und natürlich muss man lernen, aber man braucht die Uni nicht. Dort lernt man nur langweilige Theorie. Man muss selbst anpacken, wenn man wirklich was lernen will. Das hat nicht nur was mit U-Booten zu tun. Ich bin überzeugt, dass dieses Prinzip für alles im Leben gilt. 

Was, wenn nun jemand das hier liest und ebenfalls ein U-Boot zu bauen beschließt? Was würden Sie ihm raten?

Durchhalten. Einfach durchhalten. Und nie an sich selbst zweifeln.

„Es kommt nur auf die Entschlossenheit an.“
Karl Stanley, Meer‑Entdecker

Und dann auf dem Meeresgrund nach Schätzen suchen und steinreich werden?

Nein, das nicht. Man würde sich sehr bald vor Gericht wiederfinden. Wem gehört denn der Schatz, den man findet? Meistens beanspruchen ihn die Regierungen für sich. Vergessen Sie’s. Ich kenne keine Happy-End-Geschichten von Schatzfunden. 

Warum dann die See erkunden? Was ist es, das die ganze Mühe wert macht?

Mich hat immer das Abenteuer getrieben. Ich bin wahnsinnig eifersüchtig auf die Menschen, die vor 300 Jahren gelebt haben. Sie konnten einfach irgendwohin reisen und etwas Neues entdecken. Heutzutage ist alles entdeckt, alles vermessen. Außer dem Meer. Das Meer ist der letzte Ort, an dem man sich noch wie ein Entdecker fühlen kann.

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04 2016 The Red Bulletin

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